Gl├╝ck und Bestimmung

Rede bei Entgegennahme des Preises der Springmann-Stiftung, Wuppertal

von Andreas Steffens

Foto © Frank Becker
Andreas Steffens
 
Rede bei Entgegennahme des Preises der
Springmann-Stiftung,
Wuppertal,
Galerie Christa Müller-Schlegel, 31.10.2009
 
 

Wenn man es so objektiviert zu hören bekommt, erstaunt man doch, was man sein soll.
Aber Gudrun Klassen kenne ich lange genug, um zu wissen, daß sie ebenso wahrhaftig wie vertrauenswürdig ist – es wird also stimmen, und ich werde wohl der sein, den sie Ihnen vorgestellt hat.
Seinerzeit meinte Sigrid Kopfermann – aus eigener Erfahrung sprechend - , freundschaftlich ermutigend, wenn man erst einmal einen habe, bekomme man die anderen Preise auch. Nach zwanzig Jahren schon ist es also soweit, und ich werde von meinem zweiten ereilt.
Diese Auszeichnung freut mich um so mehr, als sie aus dem Kreis kulturengagierter Bürger meiner – engeren - Heimat-Stadt kommt – trotz meines schon länger währenden nahöstlichen Wichlinghauser Exils. Am Ende gilt der Prophet im eigenen Land dann doch etwas. Das tut gut, und ist willkommen.
Die mir von den Stiftern erwiesene Ehre der Auszeichnung erwidere ich gerne, indem ich ihren Preis annehme. Und allen daran Beteiligten herzlich danke, ganz besonders unserer Gastgeberin, Frau Christa Müller-Schlegel, und Frau Christa, und Herrn Enno Springmann.
In der Reihe der bisherigen Träger sehe ich mich gerne, illuster, wie sie ist; ihre Gesellschaft ist eine denkbar gute. (Wie ich sehe, bereiten einige mir sogar die Freude, heute anwesend zu sein; ganz besonders freut mich, darunter Karl Otto Mühl zu sehen, das literarische Urgestein Wuppertals, und Anne Linsel, deren ‚Literaturhaus’, dessen Gastfreundschaft ich bestens erinnere, einer ansonsten eher schläfrigen Öffentlichkeit immer wieder auf die Sprünge hilft.)
Eines hat unsere Stadt manch anderer voraus – sie lehrt die Kunst, im Verborgenen zu wirken, selbst wenn es öffentlich geschieht. Sie gibt langen Atem ein, das wichtigste also, was es zu einem produktiven Leben braucht.
Die Zeit, die es braucht, daß Werke entstehen, muß man sich nicht nur selbst nehmen, sie muß einem auch gelassen werden. Das erst macht gelassen zum Eigenen. Und als Philosoph erinnert man sich nicht zu seinem Nachteil einer der Maximen Ludwig Wittgensteins, der fand, der Gruß unter Philosophen sollte lauten: „Laß dir Zeit!“.
Meine eigene Zeit wende ich der Hauptsache nach daran, Philosophie auch als eine literarische Kunst zu bewähren, mit dem Ziel, das Verständnis des seltsamsten aller Wesen ein wenig zu befördern, das sich vermißt, das Universum zu vermessen, doch für sich selbst ein Maß kaum finden kann.
Der wesentliche Dank des Künstlers an sein Publikum ist die Fortsetzung seiner Arbeit; der Dank des Autors sind seine nächsten Bücher.
Da es sich um einen Preis für wuppertaler Kunst und Kultur handelt, möchte ich den meinen abstatten mit drei kurzen Texten aus den kommenden Büchern, die in Alfred Mierschs NordPark Verlag erscheinen werden.
Es handelt sich um drei Miniaturen, eine vernachlässigte Gattung; der Roman gilt mehr als die Novelle, die Abhandlung mehr als der Essay, noch die Tagebuch- oder Arbeitsnotiz mehr als der Aphorismus. Dabei gibt die Miniatur die Chance, zu komprimieren, was einer zu sagen hat. Wann immer die Zeit knapp ist – wie bei einer Gelegenheit wie dieser – müßte sie sich als das Gebotene geradezu aufdrängen.
Ich beginne mit einem Stück aus dem Büchlein >Glück. Aspekte und Momente<, das gerade erscheint. Daran anschließen wird sich ein Stück poetische Metaphysik. Abschließen werde ich mit einem Versuch zu einer ontoanthropologischen Summe.
 
