P├Ątt, Santa Claus und ich

(und das nicht nur zur Weihnachtszeit)

von Michael Zeller

Foto © Frank Becker
Pätt, Santa Claus und ich

(und das nicht nur zur Weihnachtszeit)
 
 
Ab und an braucht man ja doch mal ein Buch, selbst zur Weihnachtszeit. Im Buchladen war es sogar ganz angenehm. Kein Freistilringen wie in den anderen Geschäften an diesen aufgedrehten Tagen. Aber dafür mußte ich gleich wieder Entschädigung zahlen. Denn an der Kasse schnappte ich hinterrücks die Fetzen eines Verkaufsgesprächs auf.

„Und was liest er denn gern, Ihr Enkel?“
„Es is doch ´n Mädchen. Ach, ich weiß gar nich. Wissen   S i e   denn nich ...?“

Abends die adventliche Einladung bei Bekannten, wie jedes Jahr. Vielleicht auch, weil ich auf ihrem Videokasten den neuen Ken Follett entdeckt hatte, dicker als die Bibel, ließ ich mich ein bißchen aus über diese gründlich verdorbene Großmutter, die keine Vorstellung hat von der Phantasiewelt ihrer Enkel.
„In welcher Welt leben Sie denn, mein Gott?“
Es war die Frau vom Tisch gegenüber, die mir in die Parade fuhr, ziemlich heftig. Ich hatte sie vorher in dieser Runde noch nicht gesehen. Bübischer Kurzhaarschnitt, in den Schläfen ergraut. Im Grunde gar nicht mal unhübsch.
„Sie hätten bei der Oma niedersinken sollen und ihr die Hand küssen, vor Dankbarkeit, wissen Sie das?“
Ausgerechnet. Warum drehte die so auf? Wollte sie als Novizin hier gleich ihre Duftmarke setzen, auf meine Kosten?
„Ich bin die Pätt“, hatte sie sich eben vorgestellt. Schien also einmal Patrizia geheißen zu haben, ich mag diesen Namen gern mit seinen klangreichen Selbstlauten. Und Studienrätin war sie auch noch, Miss Pätt, für Erdkunde und Ethik, wenn ich das richtig mitbekommen hatte.
Heute, am letzten Schultag vor den Ferien - Miss Pätt blieb bubiköpfig hart am Drücker -, heute morgen noch habe sie in ihren Klassen gefragt, was die Schülerinnen und Schüler - (natürlich so!) denn auf ihrem Wunschzettel zu Weihnachten stehen hätten.
„Keiner - keine einzige und kein einziger von ihnen hatte sich ein Buch gewünscht. Und das in drei Klassen. Alles - , alles sonst, was das Herz begehrt. Computer, CDs, DVDs. Klamotten natürlich. Und Händies. Händies vor allem. Händies satt.“
„Mobiltelefon“, brummte ich, schon eher für mich. Ihre dunklen Haare oben waren bestimmt nachgefärbt.
„Händies waren der absolute Renner bei ihnen.“
„Der Megahit, meinen Sie doch wahrscheinlich?“ hielt ich dagegen. Weihnachten das Fest der Liebe? Das wollen wir doch mal sehen.
„Die Kidds von heute lesen einfach keine Bücher mehr“, konterte Miss Pätt gnadenlos. Spinnte ich - oder triumphierte sie nicht sogar dabei? Schweigend tupfte ich die Salatsoße mit dem Ciabattabrot weg, das man seit einiger Zeit überall vorgesetzt bekommt, bei Freund und Feind. Ich tupfte noch, als der Teller wieder blinkte wie unbenutzt.
„Graubrot habt Ihr hier wohl keins ...“

Verdammt. Ich mußte achtgeben, daß ich mir und ihnen nicht den Abend versaute, wegen dieser studienrätlichen Zimtzicke und ihrem Kauderwelsch à la mode. Hoffentlich war wenigstens auf den Wein hier Verlaß.
Selbst wenn er aus Chile käme oder California.


© Michael Zeller - Erstveröffentlichung in den Musenblättern 2009