François Villon - Das Große Testament (5)

Die Klagen und die Ballade der schönen Helmschmiedin - neu übertragen

von Ernst Stankovski
François Villon
Das Große Testament

Übertragen von Ernst Stankovski



Die Klagen
der »Schönen Helmschmiedin«
 
Hörst du das Weinen, Klagen, Stöhnen,
das scharf durch alle Türen zieht?  
Der Schwanensang einer einst Schönen
ist es: Der Helmeschmiedin Lied.
Daß ihrer Jugend Reiz verblüht,
betrauert sie in dunkler Kammer.
Und nur ein blinder Spiegel sieht
noch zu dem armen Katzenjammer.
 
»Warum nur bin ich alt geworden?
Oh Leben, du verlorst den Sinn.
Was hält mich ab, mich selbst zu morden,
wie du die Jugend mordest hin?
Nirgendwohin kann ich entflieh'n
dem Alter, das mich faul befallen.
Mich, die ich einst mit stolzem Sinn
die Schönste immer war von allen.
 
Ich, die in heißem Liebeswallen
umworben wurde Tag und Nacht,
von Krämern, Priestern, Generalen,
verlor so jäh der Schönheit Macht.
Es hätt' so mancher durchgebracht
sein Geld und Gut, womit er geizte,
wenn ich den Schoß ihm aufgemacht;
was heute keinen Strolch mehr reizte.
 
Zu vielen hab ich mich versagt.
Oh Tugend, die mich reut noch heute!
Der Falsche hat mich dann erjagt,
nahm mich - zu meinem Geld - als Beute.
Den ich mit meinem Leib erfreute
und meiner ganzen Liebeskraft,
obwohl er mir den Arsch verbläute -  ­
er hat für's Leben mich gestraft.
 
Der Kerl, er hat mich angesteckt.
Oh mög' ihn doch der Teufel holen!
Er ist ja bald darauf verreckt,
hat früh sich aus der Welt empfohlen;
sich feig auch da davon gestohlen
- ach könnt ich ihn ins Grab noch hassen -
im schlechten Rufe, im frivolen
und Schande mich zurückgelassen.
 
Das ist jetzt dreißig Jahre her.
Wie schnell verflog die gute Zeit ­-
und meine Augen stieren leer,
betracht' ich mich im Spiegel heut.
Die alte Hexe tut mir leid ­-
zahnlos, verwelkt mit fetten Haaren.
Seh' ich dies Bild von Traurigkeit,
möcht aus der schlaffen Haut ich fahren.
 
Wo ist die Stirn, die kinderglatte?
Zerknittert, wie der Brauen Paar.
Wie angenagt von einer Ratte
das eh'mals leuchtend blonde Haar.
Der Mund, der voll und prallrot war,
ein zahnlos eingefall'nes Loch.
Die Haut, einst zart, die Augen klar
­wie Glas, auf dem 'ne Kröte kroch.
 
Die Schultern, warm und weich und weiß ­–
der vollen Brüste süße Lasten - ­
die schweren Hüften, hoch und heiß,
die zärtlich manchen Mann umfaßten
und einluden, doch dort zu rasten,
wo Liebe den Verstand verliert - ­
wo zwischen Schenkeln, alabaste'n,
die Pforte, zu der alles führt.
 
Heut' längst verwelkt, verfault, verdorrt,
was blühend, glühend so begonnen.
'ne alte Vettel ist kein Ort,
wo sich ein Mann erhofft noch Wonnen.
Die Brüste schwer, wie leere Tonnen ­-
die Augen nur mehr trübe Funzeln ­-
die magern Schenkel ausgeronnen
wie alte Würste, voll von Runzeln.
 
Am Feuer frösteln wir und schwatzen,
das Wolltuch um die kranken Lenden,
wir alten Frau'n, wie räud'ge Katzen,
raufen das Haar mit dürren Händen.
Und können doch von uns nicht wenden
das ewig grause Menetekel:
Daß Weiberglück und Schönheit enden,
der Jugend Reiz vergeht in Ekel.«


Ballade
und Lehren der »Schönen Helmschmiedin« an die Freudenmädchen
 
Ihr Schönen, die ich Töchter heiße ­-
in schmeichelhaftem Kerzenlicht ­-
mit vollen Brüsten, wie du weiße
Blanche, mit dem Milchgesicht.
Nützt eure Zeit, versäumt sie nicht!
Ihr müßt das Glück beim Schopfe packen.
Denn alte Frau'n begehrt man nicht
­wie alte Marken ohne Zacken.
 
