Meine Lieblingsbücher (2) - Robert Walser: Der Gehülfe
Die Literatur-Kolumne
Erwin Grosche
Meine Lieblingsbücher - Zwei
Robert Walser Der Gehülfe
Eines meiner liebsten Lieblingsbücher ist „Der Gehülfe“ von Robert Walser. Sogar mein Computer kennt inzwischen das Wort „Der Gehülfe“ und unterschlängelt es nicht mehr, weil er es für einen Rechtschreibfehler hält.
Joseph Marti, Gehülfe des Ingenieurs Carl Tobler, erlebt als Hausangestellter während eines halben Jahres den Ruin der Familie eines erfolglosen Erfinders und geht dann wieder seiner Wege. Walser erzählte mal auf einer seiner langen Wanderungen mit seinem Vormund Carl Seelig, daß sich Der Gehülfe wie von selbst geschrieben hätte. „Der Gehülfe sei „ein ganz und gar realistischer Roman“, zu dem ich fast nichts zu erfinden brauchte: Das habe „das Leben für mich besorgt“.
Jeder Mensch braucht einen Gehülfen. Wie kann man denn ohne Gehülfen das Leben meistern? Ein Gehülfe ist der erste Schritt aus der Verwirrung. Er wartet mit dir in einem Wartezimmer und liest dir den Wirtschaftsteil aus einer Zeitung vor. Der Gehülfe muß auch für den Erfinder Tobler mehr Stütze als ein Gehülfe gewesen sein. Ein Erfinder braucht ein Gegenüber, dem er von seinen Erfindungen erzählen kann. Man braucht doch jemanden, wo man spüren kann wie was wirkt. Natürlich nimmt der Gehülfe auch den Gast in Empfang und sagt Sätze wie: „Herr Tobler ist gleich für sie da.“ Natürlich könnte das auch Herr Tobler sagen, aber will man das? Auch Herr Tobler will das nicht, dafür ist der Gehülfe da. Herr Tobler soll der Chef sein. Der Gehülfe hat nichts besseres zu tun als Herrn Tobler zu helfen. Das ist der Sinn seines Lebens. Herr Tobler kann in der Zeit seufzen oder eine Blumenvase umstellen und weiß, wenn er klagt, da gibt es einen Menschen der ihm zuhören wird. Der Gehülfe. Wir sind Menschen, die Krönung der Schöpfung, da ist es selbstverständlich daß uns ein Gehülfe über die Türschwelle trägt. Der Gehülfe steht zwischen Start und Ziel. Er hält uns auf und bringt uns voran. In der Zwischenzeit macht er einen Kaffee und schießt das Fenster, wenn es draußen anfängt zu regnen. Ein Gehülfe ist anwesend, wenn man ihn braucht und wenn man ihn nicht braucht, auch. Er empfängt die Post und sortiert aus was wichtig und unwichtig ist. Der Gehülfe weiß was Respekt ist und kann deshalb die Launen der Menschen und seine ungerechten Behandlungen ertragen. Er weiß was gut und falsch ist und versucht die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wir sind doch auf der Welt um zu dienen und zu helfen. Wir sollten alle Gehülfen sein.
Ich kann mich erinnern, daß ich mal mit einer Frau spazieren ging, deren Faßsauna undicht geworden war. Sie zeigte mir sogar Fotos von ihrem Aufenthalt in ihrer Fasssauna und ich weiß nicht, wie ich mich jemals von diesen Anblicken erholen soll. Sie erzählte mir dann wie ihr übellauniger Schwiegersohn versucht hat, diese undichte Faßsauna zu reparieren und daß die ganze Aktion so anstrengend war, daß sie danach zwei Stunden in ihrer Faßsauna saß und schwitzte wie ein Bär. Ich habe ihr natürlich gesagt daß, wenn nochmal ihre Faßsauna undicht sein sollte, es einen Menschen auf der Welt gibt, der sofort alles stehen und liegen lassen würde um ihr zu helfen. Natürlich weiß ich überhaupt nichts von einer Faßsauna und bin handwerklich so ungeschickt wie ein Toastbrot. Ich kann niemandem eine Freude machen, wenn ich in echt vorbei kommen würde um eine undichte Faßsauna zu reparieren. Ich weiß auch nicht ob sich danach noch die Welt drehen würde wie jetzt. Die Unperfektion des Menschen ist nur durch seine Bescheidenheit zu ertragen. In einem Roman formulierte Robert Walser dazu das gelassene Lebensziel „Klein sein und klein bleiben“.
