Auf Fl├╝geln des Gesanges

Einkehr und Sturm beim 7. Wuppertaler Sinfoniekonzert

von Daniel Diekhans

Marion Ammann

Auf Flügeln des Gesanges
 
Einkehr und Sturm

7. Wuppertaler Sinfoniekonzert
glänzt mit Strauss und Brahms



Marion Ammann (Sopran)
Sinfonieorchester Wuppertal
Ltg. Toshiyuki Kamioka

Richard Strauss: "Macbeth" Sinfonische Dichtung op.23
Richard Strauss: "Vier letzte Lieder"für Sopran und Orchester
Johannes Brahms: Symphonie Nr. 4 e-Moll op. 98
 
Die Sopranistin Marion Ammann ist wohl vielen Wuppertalern noch in guter Erinnerung. In der Spielzeit 2008/09 stand die Schweizerin als Wagners „Isolde“ auf der hiesigen Opernbühne. Gestern gab es in der Historischen Stadthalle ein Wiedersehen und -hören: Unter Leitung von Chefdirigent Toshiyuki Kamioka interpretierte Ammann zusammen mit den Wuppertaler Sinfonikern die „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss. Bereichert wurde das Programm mit Strauss’ früher symphonischer Dichtung „Macbeth“ und Johannes Brahms’ 4. Sinfonie.
 
Ein Anfang
 
Mit gutem Grund eröffnet Strauss’ „Macbeth“ das Konzert. Der damals 22-jährige Komponist stand ganz am Anfang seiner Karriere, als er, inspiriert durch Berlioz’ und Liszts Programmmusik, seine erste „Tondichtung“ schrieb. Freilich illustriert Strauss’ hier nicht die Handlung des Shakespeare-Dramas, sondern versetzt die beiden Hauptfiguren in einen kontrastreichen musikalischen Rahmen. Gemäß der Tempovorgabe „Allegro un poco maestoso” durchzieht ein „königliches“ Fanfarenmotiv mit Pauken und Trompeten das ganze Stück. Die feierliche Stimmung trübt sich, sobald das Motiv des Königsmörders Macbeth erklingt. Wenig später erscheint Lady Macbeth in den Flöten und Klarinetten. Kammermusikalische Düsternis und orchestraler Pomp wechseln sich ab. In den Tuttipassagen bieten die Wuppertaler Sinfoniker ihre gesamte Farbpalette auf. Dirigent Kamioka gelingt es, diese Orchestertutti zu Klangwogen zu formen, die dem Zuhörer kalte Schauer über den Rücken laufen lassen. Das Lady Macbeth-Motiv taucht noch einmal auf, bevor das einsätzige Werk mit einem verhaltenen Finale in Moll endet. (Ein Tip: Wer die ganze Tragödie sehen will, sollte ins Wuppertaler Schauspielhaus gehen. Bis zum Ende der Spielzeit wird dort „Macbeth“ in einer gelungenen Inszenierung von Claudia Bauer gegeben.)
 
Ein Abschied
 
Solistin Marion Ammann betritt die Bühne. Mit ihrem ausladenden rosa Kleid wirkt sie wie eine Frühlingsbotin. Ob Zufall oder nicht – „Frühling“ heißt denn auch das erste der „Vier letzten Lieder“. Obgleich dieser Titel eine posthume Zutat des Herausgebers ist, handelt es sich tatsächlich bei den vier Hesse- und Eichendorff-Liedern um Strauss’ letzte vollendete Kompositionen. Sie entstanden 1947 und 1948 im Schweizer Exil, in das sich Strauss nach Kriegsende zurückgezogen hatte.
Daß sich nun die Schweizerin Ammann dieser abgeklärten Spätwerke annimmt, ist ein Glücksfall. Über zarte Streicher hinweg singt sie den „Frühling“ zurückhaltend und zugleich kraftvoll. Dabei könnte Ammann wie in ihren Wagnerpartien leicht auftrumpfen, doch sie weiß sich zurückzunehmen. Überzeugend gestaltet sie den Wechsel von Moll nach Dur, von den „dämmrigen Grüften“ hin zu „Duft und Vogelsang. Auch im „September“-Lied kombiniert sie klare Artikulation, stimmliche Kraft und sparsame Gesten. Gesangslinien gestalten plastisch den Wechsel vom Sommer zum Herbst. Das finale Waldhorn-Solo ist sowohl Hommage an romantische Tradition die als auch an Strauss’ Vater, den Orchesterhornisten.
Deutlicher noch sind die Bezüge zur Romantik im Lied „Beim Schlafengehen“. Ein Violinsolo nach der zweiten Strophe bereitet auf den Schlaf vor. Silbengetreues Singen steht für den Wachzustand, während Ammann den Schlafzustand mit weit ausholenden Melismen gestaltet. Die dritte und letzte Strophe ist deutlich angelehnt an Eichendorffs berühmte „Mondnacht“. Wieder einmal zeigt sich, wie klug die Sopranistin neben ihrer Stimme auch ihre Gesten einzusetzen weiß: Bevor im Text die Seele sich zu freiem Flug erhebt, öffnet sie die Arme, als wolle sie sich tatsächlich aufschwingen. Mancher Zuschauer mag bei dieser eindrucksvollen Geste auch an Caspar David Friedrichs berühmtes Gemälde „Frau in der Morgensonne“ denken. Nach all den romantischen Reminiszenzen folgt als Höhe- und Schlußpunkt die Vertonung von Eichendorffs „Im Abendrot“:
 
