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Meine Lieblingsbücher (5) - M. Blecher: Vernarbte Herzen

Die Literatur-Kolumne

von Erwin Grosche
Meine Lieblingsbücher (5) - M. Blecher: Vernarbte Herzen 
© 2025 Suhrkamp
Erwin Grosche
Meine Lieblingsbücher Fünf
 
M. Blecher Vernarbte Herzen
 
 
Manche Bücher gehen tausend Umwege bis sie ihren Leser erreichen. Nur weil ein Buch ein Bestseller ist muß man es noch längst nicht lesen. Ich habe immer noch nicht Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ (Fischer Verlag) gelesen, obwohl ich das Buch in zwei Ausgaben besitze und viele andere Kundera-Bücher mich überrascht und glücklich gemacht haben. Als das Buch „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ veröffentlicht wurde, war es gleich so beliebt, daß ich es nicht wagte von ihm enttäuscht zu werden. Die Zeit der Unbefangenheit war vorbei. Das Buch war entstellt und der Autor vergiftet. Ich warte nun seit vierzig Jahren darauf es entdecken zu dürfen, aber meine Vorurteile sind immer noch zu groß und selbst die Verfehlungen die man 2008 dem Autor vorwarf, machten das Kennenlernen des Bestsellers nicht einfacher. Immerhin blieb der Titel an mir haften und die Erinnerung an zu hoch gestellte Erwartungen. Gerade ist im Kampa Verlag eine Neuausgabe des Buches erschienen und auf dem blauen Cover ist ein Hund zu sehen. Das macht mich schon schwach und weckt meine Leselust.
 
Ich hatte mal eine Bekannte, Babsi Lüppers, die die gleichen Bücher und Filme schätzte wie ich. Okay, das ist jetzt 100 Jahre her, aber sind die ersten Lieben nicht immer besonders und deren Auswirkungen fiebern bis heute nach? Wie schön, wenn man sich bei einer Filmszene nur anzuschauen braucht um zu wissen was der andere denkt. Ihr vernichtendes Urteil über ein von ihr gelesenes Buch war für mich so ausschlaggebend, daß ich es danach nicht mehr in die Hand nehmen konnte. Ich ließ sie sogar meine bei Linnemann gekauften Neuerscheinungen als erste lesen, bevor ich mich ihnen widmete. Dabei ging sie sehr grob mit meinen Schätzen um und schmiß manches Lieblingsbuch nach mir wenn wir Streit hatten. So verfehlten mich nur knapp die Satanischen Verse von Salman Rushdie und auch die Wand von Marlen Haushofer hinterließ eine Narbe auf meiner Stirn. So sah man meinen Büchern immer an, wenn sie sie gelesen hatte. Sie blätterte in ihnen in der Badewanne herum, wo sie viele Szenen aus Moby Dick nachspielte und hatte sie auf dem Frühstückstisch neben Kochkäse und Marmelade liegen. Die Straße der Ölsardinen roch nach Kochkäse und Upton Sinclairs Dschungel hatte Marmeladenflecken. Was glauben sie welche Wunden es bei mir zu lecken gab, wenn sie mich nach einer Liebesnacht wieder für die Öffentlichkeit freigab? Jahrelang störte mich dies nicht, weil ich bei all ihrem Freveleien auch ihre Liebe spürte. „Der Pfad der Gerechten ist zu beiden Seiten gesäumt mit Freveleien der Selbstsüchtigen...“ Alle ihre Verstümmlungen waren Denkmäler und erinnerten an unsere Leidenschaften. Das änderte sich erst als ich Babsi Lüppers mit einem Bodo Kirchhoff-Buch erwischte und sie beim Lesen laut lachte und es nach dem Durchblättern vorsichtig in Samt einschlug. Ich weiß noch, wie ich ungläubig den Kopf schüttelte, weil ich nie gedacht hatte, daß sie sich mal zu Bodo Kirchhoff herablassen würde und im Grunde damit uns und unseren Lesereisen den Stinkefinger zeigte. War sie im Macho-Sumpf des Mainstreams gelandet? Als zu ihrem Bodo Kirchhoff Ausrutscher auch noch das Lesen von Benjamin von Stuckrad-Barre-Ergüssen kamen, leitete das im Grunde das Ende unserer Beziehung ein. Kann man mit Menschen noch intim sein, die Bodo Kirchhoff verehren? Es war dieses Ausgeschlossen sein von ihren Leidenschaften und ihr Desinteresse mir diese Kirchhoff-Fehlgriffe oder diese von Stuckrad-Barre-Desaster näher zu bringen, die mich verleiteten in ihrer Gegenwart Heinrich Böll zu verteidigen. Ich habe wegen ihr den Idioten von Dostojewski gelesen und später sogar den Oblomow von Iwan Gontscharow. Es hat uns mal verbunden diese Lieblingsbücher miteinander zu teilen und sie zu beschützen. Da sollte mal einer etwas negatives über Pitigrilli sagen, da wurden wir zu Furien.
 
