Fahrenheit 451

├ťber B├╝cherverbrennungen und Ray Bradburys Dystopie

von Frank Becker/Red.

Die Spur des Feuers …
 
… von Bücherverbrennungen zieht sich durch die Jahrtausende. Bis heute.
 
Am 1. April 1933, sechs Wochen vor den reichsweiten Aktionen in deutschen Universitätsstädten, wurden in Wuppertal auf zwei großen Scheiterhaufen am Brausenwerth in Elberfeld und auf dem Barmer Rathausvorplatz die Bücher „undeutscher Autoren“ öffentlich verbrannt. Es war eine der ersten Bücherverbrennungen im heutigen Nordrhein-Westfalen. Um daran zu erinnern, lädt die Else Lasker-Schüler-Gesellschaft für dem 1. April 2023 um 17.00 Uhr ins Internationale Begegnungszentrum der Caritas, Hünefeldstr. 54 a, ein: Hajo Jahn berichtet in seinem Lichtbildervortrag „Fahrenheit 451“ über die Spur des Feuers von der Antike bis in die Gegenwart.
Mitwirkende sind die Sängerin und Schauspielerin Margaux Kier und der Pianist Henning Brand. MdB Helge Lindh führt in die Thematik ein. Der Eintritt ist frei.

„Fahrenheit 451“ ist der Titel des Romans von Ray Bradbury, der auch erfolgreich verfilmt wurde. 451 Grad Fahrenheit entsprechen 232 Grad Celsius. Bei dieser Temperatur brennt Papier. Die Else Lasker-Schüler-Gesellschaft setzt sich seit 1995 dafür ein, daß auf dem heutigen Johannes Rau-Platz vor dem Rathaus dauerhaft an die Bücherverbrennungen erinnert wird. Vorgeschlagen ist eine Bronzepatte auf dem Boden mit Hinweisen auf die Greueltat. Daran beteiligen sich die Jüdische Kultusgemeinde, die Armin T. Wegner-Gesellschaft und der Freundeskreis Beer Sheva. Künftig soll auf dem Rathausvorplatz in Barmen jedes Jahr am 1. April um 12 Uhr (auch diesmal bereits) an die Bücherverbrennungen erinnert werden. Möglichst auch mit Schülerinnen und Schülern, die  aus Büchern lesen, die einst von den Nationalsozialisten verbrannt wurden. (Hajo Jahn)
 
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Die Zukunft ist längst eingetreten.
 
Ray Bradbury (1920-2012) war ein Visionär, einer, der vor dem Hintergrund des erst wenige Jahre besiegten „1000jährigen Reichs“ geradezu seherisch eines von dessen Machtmitteln zum Thema einer Dystopie machte – die Bücherverbrennung, die im Stillen durch Zensur im deutschen Nachfolgestaat DDR und ihrem Meister UdSSR bis 1989 im eigentlichen System weiter bestand.

Mit verblüffendem Weitblick hat Bradbury schon 1953 in seinem Roman „Fahrenheit 451“ (bei dieser Temperatur fängt Papier Feuer), quasi in der gedanklichen Fortführung von Fritz Langs „Metropolis“ (1927), erkannt und vorgeführt, was eine technisierte, automatisierte, digitalisierte Zukunft in einem autoritären Staat bedeuten könnte. Konrad Zuse hatte 1941 mit seinem „Z 3“ den ersten funktionsfähigen Computer der Welt gebaut und den Weg in die digitale Zukunft gezeigt, die heute längst eingetreten ist und bereits unverrückbar unseren Alltag beherrscht. Zahllose Fernseh-, vor allem Privatsender überschütten in ihren Nachrichtensendungen die Völker der Welt neben Fakten mit Halbwahrheiten, Falsch-Informationen und Gerüchten. Sich pausenlos wiederholende Werbeblöcke geben den Lügen von Öl-, Auto-, Chemie-, Lebensmittel- und Kommunikationskonzernen profitablen Raum, klopfen die Gehirne ihrer Konsumenten weich und reden ihnen ein, daß das Leben nichts kostet, quasi zum Nulltarif zu haben ist und immer nur Spaß macht.
 
Es ist eine beklemmende Dystopie des Zeitalters von Internet, Social-Media und der dadurch installierten totalen Kontrolle, die Bradbury, auch in Sukzession von George Orwells „1984“, vorausgesehen hat: Lesen ist geächtet, Wissen nicht erwünscht, und die Menschen werden mit Entertainment und Dauerberieselung kleingehalten. Auf den Besitz von Büchern steht Strafe. Man will einen drohenden Krieg unter der Decke halten, indem man ihn verschweigt, das Volk ablenkt und unterdrückt. Der Feuerwehrmann Guy Montag, der an den staatlich angeordneten Bücherverbrennungen, die auch vor den Häusern und dem Leben von Buchbesitzern nicht halt machen, beteiligt ist („Es war eine Lust, Feuer zu legen“), beginnt nach traumatischen Erlebnissen sich Befehlen zu widersetzen. Er hat den Selbstmordversuch seiner Frau Mildred mit ansehen müssen und gleich darauf bei einem Einsatz erlebt, wie sich eine alte Frau zusammen mit ihren Büchern verbrennen ließ. Guy Montag schließt sich dem Widerstand an und nimmt den Marsch in eine ungewisse Zukunft auf…
 
Eine Empfehlung der Musenblätter, besonders Lesern in Ungarn, Polen, Weißrussland, China, der Türkei, Russland, Nordkorea und anderen unter diktatorischen oder autokratischen Regierungen leidenden Staaten ans Herz gelegt – sofern dort noch nicht auf dem Index und überhaupt zu bekommen. (Frank Becker)
 
Ray Bradbury – „Fahrenheit 451“
Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg, nach der aktualisierten Überarbeitung 2003 durch Ray Bradbury
© 2020 Diogenes Verlag, 271 Seiten , Ganzleinen mit Schutzumschlag – ISBN: 978-3-257-07140-5
24,- €
Weitere Informationen: www.diogenes.ch