Es konnte passieren, daß man Robert Walser besuchte und er selbst erst den Gast als sein Diener empfing, um sich dann als Robert Walser sehen zu lassen um alle zu begrüßen. Ist das nicht die einzige Art um dem Abenteuer eines Besuches gerecht zu werden? Ich bekomme manchmal Besuch, der mich viele Jahre meines Lebens kostet. Vorher kann ich tagelang nicht schlafen und am Tag des Besuchs stelle ich stundenlang vorher die Kaffeemaschine an, damit sich nicht alles hinzieht und man plötzlich anfängt übers Wetter zu reden oder dem vermaledeiten Fußball zu huldigen. Wer erträgt ohne Depressionen zu bekommen den Besuch der Schwiegereltern, des Vermieters oder des Bürgermeisterkandidaten der SPD? Ich kenne viele Monster, die leidenschaftlich gerne andere Menschen besuchen und jenen dabei Fotos zeigen von ihrem Monsterurlaub und ihren Monsterkindern. Kein Wunder daß sich dann viele zum Monsterstaunen einfinden und dabei einen Podcast aufnehmen. Ich sitze lieber mit 12 Hunden im Wartezimmer eines Tierarztes, als nur 12 Sekunden freiwillig in einer Faßsauna zu verbringen, außer sie ist undicht. (Übrigens finde ich Faßsaunen unwahrscheinlich häßlich. Würde ich denn das schönste was ich zu bieten habe, nämlich meine Nacktheit in einer Faßsauna den Blicken anderer aussetzen? Es gibt Plätze die Gott nicht für uns vorgesehen hat. Eine Faßsauna ist einer davon. Sie ist kein Ort um glücklich zu sein. Warum man das, was eigentlich gebaut wurde um Wein darin zu lagern als Sauna einsetzen muß, weiß nur Heidi Klum.
„Robert Walser ist ein Held, weil er das Kleine, das Unbeachtete, das Schwache, das Unwichtige, das Unernste beschrieben hat, weil er es ernst genommen hat und sich dafür interessiert hat. Immer wieder hat er das Licht, sein Licht – für mich – darauf gehalten. Er hat – mit der Beleuchtung des Unscheinbaren – auf seiner Absolutheit bestanden und ihr damit Wichtigkeit gegeben. Er hat dem Unbeachteten Wichtigkeit gegeben, er hat damit gezeigt, daß nichts unwichtig ist, daß alles wichtig sein kann, daß alles wichtig ist.“ (Thomas Hirschhorn 2018)
Wie wird man ein Gehülfe? Es ist einfach, wenn man als Gehülfe einen Mülleimer für den Nachbarn rausstellen muß, weil er im Urlaub ist. Mülleimer rausstellen ist auch ein sehr sinnvolles Aushelfen. Je mehr Müll in dem Mülleimer gesammelt wird umso sinnvoller ist die Unterstützung durch den einspringenden Gehülfen. Ich habe mal einem Kranken, der unter einer Magengrippe litt, angeboten, für ihn einkaufen zu gehen. Er nahm dann mein Angebot an, obwohl ich gehofft hatte, daß das Angebot als solches schon Aufopferung genug gewesen wäre und er auf das wirkliche Einlösen dieses Einspringens verzichtet hätte. Dummerweise schickte er mich dann los ohne einen Einkaufzettel geschrieben zu haben, und so stand ich im ALDI und überlegte, was ein kranker Mensch, der das Bett hütet, gut gebrauchen kann. Ich war dann so frei ihm Watte zu kaufen, denn Watte drückt immer eine starke Anteilnahme aus und ist wenigstens weich. Ich kaufte dann sogar Kaffee, wobei ich mich für entkoffeinierten Kaffee entschied, weil mein Bekannter ja krank war und alles was schädlich war, man in diesem Zustand vermeiden sollte, außer Salzstangen und Coca Cola. Ich wußte doch, daß viele bei einer Magengrippe Salzstangen und Coca Cola zu sich nehmen, aber es dann beim Trinken und Essen nicht genießen dürfen, wenn es wie Medizin wirken soll. Zum Glück fiel mir noch der beliebte Krankentröster Zwieback ein und diese Toffifees, die ja auch mal erdacht worden waren, damit man sie wie Tabletten einnehmen kann. Manchmal ist es schon gut wenn man mich als Gehülfen hat, manchmal ist es aber auch besser, wenn man erstmal versucht ohne mich klarzukommen. Ich laufe als Gehülfe nicht weg und bin am besten beim Helfen wenn es nicht so wichtig ist, ob es dann klappt und besser wird. Eigentlich brauche ich selbst überall Gehülfen und bin eher erstaunt wie weit ich mich von meinen Zielen allein entfernen konnte ohne zu verbrennen.
