Ein gro├čer Abend

Die lustige Witwe in Wuppertal

von Johannes Vesper

Foto © Bjoern Hickmann

Eröffnung der Spielzeit 2022/23 in Wuppertal
 
Die lustige Witwe

Operette in drei Akten, Buch von Victor Léon und Leo Stein. Musik von Franz Lehár

Das Thema dieser alten Operette ist ziemlich aktuell: Deutschland hat in den letzten Jahren 490 Milliarden neue Schulden gemacht, allein 100 Milliarden, um die Bundeswehr funktionsfähig zu machen. Im Barmer Opernhaus kümmert sich kein Finanzminister um die Finanzkrise des Staates. Im Balkan-Fantasie-Staat Pontevedro glaubt man durch Heirat die Pleite des lösen zu können. Hanna, ein Mädchen vom Lande, hatte den unfaßbar vermögenden Bankier Glawari geehelicht und beerbt. Er war glücklicherweise schon in der Hochzeitsnacht verstorben. Mit ihren mutmaßlichen Milliarden, die hoffentlich per Hochzeit dem Pleitestaat zufließen würden, wollte man, den Staatsbankrott abwenden. Auf dem Ball der Botschaft in Paris bemühten sich die wichtigen Männer des Staates um sie. Auch ihr früherer Liebhaber Danilo, der sie aus Standesgründen damals nicht heiraten konnte, entflammte erneut, traute sich zunächst aber nicht recht. Die Operette handelt von Flirt, Verwechslungen, Erotik, Verführung, schlechtem Gewissen, und die Bühne dreht sich heiß zu der seit der Uraufführung 1905 in Wien immer wieder amüsanten wie herzzerreißenden Musik von Franz Lehár (1870-1948). Sie wurde von Bela Bartok und Dimitri Schostakowitsch in ihren Werken zitiert. Ihr hat auch nicht geschadet, daß sie trotz jüdischer Buchautoren die Nazi-Zeit als Lieblingsoperette Adolf Hitlers überstand. Sie wurde schon zu Lebzeiten Lehárs zum Welterfolgt, über 300.000 Mal aufgeführt und mehrfach verfilmt u.a. von Ernst Lubitsch. Jetzt aber zur Premiere in Barmen.
 
Unter dem Stab des Generalmusikdirektors erscheint Wiener Walzerseligkeit zunächst eher militärisch schmissig. Erst später blühten die ungarisch temperierten und slawisch gefärbten, herzzerreißenden „Schlager“ auf, als säße Franz Lehar immer noch im Graben. Er hatte seine Musikerkarriere als Sologeiger hier am Ort begonnen und seine musikalische Seele schien zumindest zeitweise immer noch präsent bei lyrischen Höhepunkten mit Sologeige und gefühlvollen Cellokantilenen und dann endlich atmet und tanzt bei schwungvollem Rhythmus und herzzerreißender Melodien die Seele des begeisterten Publikums mit, wenn ein Ohrwurm den nächsten jagt.
 

Foto © Bjoern Hickmann

Christopher Alden, hier bereits bekannt durch seinem Antonia-Akt in „Hoffmanns Erzählungen“ 2016/17, liefert mit dieser Inszenierung sein Debüt für die „Lustige Witwe“ und verlegt die Handlung nicht ins „Heute“, sondern in die Zeit des „Kalten Krieges“. Bereits vor Beginn erlebt das Publikum den Charme eines Büros z.B. der DDR in den 60er Jahren. Hier die Turbulenzen der Handlung erwartend, wird Baron Mirko Zeta (Sebastian Campione) zunächst nur umschlungen vom Kabel des leuchtenden Staubsaugers, mit dem Diener Niegus (als Frau dargestellt von Philippine Pachl) auf dem Boden herumfuhrwerkt. Mit einer närrisch-verrückten Rede als Stewardess meint diese das Publikum auf die Operette einstimmen zu müssen. Langsam beginnt die zunächst unübersichtliche Handlung, bei der sich „die Liebe nie in acht nimmt“. Graf Danilov (Simon Stricker) taucht aus dem Nachtleben von Paris auf und bekommt erst einmal von Niegus die Zähne geputzt. Der Zauber stiller Häuslichkeit scheint ihm aber nicht unmittelbar einleuchtend. Die sparsamen Bewegungen der einzelnen Figuren wie die des Chores spiegeln vielleicht ganz im Sinne des Komponisten die Verständnisschwierigkeiten zwischen Mann und Frau. Lehár nutzte Tanz eigentlich zur Verständigung zwischen den Figuren auf der Bühne. „Daß alle Schritte sagen, bitte hab mich lieb“ leuchtet bei der schematisch wirkenden Choreographie allerdings nicht ohne weiteres ein. Dabei bietet die Operette viele Tänze vom Cakewalk bis zur Mazurka und gilt ausdrücklich als Tanzoperette. Notabene will Graf Danilov mit seiner alten Liebe Hanna nur gegen 10.000 Taler tanzen, die für wohltätige Zwecke sein sollen. Witzig kommentiert Hanna Glawari (Eleonore Marquerre) mit Schildern ihre möglichen Tanzpartner für das Publikum. Das eher sparsame Bühnenbild lebt von gelben Farben und vom Sonnenlicht, welches durch Öffnen von Türen und Fenstern draußen „die Blumen im Lenze“ erahnen läßt und zu reichem Schattenspiel der Personen auf den Wänden führt. Vor weißen Schneeflocken auf Chor und Viljastein und Gehörn für die Witwe wird nicht zurückgeschreckt. Daß Valencienne immer wieder behauptet“ Ich bin eine ehrbare Frau“, mag man kaum glauben. Sie wäre auch die einzige, denn die Grisetten ziehen später in durchsichtigeren Kleidern und Federbüschen über dem Kopf die Blicke auf sich.
 

