Überraschungs-„Oscar“ für Brendan Fraser

„The Whale“ von Darren Aronofsky

von Renate Wagner

The Whale
USA 2022 

Regie: Darren Aronofsky
Mit: Brendan Fraser, Sadie Sink, Ty Simpkins, Hong Chau, Samantha Morton
Österreichisches Prädikat: Wertvoll
 
Es war der Überraschungs-„Oscar“ dieses Jahres. Bester Hauptdarsteller: Brendan Fraser, ein Mittfünfziger, der vor einem Vierteljahrhundert ein paar „Mumien“-Filme gedreht hat, seither in Fernsehserien versackt ist und niemandem abging, weil er nie sehr bedeutend gewesen war. Und nun bewährte sich an ihm ein altes Hollywood- und „Oscar“-Gesetz – spiele einen extremen, auch behinderten Charakter und du hast die besten Chancen auf die Statuette…
Nicht, daß Brendan Fraser sie nicht verdient hätte. Er trägt den fast zweistündigen Film von Regisseur Darren Aronofsky (der seinem größten Erfolg, „Black Swan“ von 2010, nichts Adäquates mehr nachschicken konnte) – ein mehr als übergewichtiger Mann, für den das Wort „adipös“ fast zu harmlos klingt – den „Wal“ des Titels kann man schon eher mit ihm verbinden. Dazu muß man bewundernd anerkennen, daß die Fettmassen, in denen er versinkt, so echt wirken, daß man sie für echt halten könnte – sie waren allerdings ein Kunststück der Maskenbildner. Über 270 Kilo soll dieser Charlie schwer sein – wie es dazu gekommen ist, erfährt man allerdings nicht.
 
Charlie kann sich kaum von seinem Sessel erheben, geschweige denn, außer Haus gehen und ein normales Leben führen. Liz, eine ehrlich um ihn bemühte Asiatin (Hong Chau bekam eine Nominierung für den Nebenrollen-„Oscar“) kümmert sich um ihn und seinen immer schlechter werdenden körperlichen Zustand, und Pizzabote Dan (Sathya Sridharan) liefert Nachschub an ungesundem Essen. Seinen Job als Englischprofessor, der bei Seminararbeiten hilft,  führt Charlie (die Digitalisierung hat das Home Office ermöglicht) vom Computer aus. Dabei ist der überschwere Mann mit den milden, klugen Augen absolut liebenswert – man wüßte nur mit der Statik seiner Situation nichts anzufangen.
Aber langsam schält sich die „Handlung“ heraus – Charlie ist schwul, sein Partner ist kürzlich gestorben, und für diesen hat er vor zehn Jahren Frau und Tochter verlassen. Diese war ein Kind, nun ist sie 17, und Charlie wünscht sich nichts sehnlicher, als wieder mit ihr in Kontakt zu treten. Dafür bietet er ihr sogar Geld, das sie auch nimmt.
Nun würde man diese Ellie (Sadie Sink) für eine aggressive Rotzpiepe halten, so widerlich aggressiv verhält sie sich Charlie  gegenüber, hätte man nicht Verständnis dafür, daß es kein Spaß gewesen sein kann, als Kind verlassen zu werden, weil der Vater den Freund der Familie vorzog. Der Schlagabtausch der beiden, von ihm mit großer, geradezu wunderbarer Geduld getragen, stellt die Haupthandlung der an sich nicht eben ereignisreichen Geschichte, in die noch ein junger Missionar (Ty Simpkins als Thomas mit mehr eigenen Problemen als der Fähigkeit, irgendwie hilfreich zu sein) hineinplatzt und auch die Exfrau (auch sehr unfreundlich: Samantha Morton)  kurz mitspielt.
So köchelt auf dem engsten Raum um Charlies Fauteuil das Psycho-Familiendrama um Schuld und Sühne. Der „Wal“ – ist bekanntlich auch der Untertitel von Herman Melvilles Roman „Moby Dick“. Und es verwundert nicht, dass Charlie, der seiner Tochter auch mehr vermitteln will als quälende Familienstreitereien, sich mit ihr über dieses Buch unterhält und sie zu einer Arbeit darüber anregt.
 
Die Dramaturgie des Kinos verlangt so etwas wie ein Happy End – und so erhebt sich Charlie für Ellie von seinem Sessel. Und so wie der Wal aus dem Meer in die Höhe fliegt, setzt er zu einem Sprung an – in dem er erstarrt. Ein symbolisches Schlußbild für einen Film, der inhaltlich nichts Besonderes wäre, hätte man die Hauptfigur nicht in diese extreme Situation gebracht. Es hat sich ausgezahlt, zumindest für Hauptdarsteller und Regisseur, die sich wieder in den Mittelpunkt der Filmwelt und ihrer Wahrnehmung katapultiert haben.
 
 
Renate Wagner