Meine Lieblingsbücher (3) - Heinrich Hoffmann: Der Struwwelpeter
Die Literatur-Kolumne
Erwin Grosche
Meine Lieblingsbücher Drei
Heinrich Hoffmann Der Struwwelpeter
Im Dezember 1844 suchte der Arzt Heinrich Hoffmann ein Bilderbuch für seinen Sohn Carl und fand nichts, was ihm passend erschien. So erfand er die Geschichten vom Struwwelpeter, vom fliegenden Robert, dem bitterbösen Friederich, Pauline mit dem Feuerzeug, vom Daumenlutscher Konrad, vom Suppenkasper, vom Zappel-Philipp, vom Hans Guck-in-die-Luft und all den anderen Figuren, die im Struwwelpeter auftauchen und schenkte sie seinem Sohn. Nannte er sich in der bald gedruckten Erstausgabe noch Reimerich Kinderlieb, (wie mich übrigens auch 2008 der bekannte Autor und Kritiker Nicola Bardola), bekannte sich Hoffmann später mit vollem Namen zu seiner Autorenschaft.
„Der Struwwelpeter“ ist eine Sammlung von Warnmärchen, erstmals im Jahr 1845 veröffentlicht, die Kindern wichtige moralische Lektionen vermitteln sollte. Dort reimte sich alles was nicht bei drei auf den Bäumen war. Da hat man Durst nach der Wurst und Mädchen und Buben bleiben daheim in den Stuben. Das erste Klangbild war immer gut genug. Die erste Reimpflicht wird genommen. So entstand eine einfache Kinderwelt, die durch eine schablonenartige Bildsprache und manchmal grausame Konsequenzen immer auch erschreckte und als Einschlaflektüre sicherlich auch den kleinen Leseratten erklärt werden mußte. Ich kenne sogar Stimmen die den Struwwelpeter als diskriminierend und rassistisch ablehnen und auch ich konnte dem Buch nur durch frühes Mißverstehen seine poetischen Wendungen entlocken. Was für ein Glück ich hatte. Liest man nicht viele Bücher so, daß man seine eigenen innere Welten darin entdecken kann, ohne Schaden zu nehmen? Finden wir nicht auch in Grimms Märchen unsere Lieblingsgeschichten und lassen die anderen Langweiler und Geschmacklosigkeiten weg? Ich kenne ganze Kapitel von Bodo Kirchhoff Büchern, die ich ratlos zur Kenntnis nehme und andere seiner Beschreibungen, die ich zu schätzen weiß. Ich habe auch die Geschichte des fliegenden Roberts zum Glück falsch verstanden. Sie soll ja eine Warnung sein vor Leichtsinn und mangelndem Gehorsam. Meine Urvertrauen in die Welt und meine unerschütterliche Menschenliebe haben für mich aber nur eine Deutung zugelassen. Ich komme zu dem gleichen Schluß wie Hans Magnus Enzensberger in seinem Gedicht Der fliegende Robert: „...Von euch aus gesehen, werde ich immer kleiner und kleiner, bis ich verschwunden bin. Ich hinterlasse nichts weiter als eine Legende, mit der ihr Neidhammel, wenn es draußen stürmt, euern Kindern in den Ohren liegt, damit sie euch nicht davonfliegen.“ (aus: Hans Magnus Enzensberger: Die Furie des Verschwindens, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1980)
Was bin ich froh, daß auch ich in meiner Neuübertragung „Der tierische Struwwelpeter“ aus diesen Versen ein Abenteuergedicht gemacht habe, die eine mutige Maus begleiten, die das Fliegen erlernen will: „Oh, wie es oktobert!“ ruft der Flieger-Robert. Manche alten Geschichten kann man so gestalten, daß wir ihnen einen Sinn geben können, der auch in unsere Zeit paßt. Nicht umsonst gibt es vom Struwwelpeter so viele Neuübertragungen, die ein anderer Ziel als das Hoffmann-Buch verfolgen. Wenn ich an das Buch „Der Struwwelpeter“ denke, habe ich immer gleich diese drei Fische vor Augen, die den Fall vom Hans Guck-in-die Luft spöttisch begleiten. Eigentlich haben sie nichts mit der Geschichte zu tun, aber natürlich läßt die Geschichte, wie alle Struwwelpetergeschichten viel Platz um sich seine eigenen Gedankengänge zu machen. Was trug Hans Guck-in-der-Lust in seiner roten Mappe, die im Schlußbild den Main entlangtreibt? War er wirklich auf dem Weg zur Schule und was würde der Lehrer sagen, wenn er dort naß und ohne Mappe ankommen würde? Vielleicht steckte in der Mappe ein Wolkenatlas und deswegen schaute er in die Luft und sah weder Hund noch Bach. Wohnen nicht in jeder Straße diese in dem Buch beschriebenen Typen und kommen einem entgegen, wenn man mit dem Hund morgens seine Runde dreht? Ist der Schuljunge, der schon auf dem Weg zum Bus sich nicht vom Anblick seines Smartphones lösen kann, nicht ein moderner Hans-guck-in-die-Luft? Die ganze Welt wird im Struwwelpeter gezeigt und alles was dort beschrieben wird, kann uns lehren die Menschen zu verstehen die Fehler machen, ungeschickt und anders sind.