Foto © Bjoern Hickmann

Mit Danilovs Ratschlag fürs Leben „Verlieb dich oft, verlob dich selten, heirate nie“ nimmt die Herzschmerzkomödie nach der Pause Fahrt auf. Eleonore Marguerre strahlt mit kräftigem Sopran mühelos in höchste Höhen, kokettiert und flirtet temperamentvoll und erotisch („Dummer, dummer Reiter“) mit Danilov und allen anderen. Simon Stricker beherrscht mit aufregender Bühnenpräsenz und seinem profundem wie elegantem Bariton stets die Szene. Auch das Paar Hyejun Kwon (Valencienne) und Theodore Browne (Camille Rosillon) bieten stimmlich wie schauspielerisch das reinste Vergnügen bei der Verfolgung ihrer unmöglichen Liebe. Ein Fest der Stimmen ist das Quintett mit dem klangvollen wie souveränen Bass Sebastian Campiones (Baron Mirka Zeta). Der Chor (Ulrich Zippelius) singt hinreißend. Zuletzt grandioser Applaus für Solisten, Chor, Dirigent, Regie über 16 Minuten, in denen das Orchester auch ohne Dirigent, denn der stand auf der Bühne, mehrfach Nachlese hielt. Zum diesem Erfolg haben Gäste aus der ganzen Welt beigetragen: Christopher Eden führte Regie an der Opera Comique in Paris, an der Deutschen Oper Berlin, der Opera Australia, New York City Opera, an der San Francisco Opera u.a.. Bianca Añón hat in Valencia studiert und ihre Bühnenbilder am Residenztheater München, den Wiener Festwochen u.a. präsentiert. Und die Kostümbildnerin Kaye Voyce entwarf Kostüm schon auf dem Festival d Aix en-Provence, dem Teatr Wielki Warsaw u.a.. Ein großer Abend, der uns mit verschiedenen Problemen allerdings allein läßt: Deutschlands Finanzen können mit 20 Millionen einer reichen Operettenwitwe nicht gerettet werden. Und „Das Studium der Weiber ist schwer“, auch heute noch.
 
›Die lustige Witwe‹
Operette in drei Akten, Buch von Victor Léon und Leo Stein. Musik von Franz Lehár. In deutscher Sprache mit Übertiteln.
Dauer ca. 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause, Werkeinführung 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn
Premiere: Sa. 27. August 2022, 19:30 Uhr, Opernhaus

Musikalische Leitung: Patrick Hahn - Inszenierung: Christopher Alden
- Bühne: Blanca Añón - Kostüme: Kaye Voyce
Choreografisch-szenische Mitarbeit: Kati Farkas
- Dramaturgie: Marie-Philine Pippert
Lichtdesign: Marc Gonzalo - Choreinstudierung: Ulrich Zippelius

Besetzung:
Baron Mirko Zeta: Sebastian Campione / Valencienne, seine Frau, Grisette: Hyejun Kwon (Opernstudio NRW) /;Graf Danilo Danilowitsch: Simon Stricker / Hanna Glawari: Eleonore Marguerre / Camille de Rosillon: Theodore Browne / Njegus, Grisette: Philippine Pachl / Vicomte Cascada: Mark Bowman-Hester / Raoul de Saint-Brioche: Max van Wyck / Bogdanowisch: Giorgi Davitadze / Sylviane, seine Frau, Grisette: Tanja Ball, Ja-Young Park / Kromow / Grisette: Marco Agostini, Javier Horacio Zapata Vera / Olga, seine Frau / Grisette: Teresa Heiligenthal, Banu Schult / Pritschitsch: Tomasz Kwiatkowski Praskowia / seine Frau, Grisette: Anna-Christine Heymann, Katrin Natalicio
Opernchor der Wuppertaler Bühnen, Sinfonieorchester Wuppertal
 

Foto © Johannes Vesper

Weitere Termine:
So. 4. September 2022, 16 Uhr, Opernhaus
Mo. 3. Oktober 2022, 19:30 Uhr, Opernhaus
Fr. 14. Oktober 2022, 19:30 Uhr, Opernhaus
Sa. 15. Oktober 2022, 19:30 Uhr, Opernhaus
So. 23. Oktober 2022, 18 Uhr, Opernhaus
So. 6. November 2022, 16 Uhr, Opernhaus
So. 27. November 2022, 18 Uhr, Opernhaus
So. 18. Dezember 2022, 16 Uhr, Opernhaus
Di. 27. Dezember 2022, 19:30 Uhr, Opernhaus
Sa. 31. Dezember 2022, 18 Uhr, Opernhaus
So. 19. Februar 2023, 16 Uhr, Opernhaus

Weitere Informationen: www.wuppertaler-buehnen.de