Ars moriendi sinfonisch im 19. und 20. Jahrhundert

Bernd Alois Zimmermann und Anton Bruckner im 9. Sinfoniekonzert des Sinfonieorchesters Wuppertal

von Johannes Vesper

Foto © Johannes Vesper

Ars moriendi sinfonisch im 19. und 20. Jahrhundert
161. Saison - 9. Sinfoniekonzert
des Sinfonieorchesters Wuppertal
 
Bernd Alois Zimmermann: „Stille und Umkehr“
Anton Bruckner: 9.Sinfonie
 
Das letzte Werk von Bernd Alois Zimmermann (1918-1970) war im 8. Sinfoniekonzert der 160. Saison am gleichen Ort am 10. April 2023 zu hören und ist unvergessen. Auch aus dem Todesjahr des Komponisten stammt „Stille und Umkehr“, in der Universitätsklinik Köln geschrieben, wo er wegen seiner schweren Depression stationär behandelt wurde. Für das Auftragswerk der Stadt Nürnberg zum Dürerjahr 1971 hatte der Komponist zunächst ein riesiges Orchester vorgesehen mit Zimbal, Kontrabaß- Posaune und Baßtrompete und „eine möglichst gute Orgel (4-5-manualig)“. Daraus wird nach Streichung vor allem von Streichern im Endeffekt das rund 10-minütige Werk eher ein Werk für Kammerorchester, mit welchem das heutige Sinfoniekonzert im Großen Saal der Historischen Stadthalle auf dem Johannisberg in Wuppertal eröffnet wurde. Der Zeitstrahl eines ununterbrochenen leisen Orgelpunkts zwischen mezzopiano und piano wird nach Klangfarbe und Dynamik durch Mischung oder auch Wechsel verschiedener Instrumente moduliert, rhythmisch angedeutet strukturiert von leisem Schlagzeugbesen oder auch auf kleiner Trommel „rührender“ Handfläche und mit ersterbendem Leben versehen durch wiederholt eingestreute, instrumentale Episoden, bei denen oft Sekundintervalle den fahlen, durch singende Sägen, mit Bogen angestrichenes Becken und gedämpfter Harfe den weiter verfremdeten Orchesterklang bestimmen. Den rhythmischen Elementen liegt ein Blues zu Grunde, der als solcher nicht sofort auffällt. Immerhin findet sich in der Partitur der Hinweis des Komponisten, daß „der Rhythmus unbedingt von einem Jazzer auszuführen“ sei. Das Stück kann Zeitlosigkeit vermitteln. Für Wuppertal eine Erstaufführung, wurde Zimmermanns letztes Orchesterwerk erst nach seinem Suizid uraufgeführt. Die Verzweiflung angesichts des Sterbens wie sie sich in Ich sah mich um und sah alles Unrecht………“ ausprägt, scheint im „Umkehr und Stille“ zurückgenommen, wobei sich Trost beim Hören auch nicht einstellen will, eher das schicksalhaft Unabwendbare der Situation, jedenfalls wenn zuletzt unter leisem Tremolo der großen Trommel die Musik erstirbt (morendo). Die Komplexität der musikalischen Konstruktion des eher einfach erscheinenden Werks entpuppt sich bei einmaligem Hören nicht. Das Orchester gestaltete mit großem Engagement und Ernst diese musikalische Meditation, der leider kein Ende gewährt wurde. Die ohne Pause und Unterbrechung vorgenommene Überleitung in die 9. Sinfonie Anton Bruckners (1824-1896) wurde dem Konzertstück Zimmermanns nicht gerecht und nahm ihm seine Würde. Die stille Pause am Ende gehört unbedingt zur Wirkung dazu.
 
