Zum Inhalt springen

Ein Protokoll des Grauens

von Frank Becker
Ein Protokoll des Grauens
Ein Protokoll des Grauens
 
Das Leben und die Arbeit des SS-Richters Konrad Morgen
 
 
Deshalb gilt es, der Unmenschlichkeit beizeiten,
überall und schonungslos entgegenzutreten.
(Konrad Morgen)
 
Es dürfte in der Öffentlichkeit wenig bekannt sein, daß es im verbrecherischen Dritten Reich innerhalb der gefürchteten SS, die für die Konzentrationslager, millionenfachen Mord, Raub und Folter verantwortlich war, eine eigene, interne Justiz gab. Dieser von der übrigen staatlichen Justiz unabhängige und nur Heinrich Himmler verantwortliche und von Adolf Hitler gebilligte Apparat diente dazu, innerhalb des autarken Geflechts der SS mit ihren Armeen, Lagern, Gaskammern und Wirtschaftsverflechtungen „Auswüchse“ aufzudecken, die den Ruf und das Ansehen der brutalen Truppe mit den schwarzen Uniformen beschädigen konnten. Mit dieser Selbstkontrolle wurde ein scheinbar unabhängiger Richter beauftragt, dessen Untersuchungsergebnisse vor SS-Gerichten verhandelt wurden und auch zu tatsächlich vollstreckten Todesurteilen gegen leitende SS-Offiziere führten.
 
     Dieser Richter war der Jurist und SS-Sturmbannführer Dr. Konrad Morgen (1908-1982). Bei seinen Untersuchungen galt der Massenmord in den Gaskammern von Auschwitz, Buchenwald, Sachsenhausen, Majdanek u.a. allerdings als legal, wie alle anderen von Himmler bzw. Hitler als legal erklärten Verbrechen.
Konrad Morgen konnte nur dann „rechtmäßig“ ermitteln, wenn ein SS-Angehöriger seine Befugnisse überschritt und jemanden ohne gesetzlichen Befehl tötete. So galten der Diebstahl von Häftlingseigentum, Korruption, die Verschwendung oder Unterschlagung von Materialien oder der willkürliche Mord durchaus als verfolgungswürdig. Das galt allerdings nicht für die Geheime Reichssache „Endlösung der Judenfrage“. Morgen lernte, für die Ermittlungen mit den höchsten Privilegien ausgestattet, die Mordmaschine „KZ“ im Nukleus kennen. Ein Blick in die Hölle. Gegen die Initiatoren selbst, Hitler und Himmler ist er machtlos – und geschätzte Erfüllungsgehilfen wie Albert Fassbender oder Hermann Fegelein und Mörder wie Oskar Dirlewanger und Odilo Globočnik entgehen der Verfolgung, weil sie im Sinne Himmlers und Hitlers mit einer Truppe aus Berufsverbrechern aller Couleur Terror verbreiten.
 
     Der unangepaßte Konrad Morgen, den ein unbeugsames Verlangen nach Recht antrieb, wurde in der SS befördert, dann degradiert, an die Ostfront geschickt, zurückgeholt und wieder befördert wurde, war wegen seiner Unbestechlichkeit und gleichzeitigen SS-Treue ein Werkzeug Heinrich Himmlers, wie der es sich gewünscht hatte. Vielfach wurde Morgen zwar zurückgepfiffen, weil einige SS-Führer zu einflußreich waren, doch wer Himmler ein Dorn im Auge war, konnte nicht mit Milde rechnen. Als Morgen z.B. in Auschwitz gegen Rudolf Höß, den Kommandanten des Konzentrationslagers ermittelte, mußte er auf Befehl Himmlers im April 1944 seine Tätigkeit auf den Fall Karl Otto Koch, den Kommandanten des Konzentrationslagers Buchenwald beschränken und sonstige Untersuchungen einstellen. Höß blieb unbehelligt, Koch hingegen wurde wegen Hehlerei, Betrug und Unterschlagung angeklagt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ebenso erging es Hermann Florstedt, Kommandant von Majdanek, der wegen Korruption zum Tode verurteilt wurde. Man weiß nicht, ob er tatsächlich hingerichtet wurde. Auch niedrigere SS-Ränge des Wachpersonals wurden zur Rechenschaft gezogen, u.a. wegen Unterschlagung von Versorgungsgütern, Eigentum von Gefangenen oder wie in einem Fall wegen Diebstahls eines eingeschmolzenen Klumpens Zahngold.
 
     Ein Personenverzeichnis, Quellenregister und ein Anhang mit Erklärungen zu Struktur und Aufbau der SS ermöglichen, dieses Protokoll des Grauens auch als Werk zum Nachschlagen zu nutzen.
Die Lektüre dieses entsetzliche Verbrechen enthüllende und beschreibende Buch, das auch mit dem Märchen vom „humanen KZ“ radikal aufräumt und die bittere Wirklichkeit schildert, fordert dem Leser einiges an Mut ab.
 
Christian Hardinghaus – „Der Fall Konrad Morgen“
Ein SS-Richter jagt Himmlers Henker
© 2026 Europa Verlag GmbH, 335 Seiten, gebunden, Schutzumschlag, 16 Seiten Foto- und Dokumententeil – ISBN 978-3-95890-663-1
28,- €
 
Weitere Informationen: www.europa-verlag.com