Du Beutelmacherin Jeanette,
Du Schust'rin, sei kein Kirchenlicht!
Schnell Mädchen, öffnet euer Bette,
solang die Jugend Glück verspricht.
Es kommt der Tag, da es euch sticht,
nur fette Pfaffen noch zu zwacken,
weil niemand sonst sich was verspricht
von alten Marken ohne Zacken.
 
Mit mir das Bett will keiner teilen.
Die Männer sind nur drauf erpicht,
an jungem Fleisch sich zu begeilen.
Hat auch der Tatter selbst die Gicht.
Seht, wenn ich streichle sein Gesicht
und mög' ich ihn am Schwanz auch packen:
Er rülpst und geht. Man stempelt nicht
'ne alte Marke ohne Zacken.
 
Envoi
Drum nützt die Zeit, schnell seid ihr alt.
Braucht eure Schenkel, Brust und Nacken.
Liebt heut noch, Kinder, ihr seid bald
auch alte Marken ohne Zacken.



Villon kommentiert...

47  Die gutgemeinten, schlechten Lehren / hat sich die Helmschmiedin erdacht,
um brave Mädchen umzukehren / in feile Schönheiten der Nacht.
Firmin hat zu Papier gebracht, / was sie den jungen Dingern schuf.
Ich hab' daraus ein Lied gemacht - / ­zu singen, vierstimmig, im Puff.
 
48  Doch hört, ich kann noch mehr berichten / von dieser so verruf'nen Welt.
Denn glaubt mir, eines stimmt mitnichten: / Wenn euch ein satter Mensch erzählt
und sagt: »So dich ein lock' res Luder prellt, / ist dies nur schlechter Weiber Tour,
sie sind auf nichts aus als dein Geld, / wer trauert schon um eine Hur'.
 
49  Sie geben sich den Männern preis / grad so wie brünstig geile Stuten,
denn ihre Seele sitzt im Steiß ­/ so wie sie, rittlings, auf den Ruten.
Die schlechten Weiber von den guten / zu unterscheiden, lernet schlau.
Ein braver Mann geht nicht zu Nutten / und vögelt ehrbar seine Frau.«
 
50  Verzeiht wenn ich nur müde lache, / ihr Ehrbar-Tuer oder -Schreiber.
Die Ehrbarkeit ist so 'ne Sache / und hat auch ihre Übertreiber.
Wie alle braven Eheweiber / nicht frei von sündigem Verlangen,
haben die armen Nuttenleiber / auch alle ehrbar angefangen.
 
51  Züchtig und keusch, voll Gottesliebe / wie jedes unberührte Ding,
bis sich im Netz der jungen Triebe / der erste, beste Mann verfing.
Vielleicht versprach er einen Ring, / war er ein Pfaff', die Seligkeit ­
und sicher voller Geigen hing / ihr Himmel, in der ersten Zeit.
 
52  Und dann verging das junge Glück. / Doch Liebe, einmal angefacht
läßt in der Asche Glut zurück. / Wenn erst das Kind zur Frau erwacht
lodert die Glut, mit stärk'rer Macht, / und hält das Weib dann nicht der Mann,
ist schnell ein and'rer angelacht ­/ und sehr bald waren viele dran.
 
53  Was zwingt sie wohl zu solchem Treiben, / die Weiber, mit so wilder Kraft,
daß sie nicht lang bei einem bleiben, / der Wechsel ihnen Freude schafft?
Die Lust nach bitterm Lendensaft / und Zügellosigkeit allein
erklärt nicht diese Leidenschaft, / mit der sie stets den Nächsten frei'n.
 
54  Vielleicht aus Rache an dem Ersten, / der im Erblühen sie verlassen,
bringen sie wollüstig zum Bersten, / was ihrer Laune überlassen.
Sie lieben Männer nur mit Hassen, / ihr Kuß verkündet Leid dem Herzen.
Bei Weibern, Waffen, Hunderassen / bringt eine Freude tausend Schmerzen.



Wer den Original-Ton hören möchte, kann das mit der CD zum Programm: www.kip-media.de
Informationen über Werk und Wirken Ernst Stankovskis unter: www.ernst-stankovski.com und www.musenblaetter.de

Lesen Sie am kommenden Mittwoch weiter:
"Das Große Testament" des François Villon.
Redaktion: Frank Becker