Meine Lieblingsbücher (7)
Stephan Oettermann - Die Schaulust am Elefanten
Erwin Grosche
Meine Lieblingsbücher Sieben
Stephan Oettermann Die Schaulust am Elefanten
Oft fühle ich mich von geschenkten Büchern überfordert und kann sie nicht so genießen wie es der Schenker erhofft hat. Früher wurden Elefanten verschenkt und ich bin froh, daß dieser Brauch deutlich eingeschränkt wurde. Ein Buchgeschenk ist annehmbarer aber birgt auch Risiken. Nichts gegen Stephen Hawking und seiner kurzen Geschichte der Zeit, aber gelesen werden muß es trotzdem. Das Buch wurde deswegen geschrieben, und jedes Buch sollte mit Respekt behandelt werden, auch wenn es einem das nicht leicht macht. Das Buch von Stephen Hawking wurde noch nicht mal durch schwarze Löcher aufgelockert, so ist das Buch fast eine reine eine Buchstabenwüste und eine Bedrohung. Der Weltuntergang wird nicht erträglicher, wenn man weiß warum er kommt. Nichts tun ist da eine ernst zu nehmende Ablenkung. Ich wurde jetzt überrascht durch einen Besuch der Jehovas Zeugen, von denen die Frau blind war und der Mann ein Echo. Er doppelte immer, was die Frau sagte und ich hielt in der Zwischenzeit meinen Hund fest, der wie verrückt bellte und allem Gesagten über das Ende der Welt einen Riegel vorschob. Eines ist sicher, auch der Weltuntergang geht vorüber. Nicht umsonst gilt das Hawking-Buch als einer der am meisten gekauften, aber am seltensten gelesenen Bestseller der Buchhandlung Linnemann. Was zieht man eigentlich an, wenn die Welt untergeht?
Ich habe noch andere Bücher, die ich nicht lesen werde und überlege schon, ob ich sie nicht Menschen schenke, die sich gerne überfordern und jemanden haben, der einmal die Woche kommt und nach dem Rechten schaut. Ich brauchte sogar sieben Gerechte, die jeden Atemzug nach dem Rechten schauen, damit ich ihren Blicken folgen kann. Einer von ihnen sollte lesen können und mir nichts vorlesen aus Büchern die ich geschenkt bekommen habe.
Ich habe mal in einem Aufenthaltsraum eines Seniorenheims einen Bücherschrank durchgesehen und danach meinen Besuch sofort abgebrochen. Plötzlich bekam ich Angst vor dem Altwerden und beobachtete mit Sorge den eigenen Verfall. Bitte liebe Altenpfleger, lest mir keine Bücher über göttliche Ärzte, kleine Prinzen und verliebte Förster vor, laßt uns versuchen mir Heinrich von Kleist nahe zu bringen und drückt mir dabei die schöne Parzival-Ausgabe der Anderen Bibliothek in die Hand. Stimmt es eigentlich daß Heinrich von Kleist stotterte? Günter Ohnemus erzählt davon in einer seiner Geschichten, aber Ohnemus erzählt viel, wenn der Tag lang ist. Er mag ja sogar Handke.
Man kann sich einem Buch auf unterschiedliche Weise nähern. Wie kam ich dazu, den kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry zu lesen? Ich war damals so unschuldig, daß ich ihn sogar verstanden habe. Es gab eine Zeit, da haben alle dieses Buch besessen und man sah Jugendliche auf der Mauer sitzen die den kleinen Prinzen vor sich halten wie ein Smartphone. Erst später stieß mich das Buch ab wie die Musik von Coldplay, der ich genauso mißtraue wie dem Weihnachtsfest bei meinen Schwiegereltern. Warum brauchte ich plötzlich schwierige Aufstiege, um den Ausblick vom Berg genießen zu können? Was bin ich dankbar gewesen, daß ich nie zu der Musik von Coldplay geküßt habe und an meine erotischen Eskapaden nur gute Erinnerungen habe. Ich habe mal bei einem Eisbärenfilm geküßt und werde bei Aufenthalten in Kühlkammern immer noch ganz nachdenklich.
