Die Begr├╝├čung

von Karl Lerbs

© 1957 Carl Schünemann Verlag
Die Begrüßung
 
In Sanddorf, das zwar nicht nach der Bestimmung der Landkarte, aber nach dem Gesetz der Sprache und der Menschenbeschaffenheit zu Bremen gehört, sah sich einmal der Ortsvorsteher und Klostermüller Diedrich Kühsel vor der Aufgabe, einen von der preußischen Regierung entsandten neuen Landrat zu begrüßen. Er hatte sich in mehrwöchiger Arbeit eine kernige Ansprache aufgebaut, die der besonderen geschichtlichen, wirtschaftlichen und ideellen Rolle Sanddorfs im Rahmen des preußischen Staates ausführlich gerecht wurde. Diese - vom Pastor wie vom Gemeindeschäfer gleichermaßen gutgeheißene - Ansprache hatte er in weiterer mehrwöchiger Arbeit zuverlässig auswendig gelernt; so trat er, prall umschlossen von dem schwarzen Gehrock, den der Schneider Sophus Schnakenberg festlich aufgebügelt hatte, den leicht ins Rötliche spielenden „Ziehlinner“ im steif gewinkelten Arm, aufs der Gruppe der versammelten Honoratioren auf den Landrat zu und holte zur Ansprache aus.
     Der Landrat, noch auf dem Trittbrett der Kutsche, in der er die erste Rundfahrt durch sein neues Reich erledigte, musterte die Abordnung kühl und gemessen durch sein funkelndes Einglas, sah die Rede auf sich zukommen, gebot mit lässig erhobener Hand Einhalt und sagte knapp:
     „Bitte kurz.“
     Diedrich Kühsel klappte den Mund zu, schluckte seine Ansprache hinunter, machte mit kurzem Ruck eine eckíge Verbeugung und sagte:
     „Gu'n Morgen.“
     Hierauf hieb er sich den Zylinder auf den Schädel und trat in die Gruppe der Honoratioren zurück. Der Landrat stutzte, besann sich, ließ das Einglas fallen, lüftete sein Jägerhütchen und sagte:
     „Hähä. Famos.“
     Sie wurden gute Freunde.
 
 
Karl Lerbs