Nun weiß sie gar nicht, daß das Buch von M. Blecher „Vernarbte Herzen“ zu meinem Lieblingsbuch geworden ist und ich oft beim Lesen gedacht habe, daß sie das Buch viel mehr berühren würde als mich. Sie hat manchmal geweint beim Lesen und manche Stellen, wenn es ihr Buch war, mit einem Bleistift unterstrichen und andere Kapitel, wenn es mein Buch war mit einem Kugelschreiber entstellt. Manchmal bin ich mir auch nicht sicher, ob sie das Buch von M. Blecher noch mögen könnte. Menschen, die Bücher von Bodo Kirchhoff gelesen haben, sind auf einmal so hastig. Man weiß welche Musik sie hören und was sie von einer Ü50 Party erwarten. Ich schenke Babsi nun zum Geburtstag Merci-Schokoladen und bin nicht erstaunt daß sie von anderen Gästen dreimal das neue Buch von Juli Zeh bekommen hat. Ich weiß nur, daß dieses Buch von M. Blecher zu den berührendsten Büchern gehört, die ich jemals gelesen habe und ich habe mich schon als Zwölfjähriger in Senecas „Von der Kürze des Lebens“ vertieft. Ich klage ja schon, wenn ich im Wartezimmer eines Zahnarztes warten muß und keine alte Zeitungen vorfinde. Ich bekomme schon Beklemmungen in einer Boeing 737, wenn ich in einer Sitzreihe eingeklemmt bin und der Mann im Sitz vor mir seine Lehne nach hinten gestellt hat. Ich vergehe an grauen Tagen sogar vor Mitleid wenn ich ein armes Würstchen sehe welches in einer Plastikfolie eingeschweißt ist. „Der autobiografisch gefärbte Roman Vernarbte Herzen von M. Blecher erzählt die Geschichte des 21-jährigen rumänischen Studenten Emanuel. Er erkrankt an Knochentuberkulose und verbringt fast ein Jahr in einem Sanatorium, wo er die meiste Zeit in einem Gipsbett liegen muß. Trotz seines körperlichen Verfalls prägen Lebenshunger, Spott und ein intensiver intellektueller Austausch den Alltag des Patienten.“ (Suhrkamp Verlag) Ich entdeckte dieses Buch durch Zufall. Ich bin ein treuer Zuschauer der 3sat Sendung „Kulturzeit“. Das 3sat-Kulturmagazin wird von einem festen Team der beteiligten öffentlich-rechtlichen Sender aus Deutschland, Österreich und der Schweiz präsentiert: Cécile Schortmann (ARD / Hessischer Rundfunk), Vivian Perkovic (ZDF), Nina Mavis Brunner (SRF), Lillian Moschen (ORF) sind die vier Jahreszeiten der Sendung und bringen uns Frühling, Sommer, Herbst und Winter nahe. Besonders freue ich mich immer wenn Vivian Perkovic auf dem Bildschirm erscheint. Sie moderiert auch Sendungen bei Deutschlandfunk Kultur, in denen sie neue Musik und Musiker vorstellt. Für sie fahre ich dreimal um Siedlungen, um das Ende ihres Interviews nicht zu verpassen. Ihre Fragen und ihre Art sie zu stellen begeistern mich jedes Mal. Sie stellt wirklich Fragen, von denen sie die Antwort nicht weiß. Da hat jemand Interesse an seinem Gegenüber und läßt auch nicht locker, falls er mit der Antwort ausweichen will. Eines ist sicher: Vivian Perkovic läßt sich nichts gefallen. Wir haben Glück, daß sie auf unserer Seite ist. Auf der Seite des Guten, des guten Geschmacks und des guten Lebens. Ich mag auch, wie sie sich in der Kulturzeit kleidet. Da paßt nichts zusammen und das paßt dann zusammen. Sie ist völlig uneitel und bunt. Sie hat so viel Schalk im Nacken, daß ich mich immer freue, wenn sie einen neuen Beitrag ankündigt und über Ungerechtigkeiten in der Welt erzählt. Ich ertrage sogar den Bericht über eine Lesereise von Christine Westermann bis ich sie wieder in die Kamera blicken sehe. Ich bin auch ein wenig stolz, weil Vivian Perkovic in Winterberg geboren wurde. Meine Eltern sind auch aus dem Sauerland und diese unerwartete Nähe macht mich zu einem Geistesbruder und Freund. Ich kann mich an ihren Beitrag erinnern, wo sie ein Plädoyer für die Verbreitung von Tageszeitungen hielt und ich daraufhin wieder eine Paderborner Tageszeitung abonniert habe, obwohl ich sie gar nicht mehr lese, weil sie so langweilig geworden ist. Durch sie oder wenigstens mit ihrer Hilfe, lernte ich auch mein sonderbares Lieblingsbuch “Vernarbte Herzen“ von M. Blecher kennen.
 