Im Abendrot

Wir sind durch Not und Freude
Gegangen Hand in Hand,
Vom Wandern ruhen wir beide
Nun überm stillen Land.

Rings sich die Täler neigen,
Es dunkelt schon die Luft,
Zwei Lerchen nur noch steigen
Nachträumend in den Duft.

Tritt her und laß sie schwirren,
Bald ist es Schlafenszeit,
Daß wir uns nicht verirren
In dieser Einsamkeit.

O weiter, stiller Friede!
So tief im Abendrot ,
Wie sind wir wandermüde –
Ist das etwa der Tod?
 


Caspar David Friedrich - Frau in der Morgensonne


Eichendorff weitet die Perspektive der Hesse-Gedichte: Aus dem lyrischen Ich wird ein Wir – eine mögliche Anspielung auf den Komponisten selbst und seine Frau, die Sopranistin Pauline de Ahna. Der Wechsel der Tages- und Jahreszeiten entpuppt sich nun als Rede von den letzten Dingen. Im Einklang mit dem Orchester entfaltet Marion Ammann ihre ganze stimmliche Pracht. Sie singt vom Lebensabend, der sich dem Ende neigt, und man kann sich der Intensität ihres Vortrags nicht entziehen. Der krönende Abschluß ist das lange Orchesternachspiel. Nach den letzten Worten, die nun unverhüllt vom Tod sprechen, zitiert Strauss das Verklärungsthema aus seiner symphonischen Dichtung „Tod und Verklärung“: Befreit von allen irdischen Lasten ist die Seele frei, sich aufzuschwingen. Großer Applaus und sichtliche Rührung nicht nur im Publikum, sondern auch unter den Musikern und beim Dirigenten.
 
Sturm und Drang
 
Nach der Pause kehrt noch einmal das orchestrale Drama zurück, das zu Beginn bei „Macbeth“ aufblitzte. Im größtmöglichen Kontrast zur Ruhe und Kontemplation der „Vier letzten Lieder“ entfesselt Johannes Brahms’ vierte und zugleich letzte Sinfonie einen wahren Sturm. Anders auch als in Strauss’ Tondichtung speist sich die Dramatik bei Brahms einzig aus dem musikalischen Material. Bereits zu Beginn der Sinfonie wird eine kleine Tonfolge zur Keimzelle des schnellen ersten Satzes in Moll. Ein lyrisches Seitenthema in den Streichern sorgt für einen Ruhepunkt, bevor sich das kleine Hauptthema zu einer mächtigen Reprise steigert. Wie in einer Art Vorgriff auf den dritten Satz dirigiert Toshiyuki Kamioka den zweiten Satz um einiges schneller als gewohnt. Leidenschaftlich umfaßt er den Dirigentenstab mit beiden Händen, als wolle er ihn über das Orchester hinwegschleudern, um es noch weiter anzuspornen. Wie Militärmusik prescht der in C-Dur strahlende dritte Satz voran – im Zweivierteltakt mit Triangel, Piccoloflöte und Pauken. Romantischer Hörnerklang bietet ähnlich wie im Kopfsatz eine Atempause, bevor das Orchestertutti darüber hinwegfegt. Gegen Ende klingt das Hauptthema des Finalsatzes an. Wie im ersten Satz herrscht auch hier e-Moll vor. Brahms geht weit in die Musikgeschichte zurück und baut wie in einer barocken Passacaglia über ein Baßthema eine Reihe von 30 Variationen – Quelle des Themas ist Bachs Kantate „Nach dir, Herr, verlanget mich“. Barock trifft auf Wiener Klassik, wenn diese Variationen durchgeführt werden und mit einer mächtigen Reprise enden. Wie zuvor weiß Dirigent Kamioka auch jetzt die schroffen Kontraste gekonnt herauszuarbeiten und zu meistern. Das Wuppertaler Publikum dankt es ihm mit Bravorufen und stehende Ovationen.
 
Wiederholung heute
 
Heute, Montag, 20 Uhr, wird das Konzert wiederholt.. Eine Einführung in die Werke von Strauss und Brahms gibt um 19 Uhr Prof. Dr. Lutz-Werner Hesse.
 
Weitere Informationen unter: www.sinfonieorchester-wuppertal.de

Redaktion: Frank Becker