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Oh, Orange!

(Licht in der Nacht)

von Michael Zeller
Oh, Orange!
Michael Zeller - Foto © Ryszard Kopczynski
Oh, Orange!

(Licht in der Nacht)
 

… du bist am Boden, nirgends ein Halt weit und breit - und plötzlich, unversehens, der Anruf: ,,Oh, Orange!“  
Das war ein schlimmer Vormittag gewesen. 
 
Mitten in der besten Arbeitszeit rief Beate an, seit langem wieder einmal. Andrich verdrehte die Augen zur Decke und atmete tief durch. Aber in ihrer Stimme schwang ein Ton mit, der ihn sofort alarmierte. Die frühere Geliebte war offensichtlich in Nöten, mußte sich aussprechen mit jemandem. Jetzt. Sofort spürte er, daß er sich dem nicht entziehen durfte. Denn seine Beziehung zu Beate war immer noch delikat, auch wenn sie bereits Jahrzehnte zurücklag. Andrich fügte sich. Die Arbeit konnte er jetzt für eine Weile vergessen.
 
Beate In seiner hormonellen Hochphase war sie ihm als die Frau fürs Leben erschienen, und sie hatten beide wirklich ein paar aufgeregte, heftige Jahre miteinander verbracht. Darauf allerdings folgte eine fast genauso lange schreckliche Zeit, in der sie sich, zusammen und allein, von dem Traumbild der Großen Liebe trennen mußten. First cut is the deepest, sang in diesen Jahren Rod Stewart, und genauso war es ihnen beiden damals ergangen. Das Glück ihrer Honigzeit mußte mit großen Schmerzen zurückgezahlt werden, doppelt und dreifach, wie es Andrich schien, immer noch.
 
Davon war ihnen eine Nähe geblieben, und eine schonende Vorsicht, und deshalb mußte Andrich Beate jetzt am Telefon zuhören, ob es ihm paßte oder nicht. Ihr Leben war wieder mal in arge Turbulenzen geraten, drängte es aus ihr heraus. lm Sommer war sie von einer Zecke gebissen worden und lag seit Wochen, den Körper voller Medikamente, mit einer Borreliose im Bett. Ihrem Ehemann, in einer guten Position der Wirtschaft, hatte man den Vertrag nicht verlängert. Und der Sohn, Anfang Dreißig, war nach Jahren, die er an Universitäten verplempert hatte, ohne jeden Studienabschluß zurück ins Elternhaus gekrochen, als letzten Hafen. Er lebte wieder bei ihnen, in seinem alten Kinderzimmer, das er kaum mehr verließ.
 
Bald eine Stunde redete Beate, sprach sich aus, so offen und ehrlich, wie man das nur mit einem ganz vertrauten Menschen kann. Andrich selbst sagte kaum ein Wort. Er litt stumm mit. Diesen immer noch nahen Menschen in einer solch verzweifelten Lage zu sehen, an mehreren Fronten, wühlte ihn auf, auch noch nach dem Telefonat. Seine Arbeit war ihm vollends abhanden gekommen. Die Papiere, denen er sich vorhin noch konzentriert gewidmet hatte, lagen vor ihm auf dem Schreibtisch: fremd, nichtig, leer. Zum Lachen nebensächlich.
 
Er verließ die Wohnung, rannte blicklos durch die regentrüben Straßen des Winters, wußte kein Ziel. Als er an einer Konditorei vorbei kam, versuchte er es mit einem Kaffee. Zerstreut überflog er die Zeitung und fingerte an dem Döschen mit der Kaffeesahne. Es ging und ging nicht auf - bis ihm ein dicker Strahl auf die Hose spritzte, die er gestern frisch aus der Reinigung geholt hatte. Er herrschte die Bedienung an, ihm ein feuchtes Tuch zu bringen, aber rasch! Am Nachbartisch wurde es für Sekunden mausestill. Er floh nach draußen, stapfte durch die Stadt, in der es sich vorweihnachtlich drängte. Alles um ihn herum war vergessen, der Raum, die Zeit. Wie konnte er Beate helfen, am anderen Ende des Landes? Nein, da war nichts zu tun. Außer ein paar tröstenden Worten vielleicht. Worte, immer nur Worte ...
 
Andrich ließ sich treiben, ohne aufzuschauen, und landete irgendwann in einem Fischimbiß, stellte sich eine Suppe aufs Tablett. Das Lokal ein großer, heller Raum, fast alle Tische waren frei. Da fuhr ihm das Orange ins Auge. Oh, Orange! Auf jedem Tisch stand eine schlanke Vase mit einer orangefarbenen Gerbera. Aber nur auf diese eine Blüte fiel ein Punktstrahler von der Decke herab, direkt in ihr Innerstes hinein, und brachte sie zum Glühen. Jedes einzelne Blatt der sonnenrunden Blume am nackten langen Stiel strahlte. So hemmungslos, meinte Andrich, habe er noch nie in seinem Leben eine Gerbera blühen sehen. Und das auf einem schnöden Stück Kunststoff, leer und weiß. Nichts sonst. Nur dieses Lachen in Orange.
 
Zu ihr setzte Andrich sich, drehte die Vase, daß sie sich anschauen konnten von Angesicht zu Angesicht. Eine Blume, zu nichts nütze, weder ihm noch dieser armen Freundin, die in einem solchen Schlamassel steckte. Er nahm zwei, drei Löffel von der Suppe und wunderte sich, daß sie ihm schmeckte. Richtig gut sogar. Er bekam Appetit beim Essen, und er spürte, wie mit jedem Bissen die Traurigkeit aus seinem Körper wich und wie stattdessen Löffel für Löffel Zuversicht und Energie sich in ihm ausbreiteten und auch seine Gedanken zum Glimmen brachten.
 
Mein Gott, wie schön ist das Leben, das einem solche Wunder serviert, Tag für Tag!
 
Schon beim Zahlen wußte Andrich, jetzt könne er wieder zurückkehren zu seiner Arbeit. Das glühende Orange einer Gerbera leuchtete ihm heim.
 
 
© Michel Zeller
Erstveröffentlichung in den Musenblättern