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Einsamkeit

George Moore – „Albert Nobbs“

von Frank Becker
Einsamkeit
Einsamkeit
 
Drama und Zeitdokument
 
Albert Nobbs´ Lebens-Geheimnis wird in George Moores (1852-1933) gleichnamiger Novelle dem Leser schon nach wenigen Seiten enthüllt. Nach langer Tätigkeit als Mietkellner in vielen Hotels englischer Großstädte ist Albert Ende des 19. Jahrhunderts nach Dublin gekommen, wo er seit nun sieben Jahren als angesehener Etagenkellner im Morrison´s Hotel tätig ist, höflich, zurückhaltend und vom übrigen Personal respektiert. Was niemand weiß und auch niemand je erfahren soll: Albert ist eine Frau – eine Frau mit harter Vergangenheit und entbehrungsreichem Leben, bis ein Zufall die schlanke Frau in Männerkleidung steckte und zu einem Kellner werden ließ.
Nun aber will es ein anderer Zufall, daß der vermeintliche Mr. Nobbs auf Anweisung der Hotelchefin den reisenden Handwerker Hubert Page aus Platzmangel für eine Nacht in seinem Zimmer aufnehmen und mit ihm das Bett teilen muß. Und auch das wäre gut gegangen, hätte der Gast nicht einen Floh mitgebracht, der Albert quält und weckt. Bei der Suche nach dem Ungeziefer wacht auch Hubert auf und entdeckt Alberts Weiblichkeit.
 
Ihm öffnet sich Albert im nächtlichen Gespräch, wobei sie ihre Zerrissenheit und Einsamkeit er- und bekennt und flehentlich bittet, das Geheimnis zu bewahren. Es fällt Hubert nicht schwer, denn auch sie muß bekennen, daß sie eine Frau ist, die in Männerkleidern ihren Lebensunterhalt verdient, weil man ihr das als Mädchen nie erlaubt hätte. Nur hat Hubert sich mit einem Mädchen zusammengetan, um der Einsamkeit zu entgehen und führt ein bürgerliches Leben unter dem Deckmantel einer Ehe.
Das ist der zweite Floh, nämlich der im Ohr von Albert, die nach langer Überlegung mit dem Traum einer gemeinsamen Zukunft ungeschickt um eine Hotelangestellte freit, ohne sich zu bekennen. Unerfahren wird sie von dieser Helen schamlos ausgenutzt und schließlich der öffentlichen Lächerlichkeit preisgegeben. Ihr Geheimnis bleibt jedoch unentdeckt und der Rücksturz in die Verlorenheit, in die schreckliche Einsamkeit wird umso härter.
 
Seit Scott Bradfields „Die Leute, die sie vorübergehen sahen“ habe ich in der Literatur die Einsamkeit eines Menschen nicht mehr so erschütternd, so quälend mitempfunden wie in dieser Novelle. Sehr zur Lektüre empfohlen.
 
George Moore – „Albert Nobbs“
Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Stefan Weidle
© 2026 Pendragon Verlag, 104 Seiten, gebunden -  ISBN 978-3-86532-967-7
20,- €
 
Weitere Informationen: www.pendragon.de