Es gibt ein Video im Internet, wo sich ihre Kollegin Lillian Mochen den ersten Tag in der Kulturzeitredaktion aufhält und sich dem Zuschauer bei einem Gang durch die neuen Räumlichkeiten vorstellen will. Sie erzählt dabei über ihre Lieblingsmusik, ihre Lieblingsgäste und kommt dabei an dem mit Büchern vollgestellten Redaktionstisch von Vivian Perkovic vorbei. Sie schaut in der Einstellung auf den Tisch und entdeckt einen Bücherhaufen, dessen oberstes Buch sie in die Kamera hält. Es ist das Buch „Vernarbte Herzen“ von M. Blecher. Lillian Mochen hält kurz inne, und sagt dann im Off: „Dieses Buch kann ich nur empfehlen.“ Sie legt das Buch wieder auf den Haufen, wobei das zweite Buch des Stapels noch zu erkennen ist: „Winterberg und Oberhof – Das Ende einer Städtefreundschaft.“ So erfuhr ich wessen Schreibtisch das gewesen war und wurde auf das Suhrkamp-Buch von M. Blecher aufmerksam.
Dieses Buch ist ein Weinen, ein Klagen, ein sich zerren lassen in die Dunkelheit. Man möchte das Buch anschreien und es fragen, was es noch alles zulassen will um Menschen zu zeigen die verwundbar und verloren sind. Alle Bilder dazu in meinem Kopf sind erst ab 18 Jahren zugänglich und man kann danach lange nicht schlafen ohne Angst vor Gottes bösen Ideen zu haben. Viele meiner Lieblingsbücher sehen anders aus, aber alle wären nichts wert, wenn es dieses verletzende Lieblingsbuch nicht geben würde. Der Autor M. Blecher hat dieses Buch nicht nur geschrieben, er hat es auch erlebt und starb daran. M. Blecher hieß eigentlich Max Blecher, aber er verabscheute seinen Vornamen und kürzte ihn als Autor immer mit einem M ab. M. Blecher stammte aus einer wohlhabenden Familie in der rumänischen Provinz und wurde dort 1909 in Botoșani, einem Städtchen in der Moldau, geboren. Schon in früher Kindheit kam er mit seinen Eltern nach Roman, wo er bis zu seinem frühen Tod lebte. Er schrieb nur zwei Bücher und wurde 28 Jahre alt.
 
„Die Schilderungen der Qualen Emanuels, die Beschreibung der klinikinternen „Kultur“, das Umgehen der Patienten miteinander gehören zum Eindrücklichsten, was ich in der letzten Zeit gelesen habe.“ (Winfried Stanzick).
Es war früher immer üblich, daß am Schluß der 3-sat-Sendung der Abspann eingespielt wurde und in der Zeit der Aufnahmeleiter oder die Aufnahmeleiterin mit Kopfhörer und einem Klemmbrett zu der Moderatorin kam und versöhnlich mit ihr sprach und lachte. Leider wurde dieses Ritual irgendwann unterbrochen und obwohl ich einen Leserbrief an die Redaktion geschrieben habe, ließ sich das Team davon nicht erweichen. Wäre es nicht tröstlich, wenn der Aufnahmeleiter am Ende einer Sendung zu der Moderatorin etwas über M. Blecher sagen würde wie: „Es ist schade, daß man Max Blecher nicht mehr sagen kann, daß sein Buch Weltliteratur geworden ist und wir es lesen und dabei voller Mitgefühl sind.“ Blecher starb so früh, daß er uns als Freunde seines Meisterwerks nicht mehr mitbekommen hat.
 

M. Blecher – „Vernarbte Herzen“ Roman
Ernst Wichner (Nachwort, Übersetzer)
© 2006 , 4. Auflage Suhrkamp Verlag / Bibliothek Suhrkamp, 221 Seiten, Broschur – ISBN 978-3-518-24444-9
20,- €