Irgendwann war mir der kleine Prinz zu süß geworden und ich wollte nicht mehr mit ihm in Verbindung gebracht werden. Das änderte sich erst als ich in der taz las, daß der Journalist Deniz Yücel den kleinen Prinzen von seiner Frau in die Isolationshaft nach Silivri (Türkei) geschickt bekommen hat. Sofort habe ich meiner Freundin untersagt mir ebenfalls, im Falle einer Festnahme, den kleinen Prinzen als Lesefutter in meine Isolationshaft zu schicken. „Schick mir „Ein Mann der Tat“ von Richard Russo“, habe ich sie angefleht, „schick mir die Kurzgeschichten von Salinger und auf jeden Fall schick mir „Die Schaulust am Elefanten“ von Stephan Oettermann.“
Natürlich sollte man in der Gefangenschaft ein Elefantenbuch vor sein Gesicht halten können, wenn man in einen Gerichtssaal geführt wird. Elefanten können tiefe Trauer zeigen und trösten verletzte Artgenossen durch sanfte Berührungen mit dem Rüssel. (Aus „Die Schaulust am Elefanten“ von Stephan Oettermann.)
Erst später fiel mir auf, wie gut das Schicksal es mit Deniz Yücel gemeint hat. Der kleine Prinz bot neben all den Textstellen genügend Platz um bei den Illustrationen seine ersten Haftgedanken festhalten zu können. Und außerdem, wer von seinen Bewachern würde den kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry nach systemgefährdenden Texten durchsuchen? Man kontrolliert die undurchschaubaren Bücher von Ror Wolf, man blättert in den versteckten Botschaften von Daniil Charms und wirft vielleicht mal einen Blick in „Das Museum der Unschuld“ von Orhan Pamuk, aber kein Folterer hält sich mit dem Durchblättern des kleinen Prinzen auf. So bekommt das aus dem Buch stammende Zitat „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ eine zusätzliche Bedeutung.
Auch Hemingway hielt manche seiner Gedanken auf Servietten fest, Robert Walser schrieb mit Bleistift auf Steuererklärungen und Paul Scheerbart bekritzelte Bierdeckel und das alles kreuz und quer und natürlich nie nüchtern. Stephan Oettermann kam die Idee zu seinem Elefantenbuch, während er nach einem Zirkusbesuch mit einem Elefanten Schach spielte. Früher ließ man Elefanten Alkohol trinken weil Menschen sich daran erfreuen können wenn Götter Sünden begehen, denn im Angesicht der Versuchung sind wir alle gleich. (Vielleicht auch aus „Die Schaulust am Elefanten“ von Stephan Oettermann.)
Wie anders mußte man früher ein Buch, das man noch anfassen wollte, gestalten und präsentieren. Ich denke an das Standardwerk aus dem Syndikat-Verlag von Stephan Oettermann: „Das Panorama – Die Geschichte eines Massenmediums.“ Es gehört zu den ungelesenen Büchern, die einen besonderen Umgang einfordern. Allein die riesigen Panoramen, die dem Buch beigelegt wurden und die man nur ausbreiten kann, wenn man ein großes Zimmer hat in einem großen Haus, das in einer großen Stadt steht, in der nur Menschen leben, die unter 1 Meter 80 groß sind (um die Maßstäbe der Panoramen nicht zu gefährden). Mir wurde beim Aufschlagen des Buches klar - ich durfte dafür das Stadion des SCP 07 benutzen - daß mir die Panoramen auch deshalb so viel bedeuten, weil es beruhigend ist, daß man außerhalb von Paderborn die Welt zeigen und beschreiben will und das von Strafraum zu Strafraum. Wer sich in der Welt auskennen will, sollte wissen wo sie ist. Ich habe mich gestern noch auf dem Weg nach Elsen verfahren und konnte einige wichtige Gedanken nicht zu Ende führen, weil ich die Baustellenwarnungen für Ortsschilder hielt. Vielleicht ist der Falk-Straßenplan nicht die Weiterentwicklung einer Panoramakarte, aber sind wir nicht alle im Dienste der Orientierung unterwegs? Ich warte noch auf den Augenblick, wo ich dieses Panoramabuch mit seinen Karten einsetzen kann, weil ich mich verirrt habe und plötzlich dort bin wo ich nicht hingehöre. Werde ich dann auf einem Dach stehen und eine Panoramakarte aus dem Antennenwald baumeln lassen und ausrufen: „Danke Stephan Oettermann für diesen Überblick!“? Ich stelle mir dann vor, daß in dem Augenblick jemand in Bamberg auch auf einem Dach steht und das Ende dieser Karte auffängt und frohlockt: „Es lebe das Nebeneinander der Welt.“ Was wäre das für ein gewaltiges Simultanerlebnis. (Bestimmt nicht aus „Die Schaulust am Elefanten“ von Stephan Oettermann.)
