Geschichte kann sich in viele Richtungen entwickeln

Historiker Georg Eckert ├╝ber eine Parallelsituation vor hundert Jahren

von Uwe Blass

Georg Eckert - Foto:  UniService Transfer
Geschichte kann sich in viele 
Richtungen entwickeln
 
Historiker Georg Eckert über eine Parallelsituation vor hundert Jahren
 
Herr Eckert, Sie lehren und forschen an der Bergischen Universität im Fach Neuere Geschichte. Sie haben jüngst ein Buch herausgebracht, welches sich mit den 20er Jahren beschäftigt. 1923 scheint dabei ein besonderes Krisenjahr gewesen zu sein, welches viele Parallelen zu 2023 zuläßt. Allem voran kann man da sicher die Inflation nennen, oder?
 
Eckert: Daß wir uns heute überhaupt solche Sorgen über Inflation machen, ist ja eine der langen nachhallenden Lektionen des Jahres 1923: Es ist kein Zufall, daß in Deutschland seit dieser extremen Erfahrung von Vermögensvernichtung weitaus größere Ängste vor Geldentwertung bestehen als in vielen anderen Staaten. So prekär die aktuelle Situation auch ist, in die viele Haushalte mit der seit einiger Zeit anhaltenden Teuerungswelle geraten sind – in Deutschland anno 2023 herrscht eine besorgniserregende Inflation, in Deutschland vor hundert Jahren galoppierte bereits eine Inflation, die anno 1923 zu einer enorm bedrohlichen Hyperinflation aufblähte. Sie vernichtete viele Existenzen, und eben auch das Vertrauen in Banknoten und überhaupt den Staat. Kommunen und Firmen haben seinerzeit sogar eigene Notgelder herausgegeben, mancherorts wurden Anleihen für Sachwerte wie Holz oder Getreide ausgegeben. Das war folgerichtig, denn Briefmarken wurden mit astronomischen „Milliarden“-Werten überdruckt, die allerdings nichts wert waren, die Reichsbank hat am Ende der Hyperinflation sogar eine Banknote über „100 Billionen Mark“ drucken lassen.
 
Auch das Thema Energieknappheit hat die Menschen vor hundert Jahren umgetrieben. Wie war das damals?
 
Eckert: Infolge der rapiden Entwertung von Geld in der deutschen Hyperinflation wußten selbst manche einst vermögende Menschen nicht mehr, wie sie Güter des täglichen Bedarfs wie Nahrungsmittel und Heizkohle beschaffen sollten; die Verzweiflung reichte bis tief ins Bürgertum hinein. Man kann sich die enorme Verzweiflung in einer Gesellschaft vorstellen, die solche Nöte bereits im Ersten Weltkrieg hatte erdulden müssen. Für Lebensmittel mußte man im Herbst 1923 teils in langen Schlangen anstehen, wenn man sie sich denn leisten konnte, in großen Städten gab es teilweise Suppenküchen, rund 300.000 Kinder wurden damals sogar aus dem Ruhrgebiet evakuiert, um andernorts wenigstens zu überleben. Nicht nur in Hunger mußten viele Menschen leben, sondern wegen unbezahlbarer Konsumgegenstände des Alltags eben auch im Kälte. Denn die Hyperinflation ihrerseits war selbst in eine Energiekrise verschlungen – nämlich die Ruhrbesetzung,
 
Alle Welt schaut derzeit auf die Invasion der Russen in der Ukraine. Auch das haben wir hier vor 100 Jahren mit der Ruhrbesetzung durch französische und belgische Truppen erlebt. Was war der Auslöser, so kurz nach dem Ersten Weltkrieg?
 