Mir wurden 2006 die tierischen Struwwelpeter-Bilder von Sara Ball gezeigt, die mich sofort begeisterten. Ich wurde gefragt, ob ich dazu eine Neufassung des Struwwelpeters schreiben wolle. Natürlich sagte ich sofort „Ja“.
Sarah Ball hatte alle Figuren aus der Originalfassung in das Reich der Tierwelt übertragen und so manchen Geschichten ihre oberflächliche Strenge genommen. Der fliegende Robert war nun eine Maus, der Zappel-Philipp ein Affe, der böse Friederich ein Bär, Struwwelpeter ein Löwe usw. usf.
Mein früherer Fahrer, Best Boy und Freund Ekkehard Czerwinski, in dessen Nachnamen mein Vorname Erwin auftaucht, welches mir aber auch erst jetzt, 7 Jahre nach seinem Tod auffällt, - und was mir zu unserer besten Zeit viel Mühe erspart hätte, wenn ich ihn unter seinem komplizieren Vor- und Nachnamen telefonisch ein Hotelzimmer besorgen mußte, „Schreiben sie Czerwinski wie Erwin im Winter“, hätte ich dann nur sagen brauchen - gestand mir mal auf einer unserer schrecklichen Nachtfahrten, daß er als Kind Angst vor den Geschichten des Struwwelpeter gehabt hat. Ich machte mich damals darüber lustig, weil Ekkehard ein wilder Typ war, der mit seinem struppigen Bart und seinen langen Haaren selbst als Struwwelpeter hätte durchgehen können, obwohl ihn die nachlaufenden Kinder immer „Nikolaus“ riefen. Wir schliefen mal nach einen Auftritt in einem Hotel am Bodensee und entdeckten dort Skizzen vom Struwwelpeter in einer Vitrine. Heinrich Hoffmann war im heutigen Hotel Schloß Brunnegg in Kreuzlingen (Schweiz) am Bodensee häufig als Gast. In dem historischen Gebäude vollendete und skizzierte Hoffmann im dortigen Turmzimmer Teile seines berühmten Werkes „Der Struwwelpeter“. Das war ein heiliger Moment, als wollte das Schicksal eine Verbindung mit uns herstellen. Natürlich kann man diese Struwwelpeter-Geschichten so lesen, daß sie Angst und Unruhe verbreiten, aber man kann sie auch so verstehen, daß sie Spaß bereiten und sogar Freude machen. Sind sie nicht wie das Drei-Hasen-Fenster im Paderborner Dom für alle Deutungen gut und haben nicht umsonst in vielen Kulturen und Religionen Einlass gefunden?
Ich habe auch in meiner Übertragung des Struwwelpeter das Drei-Hasen-Fenster in die Geschichte vom wilden Jäger, der hier als
Auf der Sara-Ball-Illustration sieht man dazu wie der Hase den Kaffeelöffel neben seinen zwei Löffeln hält. Das ist witzig, oder? Ich glaube ja auch ein wenig an Bestimmung, wenn ich auf mein Leben schaue. Die wunderbare Sara Ball, die ich leider nie persönlich kennengelernt habe und die selbst zu unserer Ausstellung im berühmten Struwwelpeter-Museum in Frankfurt nicht erschien, weil sie, wie ich hörte, sich in der Menschenwelt nicht zu Hause fühlt, hatte die Illustrationen zuerst gemalt und dann erst bot mir der Verlag cbj die Nachdichtung an. Welch eine schöne Aufgabe, die ich an den Ufern des Lippesees so genießen konnte, während meine Tochter im Wasser plantschte und manchmal auf die Veranda des alten Cafés kam, um zu hören wie gut die Wörter klangen und das wir auf alles einen Reim finden können, wenn wir andere Geschichten brauchen. Ich sammle seitdem auch die Nachdichtungen des Hoffmann-Klassikers, und es beruhigend zu lesen wie andere Autoren und Autorinnen die Geschichten in andere Wirklichkeiten tragen um sie passend in unsere Welt zu stellen. Es gibt jetzt eine Fassung mit Donald Trump als Struwwelpeter. Es ist wichtig, sich über die Bösen und Mächtigen der Welt lustig zu machen. Der Struwwelpeter kann immer auch eine Narretei sein, wenn man ihn so versteht und einsetzt, wie er auch gemeint sein könnte. Die Besonderheiten der Geschichten und Figuren lassen dies gerne zu.
Der Struwwelpeter: Lustige Geschichten und drollige Bilder
Originalfassung von 1845 von Heinrich Hoffmann (Autor, Illustrator)
© 2019 Esslinger in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, 40 Seiten, gebunden - ISBN-10: 3480235611
Der tierische Struwwelpeter
von Erwin Grosche (Autor), Sara Ball (Illustratorin)
© 2007 cbj, 32 Seiten, gebunden - ISBN-10 : 9783570132641
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