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Borretsch

von Michael Zeller
Borretsch
Foto © Spencer Wing
Borretsch
 
Vater und Sohn hatten sich wieder mal gestritten. Ein bißchen wenigstens. Wie so oft ging es auch diesmal um das Lesen - um das Lesen von Büchern. Natürlich. Das andere zählte ja gar nicht, nach Meinung des Vaters. Durch das ständige Benutzen des Computers sei es außer Kurs geraten und stehe jetzt, wenn man ihn frage, am Rand des Verschwindens. Ein leidiges Thema zwischen den beiden, mit sehr festgelegten Rollen, die gnadenlos ihr unterschiedliches Lebensalter spiegelte, der Vater Anfang Vierzig, Friedhelm mal gerade dreizehn.
 
Das Gespräch fand im Garten statt. Ein Gärtchen eher. Doch Vaters ganzer Stolz. Leider konnte er seinen Friedhelm nicht fürs „GarteIn” begeistern, wie er das Beackern der Erde zärtlich nannte.
 
Gerade bereitet er das Mittagessen vor, aus den eigenen Beeten. Er putzt den Salat, schneidet die Tomaten in feine Scheiben, daß man fast durchsehen kann, hackt Petersilie. Was fehlt noch? Kräuter, ja. Vor allem Borretsch.
 
Schickt Friedhelm los, von dem Beet hinten Borretsch zu holen, eine ganze Handvoll. Der Sohn stutzt, schaut fragend den Vater an. Borretsch? Sofort wittert der Alte die Chance, den Kleinen zu belehren, aber da ist der schon um die Kurve.
 
„Das dritte Beet links, ja?”, ruft er ihm noch nach. Nach wenigen Minuten ist der Junge zurück, steht vor ihm, ein Bündel Borretschblätter in der Faust, sauber abgeschnitten unten.
 
„Donnerwetter. Hast du ja schnell geschafft. Ich dachte schon ..."
 
Mit der freien Hand klopft sich der Junge auf die Hosentasche.
 
„G|aubst du denn, mein Computer kennt sich ausgerechnet mit Borretsch nicht aus ....?"
 

 
© Michel Zeller
Erstveröffentlichung in den Musenblättern