Eckert: Es kommt darauf an, wen man fragt: Die meisten französischen und belgischen Zeitgenossen fanden, daß ihre Truppen das Ruhrgebiet hätten besetzen müssen, weil Deutschland mit seinen Reparationsleistungen in Rückstand geraten sei. Nach zwei von Deutschland ausgehenden Kriegen hatten sie ihre Gründe, den mächtigen Nachbarn nachhaltig zu schwächen, darum ging es eigentlich – insbesondere Frankreich hätte am liebsten eine Herauslösung des Ruhrgebiets aus Deutschland erzielt und unterstützte einschlägige separatistische Bemühungen. Alle Seiten hatten sich auf ein solches Besatzungs-Szenario eingestellt, einen Einmarsch in das Ruhrgebiet hatte bereits das Londoner Ultimatum vom Mai 1921 angedroht, um Deutschlands Zustimmung zum dort verkündeten Zahlungsplan zu erzwingen. Angesichts der großen wirtschaftlichen Krise in Deutschland mit hoher Arbeitslosigkeit ließen sich die Alliierten zwar im Jahre 1922 darauf ein, statt Geldzahlungen nunmehr Sachlieferungen zur Vergeltung der Kosten des von Deutschland begonnenen Weltkrieges anzunehmen. Doch bereits im Dezember des Jahres 1922 attestierten sie einen Lieferungsrückstand, eigenmächtig rückten ab dem 11. Januar 1923 französische und belgische Truppen ins Ruhrgebiet ein, um umfangreichere Transporte von Kohle, Koks und Stahl zu bestücken. Aus Sicht der meisten Deutschen – die besagten Separatisten ausgenommen – stellte das allerdings nur einen weiteren Vorwand dar, um Deutschland schonungslos zu schwächen und demonstrativ zu demütigen. Ein Verlust des wirtschaftlich so immens bedeutenden Ruhrgebiets erschien ihnen als weitere fatale Fortsetzung einer feindseligen alliierten Politik, die im Versailler Vertrags gemündet hatte. Immerhin war das Rheinland, von dem aus der Vormarsch ins Ruhrgebiet begann, gemäß dem als schändlich empfundenen Frieden ohnehin schon von alliierten Truppen belegt. Die Reichsregierung durfte sich einhelliger Zustimmung sicher sein, als sie schon zwei Tage später den „passiven Widerstand“ verkündete – das Reich übernahm in diesem Zuge die Löhne der Ruhrarbeiter. Zur Finanzierung diente die Notenpresse: ebenso wie der Produktionsstillstand im Ruhrgebiet ein wichtiger Faktor dafür, daß aus der ohnehin schon enorm hohen Inflation plötzlich eine Hyperinflation wurde. Gleichzeitig betrieben manche (übrigens auch von Elberfeld aus) den „aktiven Widerstand“, der von der Sabotage von Zuglinien bis hin zu Attentaten auf die Besatzer reichte – der von den Franzosen hingerichtete Leo Schlageter wurde zu einem Märtyrer verklärt, so wie umgekehrt französischen Soldaten in ihrer Heimat für eine aggressive Besatzungspolitik gefeiert wurden: Auch unbeteiligte Zivilisten erschossen sie, mitunter nutzten sie Deutsche als menschliche Schutzschilde, auch zu Vergewaltigungen kam es. All das geschah in einer gegenseitigen Eskalationsdynamik, wie sie in Besatzungssituationen oft auftritt.
 
Der Besetzung durch die Alliierten schlossen sich auch Separatistengruppen an, die aber von der Bevölkerung nicht unbedingt unterstützt wurden. In der bei vielen verhassten Weimarer Republik kam es zu Ausschreitungen mit Toten und Verletzten. Politische Unzufriedenheit erleben wir heute wieder. Wiederholt sich hier Geschichte?
 
Eckert: Wir wollen es nicht hoffen, wir müssen es allerdings auch wirklich nicht unmittelbar fürchten: jedenfalls nicht in der Manier, die wir aus dem Krisenjahr 1923 kennen – in das ja in Deutschland gleich mehrere sogleich niedergeschlagene Staatsstreiche fallen. Ruhrbesetzung und Hyperinflation führten zu einer heftigen innenpolitischen Radikalisierung in der noch so jungen parlamentarischen Demokratie. Kommunistische Kräfte suchten die labile Situation im Oktober 1923 in Nachahmung der Oktoberrevolution zu Aufständen zu nutzen, es kam allerdings nur zu einer Erhebung um Ernst Thälmann in Hamburg. Keineswegs folgenlos, aber zunächst erfolglos verlief bald der Hitlerputsch am 08./09. November 1923 in München, der wiederum gemäß dem Vorbild Benito Mussolinis einen Marsch auf Berlin hätte initiieren sollen. Schon daß es sowohl in der Hansestadt als auch in Bayern zu Todesopfern kam, markiert einen wichtigen Unterschied zu unserer Zeit. Gerade online kann man zwar mittlerweile auch eine erhebliche Verrohung der politischen Debatte beobachten, aber die heutigen politischen Unzufriedenheiten in Deutschland werden auf andere, sicherlich nicht immer schöne, aber doch friedliche Weise ausgetragen. Wir haben eine erprobte, seit fast 75 Jahren bewährte Verfassung im Rücken mitsamt der Erfahrung, daß politische Auseinandersetzungen in gewissem Umfang ja auch sein müssen. Die Umstände damals und heute unterscheiden sich doch erheblich.
 
