"Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!"

Tatjana Hauptmann / Christian Strich - "Das gro├če Balladenbuch"

von Frank Becker

© Diogenes
"...noch zehn Minuten
bis Buffalo"



Werden heutzutage in den Schulen eigentlich noch Balladen gelehrt? Müssen die Schüler die gruseligen oder heldenhaften Vers-Dramen immer noch auswendig lernen und herbeten? Wir mußten, haben gelitten - und profitieren heute davon, einmal unter Qualen den "Ring des Polykrates", "Der Knabe im Moor", "Erlkönig", und "John Maynard", "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, "Die Glocke" und "Die Bürgschaft" verinnerlicht zu haben. Diese Stoffe hatten, mal abgesehen von dem Druck des Paukens, eine enorme Anziehungskraft und ich kann mich gut erinnern, damals mit dem Attentäter Damon gezittert und bei "John Maynard" mitgefiebert zu haben. Den Tod des tapferen Steuermanns der "Möwe" habe ich bis heute nicht gebilligt. Konnte denn der Vater in Goethes "Erlkönig" nicht ein wenig schneller reiten? Und warum ist der Jüngling so dumm, wieder und wieder nach dem dämlichen Becher zu tauchen, dachte ich als Schüler, das konnte doch nicht gut gehen. So war es dann auch. Bis heute lehne ich C.F. Meyers Hugenotten-Drama "Die Füße im Feuer" vehement ab - ist mir zu grausig. Aber den liebenswerten Herrn Ribbeck (meine Großtante hat ihn bis zu ihrem 102. Geburtstag auswendig gewußt!) mag ich, und ich denke bei jedem Biß in eine saftige Birne an diesen schönen Text.

Ein wunderschön gemachter neuer Band aus dem Diogenes Verlag
versammelt eine Auswahl der dramatischsten, traurigsten und heitersten deutschen Balladen – bewährt illustriert von Tatjana Hauptmann, die für Diogenes auch schon "Das große Märchenbuch", "Das große Sagenbuch", "Tom Sawyer und Huckleberry Finn", "Das große Ringelnatz-Buch", "Rheinsberg" und viele andere mehr mit Bildern ausgestattet hat. Die von Christian Strich herausgegebene Auswahl erhebt keinen Anspruch darauf, komplett zu sein - der Vorrat an deutschen Balladen wäre unerschöpflich - läßt manches aus, was man vielleicht gerne einmal wieder gelesen hätte, wie z.B. Ina Seidels "Regenballade", bietet dafür aber auch Neues und Ungewohntes, wozu ich mit Vergnügen Georg Kreislers "Das Triangel", Christian Morgensterns "Der Zwölf-Elf" und Erich Kästners "Maskenball im Hochgebirge" zähle. Auch Emanuel Geibels "Krokodilromanze" findet man nicht allenthalben.

Zahlreiche ganzseitige Farbtafeln und viele schwarz-weiße Textillustrationen lockern die Lektüre auf, laden dazu ein, bei den Bildern zu verweilen, um die Geschichte intensiver zu verstehen - und ich muß zugeben, daß ich sogar die zauberhaften Vorsatzpapiere mit ihren Efeuranken lange angeschaut habe. Ein zauberhaftes, wertvolles Buch, ein wirkliches Hausbuch, wie der Verlag richtig anmerkt.

Tatjana Hauptmann (Illustrationen) "Das große Balladenbuch"
Die schönsten deutschen Balladen - Herausgegeben von Christian Strich
150 Seiten, Ganzleinen mit farbigem Schutzumschlag, 27,5 x 22,5 cm, im farbig bedruckten Pappschuber, November 2009 - ISBN 978-3-257-01014-5
€ (D) 34.90 / sFr 61.90* / € (A) 35.90 (* unverb. Preisempfehlung)

Weitere Informationen unter: www.diogenes.ch