Der Str├╝mpfesortierer

von Erwin Grosche

Der Strümpfesortierer
 
Strumpfschubladenbetrachtungen
 
Es ist vielleicht vermessen, beim Sortieren von Strümpfen an Beziehungen zu denken, aber manchmal passen sie zusammen und manchmal nicht. Ich habe schon Strümpfe gesehen, die sind voreinander geflohen. „Schatz, ich geh nur mal in die Waschmaschine zum Schleudern.“ Manchmal paßt wenigstens die Farbe eines Strumpfes zu der Farbe eines anderen Strumpfes, aber die Muster sind unterschiedlich, obwohl so etwas von weitem betrachtet kaum auffällt. Ich kenne sogar Strümpfe, die sind von der Länge her anders und man traut sich trotzdem sie zu kombinieren. Ich habe schon Strümpfe gesehen, die waren überhaupt nicht füreinander geschaffen, aber das fiel nicht auf, wenn sie in einem witzigen Umfeld lebten. Zum Beispiel, in einem Zirkus und sie gingen als Clowns. Manche Schubladen beherbergen nur zwei Strümpfe, die sind froh, wenn man sie zusammen läßt. Einbeinige sind arm dran, aber in der Auswahl ihrer Socken haben sie es leichter. Es gibt dicke Strümpfe, die sollen ganz warm halten, aber man zieht sie nicht gerne an. Ich hatte mal einen Strumpf an, der wollte sich beim Gehen vom Acker machen, der zog sich beim Gehen heimlich aus. Wenn ich keine Schuhe angehabt hätte, dann wäre der längst weg. Das Image der Strümpfe steht nicht für Abenteuerlust und Romantik, dabei hatte ich mal einen Strumpf, der war so beweglich, damit konnte man eine Fliege von der Wand schießen. Ein Strumpf kann ganz schön aus sich raus gehen, wenn man weiß wie man ihn zu halten hat (Der Strumpf wird mit Zeigefinger und Daumen festgehalten, dann zieht man ihn lang und läßt dann los. Da tanzt der Strumpf, wenn er jung ist.). Manchmal gehe ich mit einer Hand in einen Strumpf und sage: „Na, du Strumpf?“, dann blickt er mich ganz komisch an und schreit: „Ich fühle mich falsch behandelt!“. Das mache ich aber nur, wenn keiner zusieht. Ich weiß nicht, ob Strümpfe Sehnsucht haben, aber wenn sie alt werden, erinnern sie mich an meine Jugend. Strümpfe sind auf jeden Fall zweigeschlechtlich, man sagt „Die Socke“ und „Der Socken“. Früher rief man: „Wenn dich die bösen Buben locken, dann bleib zu Haus und stopfe Socken“. Heute sagt man: „Mehr als zwei Socken sind eine Gruppe.“ Und: „Der Socken wird so lange gewaschen, bis er filzt“ - und seien wir doch froh, daß wir keine Tausendfüßler sind.
 
 
© 2022 Erwin Grosche
 
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