Francois Villon - Das Große Testament (7)

Mit einer Ballade für seine Mutter und Spott gegen eine Schlampe

von Ernst Stankovski
François Villon
Das Große Testament

Übertragen von Ernst Stankovski



Ballade
die Villon auf Wunsch seiner Mutter schrieb,
damit sie zur Gottesmutter beten könne.
 
Mutter Maria, Du Herrin der Zeiten,
Reine Madonna, Du Lichtkönigin!
Die Du dort thronst in himmlischen Weiten,
führe zum Ohr Deines Sohnes mich hin.
Wenn ich auch fehlend und unwürdig bin
und tief gebückt von der Last meiner Sünden,
Du kannst mich aus ihren Klammern entbinden.
Stehe mir bei in der Stunde der Not!
Hilf mir vor Gottes Thron Gnade zu finden!
Du bist mein Trost - im Leben und Tod.
 
Mutter Maria, willst Du mich geleiten,
trete ich einst vor sein Angesicht hin,
wenn zu Gerichte sitzt über die Zeiten
Christus, ihr Herr, schon seit Anbeginn.
Er lenke gnädig auf mich seinen Sinn,
wie er vergab der Ägypterin Sünden
und Theophilus von dem sie uns künden,
daß seine Seele er Satan entbot.
Du halfest ihm sich der Hölle entwinden.
Du bist mein Trost - im Leben und Tod.
 
Mutter Maria, mögst Du mich begleiten,
die ich so arm, alt und einfältig bin.
Schreiben und Lesen und all die gescheiten
Dinge, sie gingen mir nie in den Sinn.
Nur zum Altar humple gerne ich hin,
wo schöne Bilder Dein Leben verkünden.
Engel und Cherub mit goldenen Binden
vom Paradies uns erzählen und Gott.
Dort kann im Kummer ich Hoffnung empfinden.
Du bist mein Trost - im Leben und Tod.
 
Envoi
Einst kam der Engel des Herrn Dir verkünden,
in Deinem Schoß soll sich Gottes Wort finden,
all seine Liebe in Deinem Leib münden,
daraus das Heil entspringt unsrer Not.
Christus, Dein Sohn, soll das Fleisch überwinden
und uns erlösen aus Schuld, Leid und Sünden.
Das ist mein Trost - im Leben und Tod.
 
 ...und schreibt weiter sein Testament:
 
80  Mein Herz, die Galle und der Magen, / durch sie besonders strapaziert,
sei jener Dame übertragen, / die mich so lange nasgeführt.
Ich weiß, daß sie nach Golde giert, / mit Galle zahlt man keine Schulden.
Statt einem Herzen, kalt serviert, / hätte sie lieber ein paar Gulden.
 
81  Also behalt ich meine Galle. / Doch wer ihr einen Gulden schenkt
(sie hat mehr davon als wir alle), / der sei vor mir noch aufgehängt.
Weil sie sich nur für Geld verrenkt, / mag ihr ein reicher Reiter frommen.
Sie sei dem Jean Michault geschenkt / (könnt' er aus seiner Gruft noch kommen).
 
82  Heut lach' ich über alles dies, / schon längst jückt mich kein Liebesfieber.
Ich hoff', sie blieb so keusch und ließ / wie mich, auch andere nicht drüber.
Mir macht es meinen Tod nicht trüber. / Doch will ich ihr nicht nutzlos sterben,
aus meinem kargen Reichtum lieber / auch ihr ein Talerstück vererben.
 
83  Diese Ballade, wo mit T / sich alle Zeil'n zu Ende zieh'n,
bringe der feine Herr Pernet / als meinen letzten Gruß ihr hin,
verbeug' sich würdig zu Beginn / und sprech' in feierlichem Ton
zur Dame mit dem spitzen Kinn: / »Du Drecksau, das schickt dir Villon.«


Wer den Original-Ton hören möchte, kann das mit der CD zum Programm: www.kip-media.de
Informationen über Werk und Wirken Ernst Stankovskis unter: www.ernst-stankovski.com und www.musenblaetter.de

Lesen Sie am kommenden Mittwoch weiter:
"Das Große Testament" des François Villon.
Redaktion: Frank Becker