G├Âtterversammlung auf der Domplatte

Berlins Antiken zu Gast in K├Âln

von Rainer K. Wick

Foto © Rainer K. Wick
Götterversammlung
auf der Domplatte

Berlins Antiken zu Gast in Köln
 
 
Als Hauptstadt der Provinz Niedergermanien war Köln in der Römerzeit eine der blühendsten Städte nördlich der Alpen. Dies belegen bedeutende Grabungen und großartige Funde, die heute im unmittelbar neben dem Dom gelegenen Römisch-Germanischen Museum zu besichtigen sind. Und wer „Mit dem „Fahrstuhl in die Römerzeit“ – so der Titel eines Bestsellers von Rudolf Pörtner aus dem Jahr 1959 – reist, betritt unter dem Spanischen Bau des Kölner Rathauses unversehens das einstige Palastgebäude des römischen Statthalters, das  Praetorium. Alles das und manches mehr gehört zum dauerhaft zugänglichen antiken Erbe der Stadt am Rhein. Nur vorübergehend gastiert nun im Römisch-Germanischen Museum eine vorzügliche Kollektion in Berlin beheimateter griechisch-römischer Antiken. Eine Präsentation, so läßt sich anfügen, die hier, auf römischem Boden und im Kontext der reichen Sammlungsbestände des Kölner Museums, ganz besonders eindrucksvoll ist.  
 
Götterwelt kompakt
 
Selten bietet sich die Gelegenheit, die griechische und römische Götterwelt so konzentriert, so kompakt, so zusammenhängend erleben zu können wie momentan in Köln. Dabei ist das hier

Asklepios (Aeskulap), um 150 n. Chr. (aus Rom,
Sammlung Natali) - Foto © Rainer K. Wick
erstandene Pantheon – was ja nichts anderes bedeutet als ein allen Göttern geweihter Ort – keines jener Kabinette, in denen dichtgedrängt verstaubte Gipsabgüsse antiker Skulpturen ein nur wenig beachtetes Schattendasein fristen. Vielmehr zeigt die Kölner Ausstellung hochkarätige Schätze, vor allem Skulpturen, aus der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin, die jahrzehntelang nicht zu sehen waren und nun so etwas wie eine zweite Geburt erfahren. Abgesehen von Abgüssen einiger Relieflatten des Pergamonaltars handelt es sich dabei um äußerst qualitätsvolle Originale – von archaischen, schwarzfigurig bemalten Gefäßen über Meisterwerke des Hellenismus bis hin zu römischen Marmorrepliken nach griechischen Skulpturen aus klassischer Zeit. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die olympischen Götter Zeus, Poseidon, Hades, Hera und Demeter sowie die „nächste Generation“ griechischer Gottheiten mit Athena, Apollon, Artemis, Aphrodite, Ares, Dionysos, Hermes und Hephaistos. Ohne an dieser Stelle auf die komplexe wie auch komplizierte Mythologie der Griechen und Römer eingehen zu können (hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf das großzügig gestaltete und inhaltlich ausgezeichnete Katalogbuch), macht die Ausstellung deutlich, daß das Bild, daß sich die Menschen einst von den Göttern machten, keineswegs statisch war, sondern im Geschichtsprozeß steten Transformationen unterworfen wurde, was auch an zum Teil markanten formalen Veränderungen ablesbar ist. Dies gilt zum Beispiel für Darstellungen der Aphrodite, die anfänglich von Bildnissen anderer Göttinnen kaum zu unterscheiden sind. Erst seit dem 5. Jahrhundert wird ihre Kleidung freizügiger, Anfang des 4. Jahrhundert ist es dann der Bildhauer Praxiteles, der Aphrodite gänzlich nackt zeigt und damit den klassischen, über Jahrhunderte nachwirkenden Typus prägt.
 
Spannende Sammlungsgeschichte
 
Mit einigem Optimismus wird man von der Annahme ausgehen dürfen, daß die Grundzüge der griechisch-römische Mythologie auch zu Beginn des dritten Jahrtausends noch zum allgemeinen Bildungskanon gehören. Fragt man aber, was es mit dem Titel der Ausstellung „Die Rückkehr der Götter“ auf sich hat, sieht man sich auf die spannende Sammlungsgeschichte der Berliner Antikensammlung verwiesen, die keineswegs als bekannt vorausgesetzt werden darf.

