Meine Lieblingsbücher (6)
Igor Dolinger - Lieblingssachen
Erwin Grosche
Meine Lieblingsbücher Sechs
Igor Dolinger Lieblingssachen
Es war der 20. Mai 2022. Ich stand noch am Bahnübergang und wartete auf das Vorbeifahren der Lokomotive aus Altenbeken. Ein Kind neben mir zog ein Ziehtier hinter sich her, bei dem man nicht erkennen konnte, was es war. Hunde sehen anders aus, Krokodile rollen nicht, Fledermäuse meiden den Boden. Wer war dieses Wesen dessen Kopf sich drehen konnte und dessen Augäpfel hin und her kullerten wenn man sie schüttelte? Autos warteten vor den heruntergelassenen Schranken, einige hatten den Motor ausgestellt, andere öffneten ihre Fenster und man hörte aus ihren Radios die Unwetterwarnungen. Ein Ball kam noch aus einem Hinterhof geflogen, aber dann staunten wir Bauklötze.
Ein Tornado besuchte die Paderstadt und hatte schon nach kurzer Zeit eine Schneise der Verwüstung gezogen.
Ein schmales Buggy-Buch mit einem abwaschbaren Befestigungsband flog an uns vorüber. Das Buch mußte vom Wirbelsturm erfaßt worden sein, vielleicht las gerade noch ein Kind darin und schaute ihm nach, als es vom Wind gepackt wurde. Es hieß Lieblingssachen. Alles Schöne, mit dem Menschen sich umgeben war dort als Illustration zu entdecken. Es verfing sich später im Gitterbehang des Schrankenbaums und war dann ein bunter Trost an diesem Verkehrsknotenpunkt inmitten von Paderborn.
War es nicht ein Wunder, daß dieses Pixi-Buch den Wirbelsturm überstanden hatte? Auf dem Cover des Carlsenbuchs waren der Slogan von „Baby-Pixi - Mein Buggybuch“ und das Versprechen „Unkaputtbar“ zu sehen. Nun gab es ein Buch, welches von unabhängigen Prüflabors getestet und als unzerstörbar freigegeben worden war. Das kleine Baby-Buggybuch würde noch da sein, wenn seine ersten Leser längst erwachsen geworden waren und sich mit dem Ausfüllen einer Steuererklärung abquälen mußten.
Ein unkaputtbares Buch kann man an die Wand schmeißen und im Meer versinken lassen. Man kann es von der Zugspitze werfen oder es als Unterlage nehmen um darauf Zwiebeln zu schneiden. Auf einem solchen Werk kann man sich wälzen, oder es als Schattenspender über sich halten, wenn die Eltern einem beim Einkaufen im aufgeheizten Wagen vergessen haben. Man kann es sogar in einem Gericht vor sein Gesicht halten, wenn man nicht entdeckt und fotografiert werden will.
Ich erinnerte mich an ein Gespräch an diesem Bahnübergang, wo ein Mann lauthals erzählte welche Nachrichten von uns Erdenbewohnern ins All geschickt worden waren. Die NASA lagerte 1977 an Bord der Voyager-Sonde vergoldete Datenplatten. die das Leben auf der Erde zeigen sollten. Man fand dort einen Gruß, der auf einem Keilschrift-Gedicht basierte und welches auf den Wunsch hinauslief: „Möge alles gut sein.“
Auch ein Gedicht aus dem 13. Jahrhundert des Dichters Saadi war zu finden: „Die Kinder Adams sind Glieder eines Körpers, erschaffen aus einer Essenz.“
Ich fragte mich nur, warum nicht auch das Buch von Igor Dolinger den Außerirdischen vorgestellt worden war. Hätten sie nicht nach dessen Durchblättern einen genaueren Eindruck von unserer Lebensweise bekommen?
Es ist doch verwunderlich wo dieses Buch überall auftauchte um Ereignisse der Weltgeschichte zu kommentieren. Fand man nicht am Ätna auf Sizilien, der im Juli 2026 ausbrach und die Anwohner in Angst und Schrecken versetzte, inmitten der glühenden Fluten dieses kleine unkaputtbare Buch, das sich bis zum Flughafen in Catania mitziehen ließ? Tauchte es nicht nahe der Raffinerie Slawneft-Janos in der Region Jaroslawl im Ostseehafen Ust-Luga auf, wo es sich nach Drohnenangriffen in den Netzen eines Fischerbootes verfing? Auch als Venezuela von zwei verheerenden Erdbeben der Stärken 7,1 und 7,5 erschüttert wurde, fand man das Buch auf einem umgeknickten Sendemast.
