Verstrickt
Verstrickt
Unentschlossen stand der Kunde im Buchladen herum, vor dem langen Regal an der Seitenwand. Welchen Titel suchte er eigentlich? Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Irgendetwas störte ihn hier im Raum. Ja, diese Frau weiter vorn, an der Tür. Dieses Anstarren Eine Weile schon hatte er das Gefühl, als wollte sie etwas von ihm. Täuschte er sich, oder beobachtete sie ihn wirklich? Er schaute sie sich genauer an. Anfang Fünfzig, schätzte er. Unscheinbar eher. Niedergedrückt. Eine Traurigkeit in ihrem Gesicht fiel ihm auf, sonst nichts. Als sie seinen Blick erwiderte, drehte er sofort den Kopf weg. Abwehr regte sich in ihm. Er war dieser Frau noch nie begegnet. Wenn nicht dieser Blick auf ihn gewesen wäre. Daran bestand jetzt kein Zweifel mehr. Warum ausgerechnet er? Es konnte sich nur um eine Verwechslung handeln.
Landolf ging nach hinten in den Nebenraum, zur Abteilung mit der neuesten Reiseliteratur. Für das Frühjahr wollte er sich endlich seinen langjährigen Wunsch erfüllen, ins Baltikum zu fahren, zusammen mit Claire. Vor Jahren hatte er sich mal ausgiebig mit der Geschichte der Hanse beschäftigt, als einer frühen Keimzelle Europas, auf Handel und Wandel gegründet. Doch ausgerechnet ins Baltikum hatte er es bisher nie geschafft. In diesem Jahr mußte es sein. Seit ihm der sechzigste Geburtstag immer naher auf die Haut rückte, war er vorsichtiger geworden mit seinen Plänen, oder berechnender. Zwischen mehreren bunt aufgemachten Bänden über die baltischen Länder konnte er wählen, die beiden handlichsten zog er heraus. Er blätterte die ersten Seiten an, fing gerade an zu lesen, da stand sie direkt neben ihm, diese Frau. Sie meinte wirklich ihn. Um eine Verwechslung konnte es sich jetzt nicht mehr handeln. Die körperliche Nähe dieser Fremden machte ihn unruhig. Mehr als fragend schaute er sie an.
„Das ist, entschuldigen Sie. Das ist …“. Die Frau brach ab, kämpfte mit den Worten. „Das ist mein Pullover, den Sie da tragen.“
Landolf wich einen Schritt zurück. „Ihr Pullover? Wie kommen Sie denn darauf?” Sein Pullover? Er schaute sich im Laden um und dämpfte die Stimme. „Das ist doch kein Frauenpullover. Ich bitte Sie! Den trage ich bestimmt schon ein ganzes Jahr! Ein Geschenk von ...”
Doch. Sie habe diesen Pullover gestrickt, blieb die Frau dabei. „Mit diesen Händen hier.” Sie rang sich die Worte ab, Tränen in der Stimme, und hielt ihm ihre beiden Hände entgegen, mit weit gespreizten Fingern. Schlanke, durchaus gepflegte Hände. Sie habe ihn gestrickt für ihren Mann, damals, als er schon im Sterben lag. Masche für Masche habe sie all ihre Hoffnung in den Pullover hineingestrickt, daß er am Leben bleibe, habe sich Zeit gelassen und das Fertigwerden hinausgezögert. Erst als die Prognosen der Arzte immer bedrohlicher klangen …
Landolf, das Buch mit dem sonnigen, ostseeblauen Titelbild in der Hand, wußte nicht, was von dieser Frau und ihrer Geschichte zu halten war. Die Vorstellung, daß er den Pullover eines Toten tragen sollte, seit einem Jahr bereits, behagte ihm wenig. Denn unglaubwürdig wirkte die Frau vor ihm durchaus nicht, und den persönlichen Schmerz dieses Menschen wollte er auf jeden Fall respektieren.
Zwei-, höchstens dreimal habe ihr Mann den Pullover getragen. Vollkommen unpassend habe der Arme darin ausgesehen. Ein ausgezehrter Kopf inmitten dieser fröhlichen, optimistischen Farben. „Und dann” - die Frau schluchzte auf – „dann ist er …“
Landolf war peinlich berührt von diesem Auftritt in einem öffentlichen Buchgeschäft. Aber es regte sich doch auch Mitleid in ihm mit dieser fremden Frau, eine Art von Anteilnahme. „Wollen Sie den Pullover vielleicht wieder zurück haben?”, bot er ihr an in seiner Hilflosigkeit. Ein absurder Gedanke, für den er sich sofort schämte. Zum Glück ging die Frau darüber hinweg.
„Verbrennen hätte ich ihn damals sollen. Aber er war mir derart ans Herz gewachsen beim Stricken. Es steckte so viel Hoffnung darin, so viele positive Gefühle, und die wollte ich nicht verloren geben. Zerstören, wegwerfen - nein, das brachte ich einfach nicht über mich, und deshalb habe ich den Pullover einer meiner Freundinnen in ihren Wolladen gegeben. Die Hoffnung sollte weiterleben.”
Die Frau tupfte sich mit dem Taschentuch ihre Augenwinkel ab, atmete zweimal tief durch, um wieder Fassung zu finden, straffte sich, hob ihren Kopf. Ein sehr fein gezeichnetes Gesicht wurde sichtbar. Die Worte, mit denen sie sich bei dem Fremden entschuldigte und gleichzeitig für sein Verständnis bedankte, klangen schon wieder fest. Eine selbstbewußte hübsche Frau, nicht mehr jung und noch nicht alt, verließ mit aufrechtem Gang den Laden. Landolf eilte ihr nach und drückte ihr seine Visitenkarte in die Hand. Verwundert schaute sie ihn an, musterte ihn. Ein genaues Schauen. Sie zögerte eine Sekunde, ehe sie ihre Handtasche öffnete und die eigene Karte herauszog.
Ohne ein weiteres Wort gingen die beiden auseinander.
Zu sagen gab es nichts mehr. Jetzt.
© Michel Zeller
Erstveröffentlichung in den Musenblättern
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