 
1.
 
Alles liegt in einem selbst, versichert Epiktet.
Das nimmt jeder, der es hat, für sein Glück mit Selbstverständlichkeit in Anspruch. Unglück stößt einem aus dem Hinterhalt eines unwägbaren Schicksals zu; das Glück wird als Verdienst erlebt: ich bin es wert, also habe ich es. Das Glück und die Menschen, die glücklich sind. Sie haben nur das, was sie verdienen (Camus, Tagebücher, März 1936).
Sein Glück durch Wille und Handeln zu machen, setzt voraus, sich selbst zu kennen. Man muß aufmerksam leben, besonders auf sich selbst. Sein Leben führend es zugleich bedenken und sich dabei beobachten, um sich auf die eigenen Schliche zu kommen: so einer also bin ich...
Darin liegt die wirkungsvollste Versicherung gegen eigenes Unglück. Denn der Ertrag solcher Selbstaufmerksamkeit ist die Kenntnis der eigenen Vermögen. Und wer sich nur dem widmet, was in seinen Möglichkeiten steht, wird Unglück zu meiden wissen. Wenn du aber etwas Mögliches erstrebst, so kannst du es auch erreichen. Übe also, was du kannst!, heißt es weiter in Epiktets >Handbüchlein der Moral<. Folgerichtig ist das erwünschte Glück in unserem Selbstempfinden immer mit unseren größten Neigungen und Fertigkeiten so sehr assoziiert, dass es nur dann eintreten wird, wenn es einem gelingt, sie auch zu seinem Lebensinhalt zu machen.
Dann bewahrheitet sich, was der Volksmund will, und das Glück ist mit dem Tüchtigen: als Ertrag der Mühen, die besondere Befähigung, über die einer verfügt, auch auszuleben.
Für den passionierten Reiter erfüllt sein Glück sich dann auf dem Rücken der Pferde, und dem Künstler trägt seine Kunst es zu, als der Weg, der auch schon das Ziel ist. Das Bild aber hat keinen besonderen Zweck, schärfte Paul Klee seinen Schülern an der Düsseldorfer Akademie ein. Es ist eine zwecklose Angelegenheit, die nur das eine Ziel hat, uns glücklich zu machen (Petitpierre).
Die scharfe Trennung zwischen dem Erreichbaren und dem Unerreichbaren ist der wichtigste Gegenstand des Nachdenkens über sich selbst.
Für den großen Jazzmusiker Dexter Gordon lag das Glück in einem feuchten Tenorblatt - im Besitz der angemessenen Mittel, die einem erlauben, zu tun, wozu man da ist, wodurch man wird, was man ist. Glück liegt in der Übereinstimmung mit sich selbst, die der Lohn dafür ist, seine Fähigkeiten so gut einzusetzen, wie man es vermag. Wer sich daran macht, seine Begabung(en) auszuüben, ist fast schon glücklich.
Ich wäre gerne Musiker geworden, aber schon beim Erlernen eines Instrumentes wurden mir die Grenzen meiner Begabung sehr schnell bewußt. Eine Weile habe ich dann noch davon geträumt, ein Musiker zu sein, nachdem ich es längst aufgegeben hatte, etwas dazu zu unternehmen, einer zu werden, bis der Wunsch schmerzlos verschwand. So kann es mich heute glücklich machen, die Musik zu hören, die ich spielen wollte: denn der Wunsch hatte genau darin seinen Ursprung gehabt: sie auch zu spielen, weil es mich glücklich machte, sie zu hören, sie zu spüren und mich von ihren Vibrationen in Visionen meiner Lebensmöglichkeiten entheben zu lassen.
Glück wird haben, wer seiner Bestimmung folgt, die in seinen Begabungen geborgen liegt.
So versichert Friedrich Hebbel sich am Neujahrsabend 1846 in Wien im Rückblick auf sein bisheriges Leben: Es ist meine Ueberzeugung und wird es in alle Ewigkeit bleiben, daß der ganze Mensch derjenigen Kraft in ihm angehört, die die bedeutendste ist, denn aus ihr allein entspringt sein eigenes Glück und zugleich aller Nutzen, den die Welt von ihm ziehen kann; diese Kraft ist in mir die poetische: wie hätte ich sie in dem miserablen Kampf um die Existenz lebendig erhalten und wie hätte ich diesen Kampf ohne sie auch nur nothdürftig in die Länge ziehen sollen, da bei meiner unablenkbaren Richtung auf das Wahre und Echte, bei meiner völligen Unfähigkeit, zu handwerkern, an einen Sieg gar nicht zu denken war (Tagebücher, Nr. 3874).
(aus: Andreas Steffens, Glück. Aspekte und Momente, NordPark Verlag Wuppertal 2009)
 