Dieses kleine Buch war ein Dokument des Überlebens und streckte der Zerstörungswut der Menschen die Zunge raus.
Erstaunlich ist auch, daß auf den ersten Seiten des Buches Lieblingssachen zu finden waren, die auch mir am Herz lagen: Die Lokomotive, das Ziehtier, das Auto, der Ball und die Bauklötze.
Nachlässig und grob, was sollte diesem Buch schon passieren, schlug ich die nächsten Seiten auf. Ich erkannte sofort alle Gegenstände wieder. Hatte mein Alltag dem Buch Modell gestanden? Es war faszinierend, wie detailverliebt Igor Dolinger alle Lieblingssachen abgebildet hatte. Er wußte was einen Bauklotz von einem Ball unterschied. Da war alles bunt, freundlich und gut zu erkennen. Bemerkenswert auch, daß sich der Geburtstagskuchen als zeitloser klassischer Marmorkuchen entpuppte und man raten durfte, was in dem Geburtstagspaket zu finden war. Alle meine Vorlieben waren in dem Buch verewigt worden.
Das Sandspielzeug, die Handschuhe, die Gummistiefel, die Mütze und das Rutschauto.
Wenn man sich im Leben nur für ein Buch entscheiden dürfte, dann ist dieses Jahrhundertwerk von Igor Dolinger genau das, was mehr über uns Menschen aussagt als das Gilgamesch-Epos oder ein Buch von Bodo Kirchhoff.
Ich liebe auch diese Seite wo sich die Lieblingssachen unserem Freizeitverhalten widmen. Man sieht Luftballons, Eis und Bratwürstchen, Wer denkt da nicht an einen Roman von Wilhelm Genazino, an ein Kinderbuch von Astrid Lindgren oder hat da nicht einen Film von Woody Allen vor Augen. Dolinger weiß was er tut. Auch die Shampooflasche zeichnet er so, daß es alle Shampooflaschen der Welt sein können und nutzt dabei noch die Gelegenheit eine süße Hasendarstellung unterzubringen. Warum allerdings der angekündigte Bagger, neben Bauklötzen und Butterkeks nicht auftaucht muß ein Trick sein, um neugierigen Lesern und Betrachtern die nötigte Aufmerksamkeit für dieses kleine Meisterwerk abzuringen. Ich suche immer noch dem Bagger und entdeckte wunderschöne Gummistiefel, die Nuckelflasche und das Schiff. War ein Bagger in dem Geburtstagspaket?
Nach der ersten Begeisterung über das unkaputtbare Wesen wurde ich nachdenklich. Was wäre denn das Leben ohne den Tod? Kann man etwas schätzen, daß sich nicht mehr verändern kann? War es nicht der Segen der Zeit daß sie verging? Schärfte nicht das Nachlassen der Sehkraft unseren Blick auf die Welt? Dürfen wir die Grenzen der Vergänglichkeit schließen und uns im Vollkommenen tummeln?
Manche Bäcker verkaufen ihr Brot in Frischhalte-Tüten, in denen das Brot nicht nur länger frisch bleiben soll, sondern auch angeblich nicht alt wird. Die ewige Jugend, die dauerhafte Frische ist ein altbekanntes Versprechen der Backindustrie. Anstatt den Käufer auf Veränderungen einzustimmen singt die Backszene das Lied der Frische. Das Brot bleibt aber in einer solchen Frischhaltetüte nicht frisch, es bleibt unentschlossen, es schmeckt nur noch charakterlos.
Sollte man das dauerhafte Überleben eines Buches überhaupt Wunder nennen? Es kann ja als unkaputtbares Buch gar nicht zerstört werden. Wenn ein Styropor-Schneemann auch bei größter Hitze nicht schmilzt ist das noch kein Naturereignis. War nicht eher die Unzerstörbarkeit eines Buches für den Tod von tausenden Kinderbuchhandlungen verantwortlich? War da nicht eine Grenze überschritten worden, die in die Schöpfung eingriff und der Endlichkeit ihre zwangsläufigen Gesetze nahm? Ist das ewige Leben der Tod der menschlichen Zuversicht?
