Walro├čbrot

von Erwin Grosche

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Walroßbrot

E
ine Frau verlangte beim Bäcker Merzenich ein Walroßbrot. Walroßbrot, dachte die Verkäuferin, das kann nur ein Irrtum sein und legte der Frau ein Walnußbrot auf die Theke. Die Freundin der Frau, die zum Einkaufen mitgekommen war, erkannte sofort die Brotverwechslung. „Du hast Walroßbrot gesagt“, sagte sie. „Du hast Walroßbrot gesagt.“ Sie wiederholte dauernd das Wort Walroßbrot, als wäre dieser Versprecher ein Verbrechen gewesen, für den man in früheren Zeiten noch gesteinigt worden wäre. Es gibt ja auch kein Walroßbrot, genau genommen ist es noch gar nicht lange her, da gab es auch kein Walnußbrot, welches aber nicht schade war. Walnußbrot schmeckt gar nicht gut, es ist nur anders, weil Walnüsse im Brotteig enthalten sind. Die Frau schob also leicht genervt das Walnußbrot in ihre Tragetasche und wollte den peinlichen Vorhaltungen entfliehen, da schrie ihre Freundin noch immer, unbarmherzig wie ein Richter: „Du hast Walroßbrot gesagt. Du hast Walroßbrot gesagt.“ Sie schaute sich schließlich im Verkaufsraum um, als hätten die anderen Brotkunden den Versprecher nicht bemerkt oder nicht verstanden. Walroßbrot schrie sie also wieder und schüttelte dabei den Kopf. Sie sagte selbst dann immer noch Walroßbrot, Walroßbrot, als sich wirklich keiner mehr darüber wundern wollte. Im Nachhinein denke ich, daß es vielleicht schade ist, daß es kein Walroßbrot gibt. Ich liege manchmal des Nachts wach und überlege, wie Walroßbrot schmecken könnte.



© Erwin Grosche