Stephan Oettermanns Bücher wurden im Frankfurter Syndikat Verlag veröffentlicht. Verlegt wurden dort nur anspruchsvolle Theoriebände über das Gesichtsberühren von Unbekannten oder kritische Schriften über die Deutung von Elefantentränen. Man muß die dort erschienenen Oettermann-Bücher über die Geschichte der Tätowierung, sein Buch über das Panorama oder über die Schaulust am Elefanten in einer Reihe erwähnen mit meinen drei schönsten Urlauben, die ich nur gebucht habe, um der Ehefrau, den Kindern und der Schwiegermutter zu zeigen, daß ich sie trotz allem liebe. Man kann diese Bücher streicheln wie einen Hund und auch als Schutz gegen die Sonne nutzen. So wie man bei einem Stromausfall wissen sollte wo die Kerzen liegen und beruhigter schlafen kann, wenn man der Nachbarin einen Hausschlüssel überlassen hat, ist der Besitz dieser Bücher eine große Chance auch von Menschenträumen zu erfahren die anderen wichtig waren und sind. In Paderborn haben wir den mutigen Verleger Karsten Strack. Er bereichert mit seinem Lektora Verlag das Leben in der Provinz und es ist eine Freude zu sehen, wie er immer noch kleine Meisterwerke entdeckt und in die Welt bringt. (Siehe auch: Jann Wattjes „Das Leben ist wie eine Schachtel Sardinen“ Lektora Verlag 2022) Wir müssen auf ihn aufpassen, ihn beschützen und umarmen. Man könnte ihn auch zum Essen einladen oder vielleicht zu einer Heißluftballonfahrt.
Eines meiner Lieblingsbücher, das mich immer begleitet hat und alleine bei sieben Umzügen in das Zimmer mit den stabilen Regalen getragen werden mußte, ist von dem Detmolder Autor Oettermann. Im Jahre 1982 erschien im Syndikat Verlag sein Buch: „Die Schaulust am Elefanten“. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wie ich auf dieses Buch gestoßen bin, aber ich denke mal es ist mir auf den Kopf gefallen. Das Buch enthält eine detaillierte Auflistung fast aller historisch nachweisbaren Elefanten in Europa bis 1850. Vorher kannten wir keine Elefanten und lebten von der Milch heimischer Kühe. Wir trugen Mäntel aus Nutriafell und aßen unser Essen mit Löffeln, in denen ein Loch in der Laffe war. So vermieden wir das Schlingen.
Ich weiß noch, wie ich im Collegium Liborianum, einem elenden Jungen-Internat, immer am Sonntag einen Wuppertaler Tuffi-Joghurt gegessen habe, dessen Haltbarkeitsdatum schon überschritten war und auf dessen Verpackungsdeckel der Elefant Tuffi zu sehen gewesen war. Wenn man den Aludeckel umklappte, dann fiel Tuffi in die Wupper. Ich habe oft von der früheren Unverdorbenheit der Menschen geschwärmt und wählte dabei als Beispiel dieses Ereignis. Es ist auch 80 Jahre später kaum zu glauben, daß es von diesem Elefantenunfall keine Fotos gibt. Alle Fotografen waren nach dem Fall des Elefanten aus der durchgebrochenen Waggonwand der Schwebebahn so erschüttert, daß sie vergaßen ein Foto zu machen. Ihnen war das Herz so schwer geworden, daß ihre Hände zitterten und kein Foto gelingen konnte. Ein Mensch kann in seinem Schmerz über das Unglück eines anderen leiden wie ein Hund, und gerade Journalisten sehen manchmal Schicksalsschläge, denen sie nicht gewachsen sind. Eine US-amerikanische Zeitschrift setzte damals für ein solches Foto eine Belohnung von 10.000 D-Mark aus, aber niemand meldete sich. Es ist einer Laune des Schicksals zu verdanken, daß an dem Tag ein Freund meines Opas mit seiner Leica am Wupperufer saß und gerade Fotos von der Schwebebahn schoß, als Tuffi in die Wupper sprang. Er wurde mal gefragt, warum er dieses Foto nie der Öffentlichkeit präsentiert hat und er sagte: „Aus Respekt vor Tuffi!“ Wie unschuldig wir mal waren. (Warum hat eigentlich der Autor und Verleger Alfred Miersch in seinem Wuppertaler NordPark Verlag kein Buch mit Elefantengeschichten herausgebracht? Obwohl im Jahre 2015 dort mein Buch „Kurze Strecken gehen Vögel auch zu Fuß“ erschienen ist. Das ist im Grunde auch ein Elefantenbuch gewesen.)
