Stra├čenbahngeschichte(n)

Eckehard Frenz/Wolfgang R.Reimann - "Tram-Revue Wuppertal 1952-1962"

von Frank Becker

Straßenbahngeschichte(n)

Ein abgeschlossenes Kapitel der öffentlichen Personenbeförderung
in Wuppertal
 
Ich erinnere mich gerne an einen Straßenbahnfahrer mit gewaltigem Leibesumfang, der auf seinem gefederten Sitz wippend neben der laut und deutlich durchgesagten Haltestelle auch gerne ergänzende Hinweise auf nahe gelegene mögliche Ziele seiner Fahrgäste ansagte und gelegentlich auch einen kleinen Spaß einflocht. Das war auf der Wuppertaler Linie 1, bevor die wenig geistreiche Verkehrspolitik der Stadt auch dieses praktische, preiswerte und beliebte Verkehrsmittel wie schon 1959 die Barmer Bergbahn abschaffte. Wo Omnibusse heute im Winter regelmäßig an den steilen Straßen des „Bergischen San Francisco“ scheitern und die Bürger im Stich lassen, transportierten früher die schier unverwüstlichen Züge der Straßenbahn mitunter zwar ein wenig rumpelnd doch zuverlässig ihre Fahrgäste.
 
Eckehard Frenz und Wolfgang R. Reimann haben mit Abstechern in frühere Jahre die Geschichte eines Jahrzehnts, das nämlich des Wiederaufbaus und der guten Zeit unserer Wirtschaftswunderjahre am Beispiel der Wuppertaler/Bergischen Straßenbahnen in ihrem kostbaren Buch „Tram-Revue Wuppertal 1952-1962“ mustergültig informativ und unterhaltsam dokumentiert. Mit eigenen Fotos und vielen Leihgaben anderer Fotografen und Sammler erzählen sie kenntnisreich, spür- und sichtbar liebevoll Geschichte und Geschichten um die „Tram“. Besonderen Dank statten die Herausgeber namentlich den Sammlern und Fotografen Karl-Heinz Wipperfürth, Joachim von Rohr, Reinhard Todt, Heinz Johann und Frau Ingeborg Meyer ab, die ihnen das Archiv ihres Mannes Heinz Meyer zur Verfügung gestellt hat. Beim Blättern, Schauen und Lesen überkommt den Leser, der Zeitzeuge und Benutzer der Straßenbahnen war, nicht nur ein wenig Wehmut.
 
Die Linie 1 in der Friedrich-Ebert-Straße, ca. 1958 - Foto © Sammlung Reimann
 
Der ungeheure Schatz an Fotografien, welche die Herausgeber für dieses Buch aufgetrieben haben – überwiegend in schwarz-weiß, nur einige davon bereits in Farbe, läßt das Herz des Straßenbahn-Fans sicher einen Hüpfer tun, vermittelt aber auch dem Laien ein (be-)greifbares Bild der Streckenführungen, Bahn-Baureihen und nicht zuletzt ein faszinierendes Bild der urbanen Veränderung einer Stadt, die im Krieg grauenhaft zerstört wurde und sich aus den Trümmern wieder erhob. So ist dem Buch auch ein lebendiges Geschichtsbild mit speziellem Fokus zu verdanken. Die ausführlichen Erläuterungen zu jedem Foto haben daran erheblichen Anteil. Wie verzweigt das Straßenbahnsystem war, zeigen die Kapitel, die von den Verbindungen ins westfälische, niederbergische und bergische Umland berichten: Schwelm und Milspe, Solingen und Remscheid, Bochum und Velbert waren per Straßenbahn angebunden.
 
Daß auch Kapitel über die Bergbahn und vergessene Kleinbahnen aufgenommen wurden, längst abgerissene historische Gebäude auf den Fotos zu sehen sind und die damals noch verkehrsarmen Straßen eine Zeit wiedererstehen lassen, in der die Autoindustrie noch nicht die gesamte Republik beherrschte, rundet den guten Eindruck des Bandes. Der detailverliebte Betrachter wird auf den Bildern neben der enormen Fülle an Tram-Modellen aber auch Auto-Klassiker, alte Reklameschilder und Ladenbeschriftungen entdecken, die für das Zeitkolorit bedeutsam sind.
Was dem Buch allerdings schmerzlich fehlt, sind ein Inhaltsverzeichnis und ein Stich- oder Schlagwort/Namens-Index. Beides sollte bei einer Neuauflage unbedingt nachgeholt werden. Ansonsten jedoch ist der Band, wie schon eingangs betont, ein einziges Vergnügen.


Die Linie 1 in der Kasinostraße - Foto © Sammlung Reimann
 
Eckehard Frenz / Wolfgang R. Reimann – „Tram-Revue Wuppertal 1952-1962“
© 2010 Autorengemeinschaft GbR Frenz & Reimann / Buchhandlung v. Mackensen
208 Seiten, gebunden, Fadenheftung, Querformat 23,5 x 17 cm, mit ca. 400 historischen Fotos, 29,80 €

Weitere Informationen:
www.mackensen.de/