Vom Juli 1903 bis Januar 1904 (also vier Jahre vor Erscheinen des Buches) arbeitete der damals 25-jährige Walser wie der Gehülfe Joseph Marti als Schreibhilfe und Buchhalter. Er besuchte im Herbst 1905 sogar eine Dienerschule und absolvierte einen mehrwöchigen Ausbildungskurs für Hauspersonal in Berlin. Seine Erlebnisse dort bildeten die Grundlage für seinen Roman „Jakob von Gunten“, den ich auch nur jedem ans Herz legen kann. „Indem wir Walser lesen, ahnen wir die eigene Angefochtenheit, die Grenzen der stets halbverrückten Anstrengung, die wir verharmlosend Leben nennen.“ (Wilhelm Genazino)
Ich empfahl das Buch „Der Gehülfe“ mal in einer Deutschlandfunksendung von Sabine Fringes, wo ich gefragt wurde welches Buch ich auf meinem Nachttisch liegen habe.
Mit Walsers „Poetik der Schüchternheit“ (Wilhelm Genazino) erweist der Dichter dem Leben in aller Bescheidenheit seinen Respekt. „Der Gehülfe“ aus dem Manesse Verlag, mit dem Nachwort von Wilhelm Genazino ist mir die liebste von den zahlreichen Veröffentlichungen meines Lieblingsbuches.
Geschätzt von den Kritikern der damaligen Zeit fehlte Walser doch der große Erfolg, um neben der Wertschätzung auch vom Schreiben leben zu können. Obwohl er eigentlich in der kleinen Form zu Hause war, verfaßte er vier Romane, von denen „Der Räuber“ erst posthum erschien. Als Walser aufhörte zu schreiben, hatte er alles erzählt. Er hörte Stimmen, die ihn verspotteten, konnte nicht schlafen und war nachts so unruhig, daß seine beiden Vermieterinnen sich vor ihm fürchteten. Er verbrachte seine letzten 23 Lebensjahre in der psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalt in Herisau (Appenzell).
Robert Walser starb auf einem Winterspaziergang am 25. Dezember 1956. Es gibt ein letztes Foto von ihm, wo er im Schnee liegt und seine Ruhe gefunden hat. Gefunden haben ihn zwei Jungen, von denen einer Erwin hieß.
Der Gehülfe
von Robert Walser mit einem Nachwort von Wilhelm Genazino
Manesse Verlag - ISBN-10 : 3717520369
(nur noch im Antiquariat erhältlich)
Wanderungen mit Robert Walser
Von Carl Seelig (Bibliothek Suhrkamp)
Suhrkamp Verlag - ISBN-10 : 3518225219
»Hellseher im Kleinen«: Das Leben Robert Walsers
von Susan Bernofsky
Eine sorgfältig recherchierte und reich bebilderte Biografie | Der perfekte Einstieg in den Walser-Kosmos
Suhrkamp Verlag - ISBN-10 : 3518431595
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