Tuffi war mein erster bewußter Kontakt mit einem Elefanten und immer wenn ich an Elefanten denke, habe ich den Geschmack von Brombeeren im Mund.
Ich erinnere mich, wie ich mal mit dem Verleger Michael M. Schardt durch Paderborn gelaufen bin und er mir stolz berichtete, daß er das Buch „Die Tropen“ von Robert Müller nach über 70 Jahren erstmals wieder für eine breite Öffentlichkeit zugänglich.machen wird und der Autor Günter Helmes es in seinem kleinen Igel-Verlag herausgibt. In dem Augenblick kam uns ein kleiner Elefant entgegen und mein mutiger Verleger sah ihn gar nicht und ging einfach an ihm vorbei. Oft bemerken wir nicht das, was nicht sein soll. Aus diesem Nichterkennen ergibt sich auch der Charme meiner Heimatstadt. Wie kann man einen Elefanten übersehen? Ich erinnerte mich an den Bericht von Stephan Oettermann von dem weißen Elefanten Hanno, der im 16. Jahrhundert dem Papst Leo X geschenkt worden war und bei seinem Treffen niederkniete, Trompetentöne ausstieß und alle Anwesenden mit Weihwasser bespritzte. Was man manchmal machen muß um im Gedächtnis der Menschen zu bleiben. Hanno wurde eine Berühmtheit, starb aber sehr schnell in der römischen Gefangenschaft an Verstopfung. Stirbt ein Elefant im Zoo, läßt man die verbliebenen Elefanten an ihm vorüber ziehen und den Kadaver berühren, damit sie sich verabschieden können, wenn sie noch einmal den toten Gefährten mit dem Rüssel spüren wollen.
Was hatte der Elefant in Paderborn verloren? War ein Zirkus in der Stadt und war das Tier entlaufen? Es war nur ein kleiner Elefant, ein sogenannter Reiseelefant, aber auch ein kleiner Elefant hat einen Rüssel und trötet, wenn die Glocken des Doms ihn zum Gebet rufen. Eigentlich laufen doch alle einem Elefanten nach, wenn sie ihn sehen und versuchen ihn zu berühren und seine Aufmerksamkeit zu erregen. Ist die Schaulust am Elefanten gesättigt?
Ich habe es oft erlebt, daß unerwarteter Besuch, der nachts betrunken durch mein Zimmer irrte vor dem Bücherregal mit dem Elefantenbuch stand, es dort herauszog und verliebt darin blätterte. Michael M. Schardt, der mutige und gewiefte Paderborner Verleger, verbrachte seine letzten Lebensjahre mit dem Laufen und dem Schreiben von Artikeln über das Laufen, was mich nicht überraschte, weil er sich in der Zeit wo ich ihn kannte ungern überholen ließ.
Antoine de Saint-Exupéry
Der kleine Prinz
Herausgeber : Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag
ISBN-10 : 3150114632
Haruki Murakami
Der Elefant verschwindet
btb Verlag
ISBN-10 : 9783442739295
Originaltitel : The Elephant vanishes
Stephan Oettermann
Das Panorama – Die Geschichte eines Massenmediums
ISBN-10 : 3810801526
Verlag Syndikat 1980
Stephan Oettermann
Die Schaulust am Elefanten: Eine Elephantographia Curiosa
ISBN 3810802034 (ISBN-13: 9783810802033)
Verlag Syndikat
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