Neues Streichtrio auf höchstem Niveau

Trio Manza in der Citykirche Elberfeld

von Johannes Vesper

Foto © Johannes Vesper

Neues Streichtrio auf höchstem Niveau
 
Trio Manza in der Citykirche Elberfeld
 
Von Johannes Vesper
 
Sie kennen sich vom Studium in Weimar. Dragos Manza (Violine) und Anne Yumino Weber (Violoncello) haben beide an der „Hochschule für Musik Franz Liszt“ studiert, Wettbewerbe gewonnen, sind bei Konzerten u.a. in Salzburg und Luzern aufgetreten, wurden als Solisten zu Konzerten eingeladen, und beide sind jetzt im Rheinland gelandet: als Solocellistin im Sinfonieorchester Wuppertal (seit 2019) und als 1. Konzertmeister der Düsseldorfer Symphoniker (seit 2013). Schon immer wollten sie zusammen Kammermusik spielen. Als Dritter im Bunde war eigentlich German Tcakulov (Prof. für Bratsche am Mozarteum in Salzburg) vorgesehen. Er erkrankte leider akut und Kevin Treiber, stv. Solo-Bratscher der Essener Philharmoniker, sprang dankenswerterweise für ihn ein.
 
So kam es zu dem hochkarätigen Debüt des Trios in der City-Kirche Elberfeld, deren hervorragende Akustik in Wuppertal bekannt ist. Zu Beginn gab es den Triosatz B-Dur für Violine, Bratsche und Violoncello B-Dur von Franz Schubert (1797-1828) D 471 aus dem Jahre 1816/17, welcher die familiäre Situation vom Franzl widerspiegelt. Während Vater und Bruder Geige und Cello gespielt haben, mußte er sich mit der Bratsche zufriedengeben, wie Anne wie Yumino Weber kenntnisreich wie charmant erläuterte. Warum das Streichtrio nicht vollendet wurde, bleibt rätselhaft. Schubertsche Melancholie ist da noch kaum zu spüren. Flott und kultiviert, natürlich blitzsauber, versprüht der Satz noch mozartische Leichtigkeit. Unter aufmerksamem Blickkontakt der musikalischen Freunde gelangen die heiklen Wechsel zu unruhigen Triolen makellos. Der 32stel-Unisono-Absturz über mehr als eine Oktave kann noch nicht als Hinweis auf die bevorstehende Romantik gelten. Mit differenziertester Dynamik, zarten Pianissimi und lebendigen Kantilenen wurde dieser kammermusikalische Juwel an diesem Abend zu einem wunderbaren Ohrenöffner.
 
Der russische Komponist Sergei Iwanowitsch Tanejew (1856-1915) ist hierzulande nahezu vergessen. Mit 11 Jahren war als Klavierschüler in das Moskauer Konservatorium eingetreten. Als Kompositionsschüler von Arthur Rubinstein und seinem lebenslangen Freund Piotr Tschaikowski wurde er Direktor des Instituts (1885-1889), unterrichtete später aber nur noch (u.a Sergei Rachmaninow, Alexander Skrjabin und Reinhold Gliére). Sein Werk umfasst Kammermusik, vier Sinfonien, einige andere Konzertstücke für Orchester, Vokalmusik und wenige kleinere Klavierstücke.
 
Heute erklang von seinen vier Streichtrios das Trio Es-Dur op. 31, welches nach sinfonisch anmutender Eröffnung technisch anspruchsvoll mit vielen, auch sehr schnellen, kompositorisch souverän durcheinanderwirbelnden Figuren und bogentechnischen Finessen (vor allem im munteren Scherzino des 2. Satzes) trotz etwas mageren musikalisch-emotionalen Gehalts das Publikum gut unterhielt, aber mit Musik eines Brahms, Janacek oder Max Reger nicht vergleichbar ist. Dabei wurde Tanejew gelegentlich als russischer Brahms bezeichnet. Gleichwohl belohnte das Publikum die Musiker mit Applaus und zwar nach jedem Satz. Nach elegantem Thema der himmlischen Geige und hohem Violoncello breitete sich im Adagio espressivo des 3. Satzes ein Choral aus, bevor sich mit einem wirklich flotten Unisono unter stellenweise fliegendem Staccato der furiose Schlußsatz abspulte. Nach kräftigem Applaus erholte sich das Trio im Künstlerzimmer.
 
Nach der Pause gab es zwei Frühwerke die im Abstand von rund 100 Jahren entstanden sind. Der Streichtriosatz von Jean Sibelius (1865-1957) („Lento“ von 1893-94) entwickelte sich mit einem fragenden langsamen Crescendo von Geige und Cello und großem Klang über schlagendem Pizzicato zu schwelgenden Motiven, bevor nach Unisono im FF stehende Akkorde am Ende im PP erstarben.
 
In seinen Streichtrios, komponiert 1796-98, stürmte Ludwig van Beethoven (1770-1827) mit Ideenreichtum und Temperament in einer Weise voran, die erahnen ließ, wie er die Musik revolutionieren würde. Zu hören war hier op.9,3 in c-Moll. Mit himmlischer Klangkultur, souveränster Technik, Spielfreude und Lust legten die drei los. Nach Abstieg in die Tiefe war sinfonisch fetzig, vor musikalischen Einfällen nur so sprühend bald der junge Revolutionär Beethoven zu erleben. Unter gesanglichem Wechsel zwischen Violine, Bratsche liedhaften Cellokantilenen änderte sich im expressiven Adagio die Stimmung. Im Scherzo ist vom Menuett vorangegangener Zeiten nichts mehr übrig. Bei Sforzati, ausgeprägter Dynamik und eigenwillig trotzigen Rhythmen bot nur der ruhigere Mittelteil mit seelenvollen Melodien aller drei Erholung vom Totentanz. Das finale Presto endete nach wirklich herausfordernder Virtuosität gegensätzlicher Motive und Triolengirlanden im PP, so fast an Josef Haydn erinnernd.
 
Mit großem Applaus - als Zugabe gab es noch einmal Beethovens Scherzo - bedankte sich das Publikum für dieses erste öffentliche, brillante Konzert des neu gegründeten Streichtrios, von dem man weiter hören wird.
 

Foto © Johannes Vesper