In Ihrem Buch „Die Zwanziger Jahre“ sprechen Sie in einem Kapitel auch von der zeitgenössischen Erlösungssehnsucht der Menschen hin zu etwas Neuem. Heute scheint diese Erlösungssehnsucht wieder aufzuflammen. Die Digitalisierung bietet neue Möglichkeiten und vor allem junge Menschen wollen ein anderes Leben leben. Homeoffice und mehr Individualität ändern bereits jetzt spürbar den Arbeitsmarkt. Der Rechtsruck in Deutschland ist deutlich spürbar, einen ersten Landrat und einen Bürgermeister der AfD gibt es bereits. Das Politbarometer zeigt mittlerweile mehr Stimmen für die AfD als für die SPD an. Heute wissen wir, daß die Entwicklung damals zum Nationalsozialismus führte. Inwieweit kann uns das Wissen um die Ereignisse vor hundert Jahren helfen, nicht die gleichen Fehler wieder zu machen?
 
Eckert: Historiker sind schlechte Ratgeber, jedenfalls insofern, als man auf der Suche nach vermeintlichen Analogien noch viel größere Fehler machen kann; Patentrezepte gibt es ohnehin nicht, zumal wir beim vergleichenden Blick auf viele westliche Staaten feststellen müssen, daß ein teils erheblicher Wählerzuwachs im rechten bzw. rechtsextremen Spektrum wohl eine spezifische Reaktion auf die gewaltigen Transformationsprozesse der letzten Jahrzehnte darstellt (und auch darauf, daß die Begeisterung der einen für „Wandel“ bei den anderen eben vor allem Ängste auslöst). Aber Historiker neigen zu einer gewissen Gelassenheit, weil sie darum wissen, daß sich Geschichte in viele Richtungen entwickeln kann: Die Menschen haben es in der Hand. Wie sich die Wahlergebnisse der AfD entwickeln, liegt auch am Verhalten von Akteuren anderer Parteien, die an entsprechenden Stimmenzuwächsen durchaus ihren Anteil haben. Um es auf 1923 zu wenden: Es gab ja nicht nur einen Hitler, sondern beispielsweise auch einen Stresemann, dem nebst vielen anderen die so erstaunlich rasche, für viele unerwartete Stabilisierung der Weimarer Republik ausgerechnet nach diesem desaströsen Krisenjahr zu verdanken war. Akute Sorgen müssen wir uns also wohl nicht machen. Gleichwohl dürfen wir schon bedenken, daß – auch darüber wird ja dieser Tage viel diskutiert – zum Beispiel schwindender Wohlstand eine Herausforderung für die Demokratie bedeutet: Wenn die Bevölkerung das Vertrauen verliert, daß Regierung und Parlament ihr Wohl weitsichtig im Blick haben, kann die Stimmung rasch kippen. Insofern gibt es schon Wiederholungsstrukturen in der Geschichte, über die man nachdenken sollte. Gleichzeitig erneuert der Blick auf das Jahr 1923 den Befund, daß es manchmal viel schneller und ganz anders kommt, als man denkt: Eine Kombination von Ruhrbesetzung und Hyperinflation haben vor Beginn des Jahres 1923 nur wenige Zeitgenossen prognostiziert, aber noch weniger Zeitgenossen hätten am Ende des Jahres 1923 die Hoffnung gewagt, daß bald die „Goldenen Zwanziger“ beginnen würde, die es eben auch gab und die womöglich sogar „Goldene Dreißiger“ beschert hätten, wenn nicht die Weltwirtschaftskrise dazwischengekommen wäre.
 
Uwe Blass
 
Dr. Georg Eckert studierte Geschichte und Philosophie in Tübingen, wo er mit einer Studie über die Frühaufklärung um 1700 mit britischem Schwerpunkt promoviert wurde, und habilitierte sich in Wuppertal. 2009 begann er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Geschichte und lehrt heute als Privatdozent in der Neueren Geschichte.