Ich aß heute in einem Café eine Pistazien Himbeer-Torte. Sie war mir gleich aufgefallen, da man bei Backwaren eine Farbkombination von grün und madonnenrot selten sieht. Ich war nach dem ersten Bissen durchaus angetan: Da hatten auf einmal die roten Himbeeren den tragenden Groove, auf den man die Soloparts des Pistaziengeschmacks legte. Das kann man machen. Auch beim Elfmeterschießen kommt manchmal der Torwart aus seinem Kasten und verschießt den Elfmeter. Man ist das als Tortengenießer nur nicht gewohnt, daß der Himbeergeschmack das gesamte Zusammenspiel erden soll.
Ich kenne das von CD-Produktionen, wo eine Schlagzeugerin ihr Können zeigen will und plötzlich die Bläser den Rhythmus vorgeben auf denen sich dann das Schlagzeug austoben kann. Bei einer Sahnecremetorte sind auch die Himbeeren auf der Überholspur und es fällt ihnen die Aufgabe zu, dem Gesamterlebnis ein unverwechselbares Image zu geben. Ich bin mir nur nicht sicher, ob die Verdrehung von Tatsachen in der Backstube was zu suchen hat. Der Tortenesser ist ein Spießer, seine Genießer Traditionalisten. Sie stehen in einer langen Reihe von Nachtisch-Spezialisten und Glückssuchern. Schon vor 5000 Jahren in Mesopotamien aß man Honigkuchen und brachte damit die notwendige Nahrungsaufnahme zum krönenden Abschluß. Heute ißt man Schweinesülze und nennt sie Fleischkuchen. Muß das sein? Auch die Abrundung hat seine Grenzen. Manche Experimente sollte man sich ersparen. Wir zerstören damit nicht nur altbewährte Traditionen sondern auch das Gefühl der Vorfreude. Die Vorfreude zehrt von der Verläßlichkeit der Zutaten, sonst setzt man das Gefühl von Heimat und Zuhause aufs Spiel. Man kann Mama nicht durch einen Roboter ersetzen und ein gutes Kinderbuch nicht durch eine buntgrelle Sendung im Privatfernsehen. Es geht also bei der Pistazien-Himberr-Torte nicht um die Frage ob sie schmeckt oder nicht, sondern um das Im-Stich-lassen in standardisierten Geschmackszonen. Sich ausleben ist Schwäche, kurzfristige Schwäche, ohne das Große und Ganze im Blick zu haben. Auch wir Genießer tragen Verantwortung für zukünftige Generationen und müssen bewahren, was sie mal glücklich machen wird. Leitet also das unkaputtbare Buch das Ende der Lesekultur ein? Zerstört es seine Aufgabe als verwundbarer Mittelpunkt, den man behütet und beschützt? Ist es nicht eher die Aufgabe eines Buches uns stark und unkaputtbar zu machen? Ein gutes Buch gibt sein Leben für seinen Leser und verzichtet für ihn auf seine Vollkommenheit.
Auf der vorletzten Seite meines unkaputtbaren Lieblingsbuches entdeckte ich eine Krone, einen Bogen, ein Schwert, eine Waage und einen Todesschädel. Zuerst war ich überrascht von der Auswahl der Lieblingssachen, bis ich mich an die Bibelstelle in der Offenbarung 6, 4-8 erinnerte. Natürlich wiesen diese Dinge auf die vier apokalyptischen Reiter, ihre Symbiose und auf das Ende der Welt hin.
Auf der letzten Seite trösteten dann Teddybär, der Schlafanzug, das Mobile, das Kissen, die Zahnbürste und ein Bild von mir.
Igor Dolinger - „Lieblingssachen“
Baby Pixi (unkaputtbar) 46
Ein Buggybuch für Kinder ab 1 Jahr
von Igor Dolinger (Autor, Illustrator) Format: Taschenbuch
© 2017 Carlsen, 16 Seiten - ISBN-10 : 3551051488
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