 
2.
 
Weltspannung
 
Ich wische die drei winzigen Tropfen von der Fingerkuppe, einen größeren dicken, und zwei kleinere, die so dünn sind, daß sie gegen die Sonne gehalten fast durchsichtig werden.
Noch nie hatte ich eine Fliege schwimmen sehen. Diese tat es gewiß nicht freiwillig, sie nahm kein Bad, war irgendwie hineingeraten in das ihr feindliche Element, durch Ermüdung, oder einen Windstoß.
Mit allen ihren Beinen heftig ausschlagend, bewegte sie sich auf der Oberfläche des Poolwassers. Ihr in der Abendsonne hell aufblitzender, grün metallisch schimmernder Rücken würde sie schnell zur Beute einer der um diese Zeit in kleinen Gruppen in rasantem Tiefflug die Wasserfläche absuchenden Mauersegler machen, wenn sie nicht vorher ertrank. Nach dem Gesetz der Natur mußte ihr Ende bevorstehen. So oder so. Ausweglos.
Ich kniete mich hin, schob meine rechte Hand in Gegenrichtung zu ihrer Fortbewegung auf ihren Körper zu ins Wasser, und hob das Tier heraus.
Sie kam auf der Kuppe des Ringfingers zu sitzen. Einen Moment hielt sie, von neuer Bedrohung erfaßt, erstarrt inne, um sich dann heftig zu schütteln, wobei sie ein erstes Kothäufchen unter sich gehen ließ, dem noch zwei weitere, kleinere folgten, was ich nur sehen, auf der Hautoberfläche aber nicht spüren konnte, während sie ihre Vorderbeine gegeneinander und an ihrem Kopf mit wiedererstarkender Vitalität rieb, worauf sie, kurz aufbrummend, sich in die Luft warf, und davonflog.
Ich hatte eine Todesangst erlebt, und beendet. In einem Ausnahmemoment, in dem die übliche Wahrnehmungsbegrenzung ausgesetzt war, hatte ich in den Abgrund der Welt gesehen, in dem aus zahllosen solcher Geschehnisse, in denen ein Leben sich in todessicherer Bedrohung verfangen hat, die Spannung entsteht, die ihre Ordnung aufrechterhält: der Schrecken auf Gegenseitigkeit, den die Abermilliarden von Lebewesen einander in unablässiger Gleichzeitigkeit zufügen, die in der steten doppelten Furcht leben, keine Nahrung zu finden, oder selbst als Nahrung zu enden.
In einem Augenblick müßiger Aufmerksamkeit hatte ich die Vorbestimmtheit einer Situation der Lebensbedrohung aussetzen können, auf die mein Blick von eben jenem Leuchtsignal gelenkt worden war, zu dem der auf ihn fallende Sonnenstrahl den Rücken des winzigen Tieres machte, es zur sicheren Beute bestimmend.
Es gibt keinen einzigen Moment im Sein der Welt, der nicht von der Todesangst unzähliger Lebewesen durchzittert wäre. Ihre Daueranspannung hält die Welt zusammen.
Der Gang der Welt läßt sich nicht ändern; aber unterbrechen. Das Auge der Aufmerksamkeit kann ihre Gleichgültigkeit aussetzen. Günstigenfalls so lange, daß es zu einem Rettungsgriff reicht.
Wollte man sich diese Fliege als mit menschlichem Bewußtsein ausgestattet vorstellen, so hätte sie in der Minute, in der meine Aufmerksamkeit ihr galt, die Erfüllung dessen erfahren, was für den Gnostiker die Hoffnung auf den rettenden Eingriff eines Erlösergottes in die demiurgisch verpfuschte Schöpfungsordnung ist. 
In den Momenten, die als Eintritt eines großen Glückes erfahren werden, das in letzter Minute aus höchster Gefahr befreit, mehr noch denen, in denen die Abwendung einer Gefahr sich ereignet, ohne bemerkt zu werden, sind wir diese Fliege, der das Unwahrscheinlichste geschah, von einem ihrer Welt unzugehörigen Wesen der Not enthoben zu werden, in die sie geraten sein mußte, ohne zu wissen, wie ihr geschah.
Das Leben ist in jedem seiner eigenen auf die Momente angewiesen, in denen das Unbegreifliche sich ereignet, das es fortdauern lässt.
(aus: Andreas Steffens, Gerade genug. Essays und Miniaturen, erscheint im Dezember 2009 im NordPark Verlag Wuppertal)
 
