Ein Lieblingsbuch

Andreas Steffens - "Vor├╝bergehend"

von Frank Becker
Ein Lieblingsbuch
 
 
Andreas Steffens hat mit
„Vorübergehend“
die Kultur des anspruchsvollen
Feuilletons wiederbelebt


Werdet Vorübergehende!
(Apokryphes koptisches Thomasevangelium)
 
Was er seit Jahren als blitzgescheite Fingerübung en passant betreibt und mit „Petit Fours“ etwa vor Jahresfrist quasi im Westentaschenformat greif- und mitnehmbar vorgelegt hat, nämlich die Kunst des Feuilletons im ganz Kleinen, hat jetzt mit dem Band „Vorübergehend“ seine anspruchsvolle literarische Fortführung in kleiner Prosa gefunden. Andreas Steffens erweist sich hier als Meister dieser kunstvollen Form im Geiste von Wilmont Haacke, Walther Kiaulehn, Friedrich Luft und Victor Auburtin. Alfred Zohner hat das Feuilleton einmal die „Kunst des Tages“ genannt – wohl hinsichtlich der früher in Tageszeitungen noch üblichen geistreichen Feuilleton-Seiten. Das ist lange vorbei. Da wird ein freier Platz in einem Tageblatt, den man mit einem erbaulichen, sprachlich wertvollen und geistvoll unterhaltenden Feuilleton füllen könnte, lieber mit der Anzeige einer Fleischerei besetzt.
Ich erinnere mich noch, zu Zeiten knapper Haushalts-Kasse mitunter das Zeitungsblatt, in das gewickelt ich vom Kaufmann mein Gemüse nach Hause gebracht hatte, glattgestrichen und mit Vergnügen das zufällig verwendete Feuilleton gelesen zu haben. Lang ist´s her…
 
Leihgaben…
 
Die Vorsprüche habe er geliehen schreibt Andreas Steffens – und zeigt mit der Auswahl von Nietzsche, Feuerbach, Rilke, Hofmannsthal, Kierkegaard, Woolf und apokryphen Evangelien, daß sein Buch von gutem Geiste beseelt ist.
"Der Deutsche hat eine ungeheure Sachlichkeit und ein sehr geringes Verhältnis zu den Dingen." (Hugo von Hofmannsthal, Buch der Freunde)
 
…und Originales
 
Daß er die Texte unregelmäßig, bei Gelegenheit und Laune notiert und zwischen anderen Arbeiten ausformuliert habe, ergänzt der Autor in einer Schluß-Notiz, die anreißt, wo der eine oder andere zwischen 1987 und 2007 bereits erschienen sei. Doch die sind fort, wie die Blätter im Wind, eilige, flüchtige "feuilles" eben. Hier und jetzt haben wir sie gebündelt, gebunden. Für Dauer.

Auch eine Medienwissenschaft

„Die Welt ist das Medium, worin wir leben, schrieb Sören Kierkegaard am 2. August 1847 in sein Tagebuch. Ein schöner Satz, wie man ihn gerne zitiert, für Vorworte wie gemacht – und mit der ganzen Schönheit philosophischer Sätze belastet, denen man ihre Wahrheit als unmittelbar einleuchtend sofort zuzugeben bereit ist.
Solche Schönheit aber ist auch ein anderes Wort für Belanglosigkeit. (…)“
 
Andreas Steffens ist Philosoph – Kenner wissen um seine Eloquenz. Hier vereint der höchst belesene Autor die von Hofmannsthal beklagte Sachlichkeit mit einem sehr engen Verhältnis zu den Dingen, philosophische Einsichten mit Lebenserfahrungen, literarische Kenntnisse mit intimem Wissen um die menschliche Natur. In kleinen, intellektuell nahrhaften, jedoch gut verdaulichen Zwischenmahlzeiten und Häppchen serviert er Gedanken zum Verkosten, Einsichten zum Appetitanregen, Miniaturen zum Stillen des in einer immer ärmer werdenden Welt immer mehr nagenden Hungers.
 
Aufschub erwünscht
Das Stundenläuten der Kirchenglocken, sommers bei geöffneten Fenstern von günstig gehendem Wind in der Mittagsträgheit, bei einbrechender Dämmerung herübergetragen, dieses letzte Relikt aus einer Zeit, in der die Welt zwar nicht in Ordnung, aber noch überzeugt war, eine zu haben, es fehlte mir, verschwände es mit den wenigen noch verbliebenen Spuren des Christentums.
 
Jedes Umblättern dieses kostbaren Bändchens lockt auf eine neue Gedanken- und Gefühlsfährte, läßt den Leser dankbar zuschnappen – und glücklich frohlocken, hat er wieder einmal Eigenes gefunden, wiedererkannt.
 
Amour fou, vernünftig
Am treuesten sind wir den Frauen, mit denen wir nicht geschlafen haben.
Ihr Bild erhält sich uns als Vision in einem reinen Begehren, das nicht enttäuscht werden kann, weil es nie gestillt wurde. Und oft nicht einmal geweckt. Jeder Körper, der es neu entstehen läßt, steigert die Erinnerung an das Nichtbesessene, das sich uns darstellt, als hätte es das Vollkommene an Genuß und Erfüllung sein müssen. Das ungestillte Begehren verklärt sich, nachdem die verletzende Qual der Entbehrung sich verflüchtigt hat, zum Maßstab des Glücks. An ihm wird jede erlangte Erfüllung gemessen, und jede bleibt hinter dem höchsten Glück des Nichterlebten zurück.
Diese eine, absolute Liebe, die selten die erste ist, verlässt uns unser ganzes Leben nicht. Das Ungelebte birgt die Maßstäbe des Erlebens. In ihm erfahren wir, welche Erfüllungen unser Leben uns gewähren kann. Was in ihm möglich wäre, versöhnt uns unablässig mit dem, was es ist.
Denen, die uns diese Erfahrung bereiteten, sollten wir am dankbarsten sein. Sie statten uns mit den Visionen aus, die uns im Leben halten, als wäre es keine Folge von Entbehrungen, sondern ein Reigen einlösbarer Glücksversprechen.
 
Ein Lieblingsbuch
 
Andreas Steffens hat hier seinem erstaunlichen Œuvre eine neue Perle hinzugefügt – einen Band, der die ehrenvolle Bezeichnung „Lesebuch“ für sich beanspruchen kann. Denn: man wird es immer und immer wieder lesen. Ein Lieblingsbuch.
Eine Kostprobe noch:
 
Zeitzeichen
Polnische Streichhölzer entzünden sich nicht sogleich vollständig. Wie mit allem hier, muß man auch mit ihnen Geduld haben. Sie glimmen erst ein wenig auf, verharren in einem kritischen

Foto © Frank Becker
Moment der Unentschlossenheit, neigen sich noch einmal dem Verlöschen zu, um dann mit einem Mal zur vollen Flamme zu explodieren.
 
 
Andreas Steffens „Vorübergehend.“
Miniaturen zur Weltaufmerksamkeit.
© 2010 Nordpark Verlag, 120 Seiten, Paperback,
Format 135 x 215 mm,
€ 12,00  -  ISBN: 978-3-935421-54-6
 
Weitere Informationen unter: www.nordpark-verlag.de