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Herbstmatsch

von Michael Zeller
Herbstmatsch
Michael Zeller - Foto © Ryszard Kopczynski
Herbstmatsch
 
Ein trüber Herbsttag, ohne jedes Licht, und viel zu warm für Anfang Oktober. Es ist ja fast schwül. Das alte Ehepaar, passionierte Spaziergänger, sind unterwegs auf ihrem ihrer Lieblingswege. Der Boden naß und schwer. Die Viehweiden in Hanglage haben sie bereits hinter sich. Rupfend schoben die Kühe sich über den Morast. Dabei war an manchen Stellen das Gras noch grün und sah so frisch aus wie im Sommer. Der Weg im Wald hier ist noch mühsamer zu begehen. Morastiges Geläuf. Unter den Sohlen klebt das feuchte Buchenlaub und macht ihnen den Schritt noch schwerer. An manchen Stellen können sie nicht weiter, müssen auf trockeneren Waldboden ausweichen. Das Gehen auf diesem Gelände strengt sie mehr an als sie es gewohnt sind. Längst schwitzten sie, auch mit offenen Jacken.
 
Oben, auf einer Anhöhe, stehen zwei Bänke, auf denen sie auch sonst gern eine Rast einlegen. Heute aber ist sie ihnen mehr als willkommen. Sie freuen sich auch auf den Blick in das kleine Tal unten, durch das ein Bächlein fließt. Sonst sitzt kaum jemals hier ein Mensch. Doch ausgerechnet heute, an diesem kräftezehrenden Schmuddeltag, ist eine der beiden Bänke besetzt. Ausgesprochen ärgerlich!
 
Die beide Wanderer schauen sich an, zögern. Dann geht die Frau auf die freie Bank zu, nickt den beiden einen Gruß zu. Auch ein Paar, im mittleren Alter. Das Holz der Bank ist leicht feucht. Er zieht seine Jacke aus und legt sie unter sie beide. Sie schauen hinab ins Tal. Der gewohnt erfreuliche Anblick bietet sich ihnen heute nicht. Irgendetwas stört sie. Aber was? Alles wie sonst, wie sie es kennen und mögen. Der allein stehende Bauernhof, der schmale Bach. Dahinter steigt Wald an. Ein Sendemast oben, zwei Windräder.
 
Doch vorne, direkt vor ihnen, steht Mais. Das ist neu für sie. Die haben hier ein Maisfeld angelegt, zum ersten Mal. Der Mann schaut genauer hin. Die hohen grünen Schäfte, oben die braunen Büschel, wie bei Schilf. Die Kolben unten sehen allerdings verkümmert aus, überzogen von einem böse schimmernden Schimmel. Die beiden unterhalten sich über die Veränderung.
 
„Weiter unten gibt es bessere Kolben“, sagt die Frau von der Bank nebenan. „Die sind ganz weich und schmecken süß.“ Vor den Füßen der beiden liegen dann auch wirklich die leeren gelbgrünen Fruchtblätter von Mais. Ein Wort gibt das andere, man kommt ins Gespräch. Sympathische Leute. Die Frau spricht mit einem französischen Akzent. Dann stehen sie auf, ordnen sich die Kleider. Beide haben dicke Erdkrusten an ihren Hosenbeinen unten.
 
Ob wir ihnen sagen könnten, wie sie von hier am besten zu ihrem Parkplatz kamen. Der läge neben einer Kirche.
 
Das Ehepaar muß nachdenken, in getrennten Köpfen. Sie weiß als erste Bescheid. Zunächst den Hang hinab, am Bauernhof vorbei, über den Bach, einen steilen Pfad hoch und oben dann nach links –
 
„Nach rechts“, widerspricht ihr der Mann. „Rechts, selbstverständlich.“
 
„Nein, links“, beharrt die Frau. „Wie sollen sie denn sonst zur Kirche kommen?“
 
Ein Wort gibt das andere. Ein Streiten beginnt. Die Banknachbarn bedanken sich leise, gehen den Hang hinab. Die beiden bleiben sitzen und streiten weiter. Es geht nicht mehr um links oder rechts. Es geht um seine Rechthaberei, es geht um ihre Unfähigkeit, Karten zu lesen. Und das alles schon über Jahre und Jahrzehnte. Ach was, seit einem halben Leben.
 
Ihr Schweiß vom Gehen ist getrocknet. Unten vom feuchten Boden zieht es kühl nach oben. Beide frösteln. Sie stehen auf, richten sich die Kleider, verlassen die Bank. Sie nach links, er nach rechts.
Ein paar Schritte gehen sie getrennt. Der matschige Waldpfad aber zwingt sie auf einen Weg zusammen. Den gehen sie zurück bis zum Auto, schweigend.

 
© Michel Zeller
Erstveröffentlichung in den Musenblättern