Anton Bruckner, voller Ödeme infolge einer schweren Herzschwäche mit Luftnot unter geringster Belastung, hatte sich bei der Arbeit am nicht vollendeten 4. Satz seiner 9. Sinfonie von drei Ärzten gleichzeitig Genesung erhofft. Vom lieben Gott, seinem Widmungsträger hat er sich gewünscht, daß er ihm im Gegenzug ermöglichen möge, die Sinfonie noch zu vollenden. (König Ludwig und dem Kaiser hatte er seine 8. und Richard Wagner seine 7. gewidmet.) In seinen letzten Monaten ging es ihm so schlecht, daß er zum Philharmonischen Konzert am 5. Januar 1896 in den Saal getragen werden mußte. Trotzdem komponierte er bis zu seinem Tode, zuletzt in unleserlichen Hieroglyphen. 10 Jahre zuvor hatte er mit der Komposition seiner Neunten begonnen, und sie bis auf den letzten Satz bereits 15 Monate vor seinem Tod vollendet. Ob er sich mit der anspruchsvollen Widmung dem Urteil von Kritikern, der Öffentlichkeit entziehen wollte, auf welches er bei früheren Sinfonien so viel gegeben hatte? Peter Gülke stellt so etwas zur Diskussion. Vielleicht spiegelt die Sinfonie die Situation dessen, der am Lebensende nur mit sich selbst zu tun hat?
 
Der erste Satz in d- Moll begann feierlich Misterioso (Pianissimo), Lieblingstonart schon seit der 3. Sinfonie, bevor mit starken Hörnern das erste Thema anhub. Mit 8 Hörnern, davon 3 sogenannte Wagner-Tuben, ist das Blech unter den Bläsern besonders stark vertreten. Die eine Seele in Bruckners Brust, der österreichisch romantische, Wagnersche Orchesterklang schien in dieser Aufführung der anderen mit kontrapunktischen, Bachschen Strukturen und Registerwechseln überlegen. Immer wieder mahnt die fallende Oktave an das schicksalhafte Lebensende. Der Satz endet mit erneut punktiertem Orgelpunkt des gesamten riesigen Orchesters. Spätromantische Tonartwechsel, reiches thematisches Material schlugen mit bemerkenswerter Wucht und Dichte das Publikum in Bann. Gibt es eine Charakteristik der unterschiedlichen Tonarten? Der Beurteilung Christian Friedrich Daniel Schubarts (1806 „Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst“), dem bei D- Moll „schwermütige Weiblichkeit, die Spleen und Dünste brütet“ einfiel, würde man nach Hören dieses Konzerts heute nicht mehr folgen und sie war auch für Bruckner sicher nicht relevant.
 
Das Scherzo forderte Vitalität, nahezu tänzerische Kraft und Verve vom Orchester, welches sich engagiert und mit vollem Einsatz dieses Totentanzes annahm, der im tatsächlich schnellen Trio an Geschwindigkeit noch zunahm. Musikantisch glaubt man bei den stampfenden Orchesterschlägen schon fast Zukunftsmusik zu hören (Strawinsky?).
 
Im letzten Adagio mit zögerlichen, endlos Spannung aufbauenden Crescendi, auch hinab in die Tiefe, spielte das Orchester mit sauberen, lebendigen Holzbläsern, prächtigem Blech, klangreichem Streicherapparat, großen Cellokantilenen, hoch musikalischen pp Kontrabässen alle seinen Stärken und Qualitäten aus. Als endlich mit einfallender Pauke und Baßtuba der dissonante Höhepunkt des Satzes im fff erreicht wurde, glaubte man gar, dem lieben Gott direkt in die Augen zu schauen, bevor bei milderem Ausatmen zarteren Blechs, hoher Flöte und leisem Pizzicato das versöhnliche Ende nahte. Das Publikum schien ermattet, spendete nach langer Pause nur zögerlich, dann aber doch langsam zunehmenden Beifall vor allem für die unterschiedlichen Orchestergruppen. Blumen gab es vom Orchester für den Dirigenten. Ein würdiges Jubiläum für Anton Bruckner zum 200. Geburtstag.
 
Sonntag,12. Mai 2024, 11:00Uhr, Montag,13. Mai 2024, 20:00 Ohr. Historische Stadthalle Wuppertal, Großer Saal. ,
Sinfonieorchester Wuppertal, Patrick Hahn, Dirigent.
 
Bernd Alois Zimmermann (1918-1970): Stille und Umkehr
Anton Bruckner (1824-1896) Sinfonie Nr. 9 d-Moll WAB 109 1. Feierlich, misterioso, 2. Scherzo, bewegt, lebhaft, Trio schnell, 3. Adagio: Langsam, feierlich