Schund?

Eine deutsche Debatte der 1950er/1960er Jahre ├╝ber Micky Maus und andere Comics

von Frank Becker/Red.


Abwärts?

 


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Micky Maus Heft Nr. 1/1951
  Micky Maus Heft Nr. 35/2011

Aufwärts!

Es gab ja 1951 sogleich Zweifler und Kritiker, die glaubten, daß es nicht nur mit der Micky Maus, sondern gleich mit unserer ganzen Kultur abwärts gehe, wenn man Kindern Comoc-Hefte zugänglich mache. Es entbrannte sogleich eine öffentliche Debatte über Wert oder Unwert solcher Hefte. Der Ehapa-Verlag hat dazu einige Fakten zusammengestellt - hier auszugsweise zitiert:

Obwohl in ihren Anfängen die bunten Bildgeschichten sogar gerichtlich verboten werden sollten - galten doch Comics damals noch als „Schundhefte“, die ihre Leser zu verrohten Analphabeten zu erziehen drohten. Kaum war die erste Ausgabe der „Micky Maus“ erschienen und hatte sich mit
durchschlagendem Erfolg verkauft, mußte sich „Die bunte Monatszeitung“ auch schon als Schmutz und Schund beschimpfen lassen:
-  „…Comics, diese ‚anspruchslosen Hefte für Analphabeten‘…“ – aus Jugendschutz Nr.3/57
-  „Diese Bilder führen zu einer völligen Verflachung des Verstandes und einem Siechtum der geistigen Kräfte und der Phantasie.“ – Leserbrief aus der Nürnberger Zeitung, 9.2.1957
-  „von hier aus führt ein gerader Weg zu den „Nur-Sensations-und Sex-Appeal- Bilderbetrachtern“ – Jugendschriftenausschuß in Hof/Saale
-  „Befriedigung einer ungezügelten Phantasie“ – Jugendschriftenausschuß in Hof/Saale
-  „Die Verblödung, zu der die Comics führen durch ihr Stottern und Lallen, verschließt das Tor zum Sprechen und Denken“ – Jugendschriftenausschuß in Hof/Saale
-  „Comics erziehen zu asozialer Haltung, führen zur Gefühlsverrohung und wecken dumpfe Triebe und Instinkte“ – Jugendschriftenausschuß in Hof/Saale
-  „Durch die Häufung des sinnlos Grotesken wird jedes Verständnis von echtem, warmherzigem Humor unmöglich gemacht.“ – Jugendschriftenausschuß in Hof/Saale
-  Comics haben die Wirkung geistiger Narkotika, sodaß von ärztlicher Seite von der Gewöhnung an derartige Lektüre sogar gesundheitliche Störungen befürchtet werden, vor allem nervöse Störungen. – Jugendschriftenausschuß in Hof/Saale
-  „Inhalt und äußere Aufmachung der Grundhefte widersprechen allen Erziehungsgrundsätzen, verrohen und lenken die sexuelle Entwicklung in falsche Bahnen, ganz abgesehen von der Geschmacksverbildung.“ – aus einem Vortrag von Frau Stud.-Prof. Hemmer, 31.12.57
 
1962 gab es eine Razzia an einer bayerischen Schule (Mittelschule Hilpoltstein). Die Kinder mußten den Inhalt der Ranzen auf den Tisch legen – dabei wurden 19.000 „Schundheftchen“ konfisziert.
In Berlin standen gar Schmöker-Mülltonnen, in die die Kinder ihre Schundhefte werfen konnten und sie in „wirklich lesenswerte Hefte“ umtauschen durften (die „Rasselbande“ gehörte dazu, Anm. d.Red.).

Aber das Micky Maus-Heft hatte auch Fürsprecher, darunter:
-  „Wer als Erwachsener einmal gründlich seine Nase in ‚Micky Maus‘ hineinsteckt, wird feststellen, daß das Ende jeder Geschichte moralisch stets sauber ist. Die positive Wirkung dürfte oft stärker sein als bei so manchem Märchen aus Urgroßmutters Zeiten.“ - Frankfurter Nachtausgabe, 22. Mai 1959
-  „Wie ein Treppenwitz hört sich die Forderung an, die Kinder vor dem Konsum von Bildgeschichten zu bewahren. Hier hat doch wohl das Fernsehen mit einem dicken Stein das eigene Glashaus zertrümmert.“ - Frankfurter Nachtausgabe, 22. Mai 1959
-  „Micky Mouse, Donald Duck, Pluto und die anderen Geschöpfe von Walt Disney’s Phantasie, die seit Jahrzehnten auf der ganzen Welt Alt und Jung unschuldige herzliche Freude bringen, als Jugendverderber – das ist denn doch eine ungewöhnliche Vorstellung.“ – aus einem Schreiben von Dr. Christian Broda (Wien)/ Rechtsanwalt; später Justizminister Österreich
-  „Eine der angesehensten und förderungswürdigsten Jugendzeitschriften, die ‚Micky Maus‘, regt Ihre Leser dazu an aus eigener Arbeit Berichte, Fotos und Zeichnungen der Zentrale vorzulegen.“ – Westfalenpost, 15./16. Mai 1958
-  „Und wären erst diese ergötzlichen Freunde unserer Kinder in einem Land auf den Scheiterhaufen der Zensur verbannt – wer weiß, in welchen anderen Ländern das dann nur allzurasch weit über die nun wirklich unschuldige Micky Maus hinaus Schule machen könnte. – Der Tagesspiegel, 13. Januar 1957 / Schwäbische Post, 7. Mai 1957

Weitere Informationen: www.ehapa.de