 
3.
 
Anfang des Jahres zeigte das Museum am Ostwall in Dortmund seine letzte Ausstellung. Zu den teilnehmenden Künstlern gehörte auch der Wuppertaler Harald Hilscher. Er bat mich, seine Installation mit einem eigenen Text zu begleiten. Ich schrieb für sein ‚Petit Rien III’ diese Miniatur.
 
gleich / gültig
 
Für Harald Hilscher
>Petit Rien III<
 
Lange vorbereitet, und doch unerwartet, beginnt jedes Leben das Dasein aufs Neue. Zur Welt kommt man nicht; zur Welt wird man gebracht, manch einer in sie geholt. Sie ist, was alles schon da war und da ist, wenn beginnt, was in sie geboren wird, und was noch da sein wird, wenn es gestorben sein wird. Dazwischen liegt ein Leben: zwischen Vor- und Nach-Welt. Von der Welt nicht vorgesehen, weil sie auf jeden, der in sie gebracht wird, auch verzichten könnte, hat Glück, wer von denen in ihr erwartet wird, die ihn in sie brachten. Die Welt geht uns nichts an. Unser Leben geht uns alles an. Von ihr hervorgebracht, ist die Welt, für die wir gleichgültig sind, unser größter Schatz: Fundus für die Notwendigkeiten und Bedürfnisse unseres Lebens. Das Sein der Welt schuldet dem Leben, das es sein läßt, ein Dasein. Nichts geschieht für uns, was nicht durch uns geschieht. Alles, was wir können, ist notwendig, weil jeder zufällig ist in der Welt. Nichts davon braucht sie. Sie kennt uns nicht. Deshalb müssen wir sie um so besser kennen. Wir wissen um unser Leben. Nichts kommt in die Welt, was nicht vorher in uns war; nichts, was nicht vor uns in der Welt war, können wir an-ver-wandeln zu unserem Leben. Wir sind, indem wir re-produzieren, was ohne uns ist. Die Welt ist alles, was wir brauchen. Nichts von uns braucht die Welt. Die Welt wird sein, was wir gebraucht, getan und geschaffen haben werden, um da gewesen zu sein. Wir werden hinterlassen, was wir vorgefunden haben: eine Vor-Welt ohne Erwartungen, und eine Nach-Welt voller Möglichkeiten, zu denen beitrug, wer immer kam und ging.
(aus: 11:1. Heimvorteil, Katalog Museum am Ostwall, Dortmund 2009: erscheint in: Andreas Steffens, Gerade genug. Essays und Miniaturen, erscheint im Dezember 2009 im NordPark Verlag Wuppertal)