Aphrodite, um 150 n. Chr. (aus Rom, Villa
Aldobrandini) - Foto © Rainer K. Wick
Sie beginnt im Jahr 1698 mit dem Ankauf einer Kollektion von Antiken durch den brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III. Entscheidende Zuwächse erfuhr die Sammlung unter Friedrich II., dem Großen, dessen dreihundertster Geburtstag gerade einen enorme öffentliche Aufmerksamkeit findet und der während seiner langen Regierungszeit (1740–1784) nicht nur aus großen Privatsammlungen kaufte, sondern dem auch die Antikensammlung seiner Lieblingsschwester Wilhelmine nach deren Tod zufiel. 1747 hatte der kunstsinnige Preußenkönig die hellenistische Bronze des „Betenden Knaben“ erworben und in Sanssouci aufstellen lassen – bis heute eines der Prachtstücke der Berliner Sammlung – , zwanzig Jahre später gelang ihm der Kauf einer exquisiten Porträtbüste Julius Cäsars.
Napoleon ließ bedeutende Werke aus Berlin nach Paris bringen, doch konnten nach der Rückführung der von ihm geraubten Kunstschätze Planungen für ein eigenes Berliner Antikenmuseum beginnen. 1830 fanden dann in der Rotunde des von Karl Friedrich Schinkel errichteten Museumsneubaus 214 griechische und römische Skulpturen Aufstellung. Durch systematische Neuerwerbungen, vor allem aber durch Grabungskampagnen auf dem griechischen Festland und in Kleinasien, wuchs die Berliner Sammlung schnell weiter. Da der Schinkel-Bau rasch aus allen Nähten geplatzt war, wurde 1859 in unmittelbarer Nähe des nunmehr „Alten Museums“ das von Friedrich August Stüler entworfene „Neue Museum“ eröffnet. (Durch Bomben im Zweiten Weltkrieg schwer getroffen, überdauerte es die DDR als Ruine und erlebte nach einer langwierigen, von dem englischen Stararchitekten David Chipperfield geleiteten Rekonstruktions- und Restaurierungsphase im Jahr 2009 ein glanzvolles Revival.) Da auch dieses „Neue Museum“ nach den Grabungen im ostgriechischen Pergamon zu klein geworden war, wurde im Jahr 1901 ein erstes, noch bescheidenes Pergamonmuseum eingerichtet, das wegen baulicher Mängel und unzureichender Dimensionen aber schon 1908 geschlossen und abgerissen wurde. An seine Stelle trat der von Alfred Messel entworfene, zwischen 1910 und 1930 errichtete Monumentalbau eines neuen Pergamonmuseums. Neben spektakulären Werken wie der hocharchaischen sog. „Berliner Göttin“ oder der frühklassischen „Thronenden Göttin“ von Tarent bildeten die ausdrucksstarken hellenistischen Reliefs des Pergamonaltars den absoluten Höhepunkt der Antikensammlung der Reichshauptstadt.
 
Krieg, Raub, Rückgabe, Neugeburt
 
Um die Schätze der Berliner Antikensammlung während des Zweiten Weltkriegs vor Bombenschäden zu schützen, wurden sie zum Teil an sichere Orte ausgelagert, zum Teil auch eingemauert. Das
 
Marsyas-Relief, 4. Jh. v. Chr. - Foto © Rainer K. Wick
Pergamonmuseum erlitt erhebliche Gebäudeschäden. Nach der Kriegsniederlage Deutschlands wurden 1945 große Teil der Sammlung von der Roten Armee in die Sowjetunion verbracht, bevor sie 1958 an die DDR zurückgegeben wurden. Es ist interessant zu lesen, mit welch euphemistischen Formulierungen noch im Jahr 1976 die damalige Direktorin der (Ost-)Berliner Antikensammlung Elisabeth Rohde den Kunstraub der Sowjets und die Rückgabe der Museumsschätze an das „sozialistische Bruderland“ umschrieben hat. So bemerkt sie über die Reliefs des Pergamonaltars, daß diese nach Kriegsende angesichts der gravierenden Bombenschäden, die eine „gesicherte Unterbringung der kostbaren Friese“ ausgeschlossen hätten, „unter der Leitung sachverständiger sowjetischer Kunstschutzoffiziere nach Leningrad in die Eremitage gebracht“ und „von den dortigen Kollegen sorgfältigst betreut worden“ seien. Und sie fährt fort: „Für diese uneigennützige Hilfe sind wir dem sowjetischen Volk zu großem Dank verpflichtet“ – Rhetorik, die zweifellos den politischen Zwängen der Zeit geschuldet war.
Zahlreiche der von den Sowjets restituierten Kunstwerke verschwanden allerdings für Jahrzehnte im Depot. Erst im Jahr 2008, fünfzig Jahre nach der „Rückkehr der Götter“ nach Deutschland, erlebten sie ihre längst fällige Auferstehung, die einer Neugeburt gleichkam. Aufwendig restauriert, wurden diese Antiken zunächst einem begeisterten Publikum in mehreren Städten Brasiliens präsentiert, nun können sie noch bis zum 26. August 2012 im Römisch-Germanischen Museum der Stadt Köln besichtigt werden. Eine Ausstellung, die gleichermaßen ein Lehrstück in Sachen antiker Mythologie wie auch ein ästhetischer Hochgenuß ist.
Hingewiesen sei abschließend auf ein interessantes Kuriosum der Kölner Sonderschau. Aus dem eigenen Sammlungsbestand wird im Foyer des Römisch-Germanischen Museums der Marmortorso einer Venus-Statue vom Typus der sog. Pudica (der keuschen oder schamhaften Venus) gezeigt, die in spätantiker Zeit – mit dem Rücken nach oben – zur Ausbesserung des Pflasters der alten, von Norden nach Süden durch Köln verlaufenden römischen Heerstraße (Cardo Maximus) gedient hatte und bei Ausgrabungen unter den heutigen Hohen Straße, Kölns Einkaufsmeile, gefunden wurde.
 

Die Rückkehr der Götter

Torso einer Venus-Statue, gefunden unter der
Hohen Straße in  Koeln - Foto © Rainer K. Wick
Berlins Antiken zu Gast in  Köln
bis 26. August 2012
Römisch-Germanisches Museum der Stadt Köln
Roncalliplatz 4, 50667 Köln
Telefon 0221-221/2 44 38 und 221/2 45 90
Fax 0221-221/2 40 30
roemisch- germanisches- museum@stadt-koeln.de

Internet: www.stadt-koeln.de/6/veranstaltungskalender/07372/


Zur Ausstellung ist im Verlag Schnell & Steiner ein großformatiger, umfassender und reich bebilderter Katalog mit dem Titel „Die Rückkehr der Götter. Berlins verborgener Olymp“ erschienen; 424 S.; 24,90 Euro, ISBN 978-3-7954-2114-4
Weitere Informationen: www.schnell-und-steiner.de/