Wespentod
Wespentod
I.
Das Sterben der Wespen im Herbst, jedes Jahr wieder. Andrich hatte nicht sagen können, seit wann ihn der Anblick sterbender Wespen so interessierte, ja fesselte. Seit ein paar Jahren nahm er wahr, wie seine Augen sich auf dem Blatt verloren, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag, wenn er auf dem Fensterbrett eine dieser spaten Wespen vor sich sah, und wie er darüber den Kontakt zu seiner Arbeit verlor. Wenn ein Insekt auf steifen, dünnen Beinen vorwärtskrabbelte, wie trunken (todestrunken?), ohne ein rechtes Ziel mehr, taumelte eher als ging, jeden Moment umzukippen drohte, auf die Seite, auf den Rücken, mit den Flügeln sich wieder hochzustemmen versuchte. Das fesselte Andrich. Da ist es also wieder mal so weit. Herbst. Die Wespen sterben. Der Natur gehen die Kräfte aus, in unseren Breiten. Heute gelang es dem Tier noch einmal, sich aufzurappeln. In den nächsten Tagen, das ahnte Andrich, nein, er wußte es: Dann würde es liegen bleiben, sterben.
Dieses Sterben an seinem Arbeitsplatz übertrug sich auf sein Verhältnis zu den Wespen (wie großartig das klang, wie lächerlich!) auch während des Sommers, wenn es heiß war und die Insekten im Gefühl ihrer Kraft, der Gier nach Leben, an seine Speisen gingen und die Getränke, schon lange nicht mehr nur an die süßen. Wenn alle Menschen um ihn herum mit ihrem hysterischen Gefuchtel versuchten, die gefährlichen Schmarotzer zu vertreiben, blieb er ruhig. Auch im Sommer hatte er keine Angst vor ihnen. Denn im Herbst erfuhr er sie anders. Erst da galten sie für ihn. Ihre sommerliche Angriffslust nahm er übers Jahr nicht ernst, für sich jedenfalls. So Iieß er das Tierchen auf seinem Teller sitzen, dem Glas, auf der naß geschwitzten Haut, ohne jede Furcht. Er fühlte sich unberührbar von ihnen. Immun. Und nie hatte er in den Tagen des Hochsommers sein Vertrauen zu bereuen.
Dieser Septembermorgen, an seinem Schreibtisch. Ein zweites Tier schleppte sich sterbensmüde über die Platte, mühte sich, am Rand seines Kaffeebechers hochzuklettern, versuchte es wieder, mit allzu schwachen Kräften. Andrich half der Wespe auf, mit dem Blatt Papier, das vor ihm lag - bloß Papier noch -, hob sie ans Fenster, ins Freie. Doch sie flog auch jetzt nicht los. Sie krabbelte über den Fensterrahmen draußen, als hätte sie jede Lebensorientierung verloren, suche nur noch einen Platz zum Sterben. Vielleicht will sie ja lieber im Zimmer bleiben, im Dunkleren, dachte er, plötzlich im Zweifel, ob er ihr überhaupt etwas Gutes damit tat, wenn er sie an die Luft setzte.
Immerhin hatte er bei seinem Rettungsversuch bemerkt, wie stark die Sonne heute noch wärmte. Solange sie da war, wollte er das Fenster offen stehen lassen und an der frischen Luft schreiben. Es war ihr schon ein kühler Zug beigemischt, aber sie schien ihm doch immer noch warm genug. Erinnerung an Sommer. Die Wespe hatte ihn darauf gebracht, die sterbende. Und auch an den folgenden Tagen, solange das Hoch anhielt, arbeitete Andrich am offenen Fenster.
II.
Auch heute wieder. Sonntag. Es war eine gute Ruhe um ihn und in ihm. Der Kaffee war gelungen. Stark, nicht zu stark. Andrich trank aus seinem alten Becher. Da spürte er beim Schlucken etwas Hartes im Mund, das nicht dazu gehörte. Etwas Gepanzertes. Das Getränk war schon hinten an seiner Kehle, er könnte es vielleicht noch ausspucken, auf das Papier vor ihm - sekundenkurze Scheu -, und dann doch auch die Lust, sich den gewohnten Trank einzuverleiben, oder bloß die Mechanik des Schluckens, die über seine Vorsicht siegte? Er schluckte und spürte dabei einen heftigen Schmerz in der Speiseröhre, ein Reißen. Nein: einen Stich. Gefahr, dachte Landolf, ruhig. Da stimmt etwas nicht. Panik empfand er keine. Er mußte schlucken, mehrmals, und jedes Schlucken schmerzte. Er eilte in die Küche. Trank Wasser, nahm sich nicht die Zeit für ein Glas. Direkt aus der Flasche, von Hals zu Hals. Es geschah ihm etwas da hinten in seinem dunklen Inneren. Ein Reiben wie auf rohem Fleisch. Etwas sperrte. Beim Nachtrinken floß ihm das Wasser aus dem Mund zurück, ums Kinn, in das Hemd hinein. Ein Schreck, aber immer noch keine Panik. Luft! dachte er. Du brauchst Luft. Brechen. Ich muß mich erbrechen. Er ging ins Bad. Nein, jetzt stürzte er dorthin, beugte sich über das Toilettenbecken, tief hinein. Luft Luft! Er steckte sich den Finger in den Mund, bis hinten ans Zäpfchen, der Finger schien zur Faust zu werden, der ihm den Rachen verstopfte. Er riß die Faust aus dem Mund, schaute sich seine Hand an, verwundert. Entsetzt... Finger. Nur Finger, dachte er. Meine Schreibhand.
© Michel Zeller
Erstveröffentlichung in den Musenblättern
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