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Meine Lieblingsbücher (8)

Wilhelm Genazino - Wenn wir Tiere wären

von Erwin Grosche
Meine Lieblingsbücher (8)
Erwin Grosche
Meine Lieblingsbücher Acht
 
Wilhelm Genazino Wenn wir Tiere wären
 
Wilhelm Genazino starb im Dezember 2018. Wir haben uns nur knapp verpaßt. Er kannte nämlich Paderborn und war im Wintersemester 1997/1998 als Gastdozent im Rahmen der Paderborner Gastdozentur an der Universität tätig. Er soll das Drei-Hasen-Fenster besucht haben und war den Gerüchten zufolge erstaunt, daß die drei Hasen nur drei Löffel haben, aber jeder Hase, je nach Sichtweite doch auf zwei Löffeln kam. Wenn jemand staunen konnte, dann Genazino. Er begann in der Zeit seinen Schreibstil zu verändern und seine Geschichten aus der Sicht des sich wundernden Flaneurs zu betrachten. In seinem Buch „Der Traum des Beobachters“ welches nach seinem Tod im Jahr 2023 erschien, kann man viele erhellende Ansichten über Komik und Humor finden, die in den Paderborner Jahren im Mittelpunkt seiner Vorlesungen standen. Er hielt auf seinen Spaziergängen aber auch kleine Momentaufnahmen fest: „Vom Geliebten fortwährend fotografiert zu werden.“ (Aufzeichnung vom 30. Mai 1998), war eine Notiz über ostwestfälische Männer die so ihre Liebe kund taten.
 
Ich wohnte damals nur um die Ecke, wie alle in Paderborn nur um die Ecke wohnten (damals ging das noch), aber irgendwie haben wir uns nicht getroffen. Das war ein großes Pech, weil ich viel herumlief und immer auch mal da war, wo andere mich sehen konnten. Ich hatte zu der Zeit eine Freundin, die ich dauernd fotografiert habe, obwohl sie gar nicht so fotogen war, aber was macht man nicht alles, wenn man verliebt ist. Ich konnte es also gewesen sein, der Genazino zu seiner Mai-Beobachtung inspiriert hat, aber seine Freundin fotografieren machen hier viele, das ist uns lieber als dauernd ihre Eltern zu besuchen. Leider hatte ich Genazinos Verpflichtung zu diesen Vorlesungen nicht mitbekommen und mußte mich noch davon erholen, daß uns ein Jahr zuvor der Papst und Helmut Kohl besucht hatten. Noch heute wird das Kissen vermißt auf das der Papst sein müdes Haupt gebettet hat.
Wilhelm Genazino war ein scheuer und zurückhaltender Mensch. Sein In-sich gekehrt-sein und seine Aufenthalte im Hintergrund machten es nicht einfach ihn als Freund zu gewinnen. So war es vielleicht Vorsehung, die ein gemeinsames Kaffeetrinken verhindert hat. Zu viel Nähe verfälscht den Aufenthalt in meiner Heimatstadt.
Max Frisch zum Beispiel kaufte sich 1964 ein Haus im Schweizer Ort Berzona und wohnte dort in direkter Nachbarschaft zu Alfred Andersch. Man traf sich beim Bäcker, spielte Schach und pflückte Blumen für Golo Mann. Die enge Bindung ging in die Brüche, als Frisch in seinem Tagebuch über seinen Freund schrieb und dieser sich falsch dargestellt sah. Zu viele weitergegebene Vertrautheiten können eine Freundschaft belasten. Immerhin erschien im Diogenes Verlag das Buch: „Briefwechsel“ (Herausgegeben von Jan Bürger) in dem die beiden Künstler sich über das Leben, die Treue und die Kunst austauschten. Max Frisch litt sein Leben lang unter dem Verlust dieser Männer-Freundschaft.
 
Ich meine, ich wäre auch gerne mit Thomas Kapielski befreundet, aber manchmal klappt das eben nicht. Natürlich habe ich fast alle seine Bücher und meine Freundin Sabine hat ihn mal getroffen und schwärmt von ihm. Es ist gut zu wissen, daß in diesem Narrenschiff Berlin ein Drachentöter sitzt und uns aus den Klauen des Ungeheuers Prinzessinnen rettet. Wir haben beide bemerkt, daß beim Begriff vom Hals-Nasen-Ohren-Arzt sich der Hals-Arzt mit einem Singular begnügen muß, aber alle anderen Berufsgruppen ihre Einsatzgebiete im Plural auftauchen lassen dürfen. Ich habe dann bei der Veröffentlichung meiner HNO-Geschichte dazu schreiben lassen, daß auch Thomas Kapielski diese Erkenntnis hatte, weil ich nicht wußte, ob er oder ich diese Idee als erster gehabt hat. Ich kannte mal einen Möbelhausbesitzer, der immer wenn er betrunken war mich gefragt hat, ob wir befreundet sein können. Ich hab dann nur den Kopf geschüttelt und gesagt, daß ich mit den Gedanken immer woanders wäre. Im Nachhinein muß ich sagen, daß ich mit keinem anderen Menschen mehr Zeit verbracht habe als mit diesem Möbelhausbesitzer. Ich wäre auch gerne mit Anke Engelke befreundet, weil sie immer so ernst guckt wenn man mit ihr nicht befreundet ist, und eine außergewöhnliche Künstlerin, eine überragende Komödiantin und bestimmt eine tolle Freundin ist. Warum hat sie nur für den Thienemann-Esslinger Verlag eine neue Häschenschule geschrieben? Ich bin darüber so enttäuscht, weil ich auch dieses Buch schreiben wollte und mir schon seit Jahren Gedanken über eine Neufassung gemacht habe. Warum kommt in ihrer Version ein Fuchs vor, der plötzlich Möhren mag und Veganer ist? Man soll doch die Kinder mit solchen Erwachsenenschrullen nicht belästigen. Ein Fuchs ist ein Fuchs ist ein Fuchs. Rettet die Häschenschule, rettet den Frontalunterricht.
 
Wilhelm Genazino und ich haben viele Gemeinsamkeiten gehabt. Wir sind Stadtgänger und es sieht lustig aus, wenn wir Gummistiefel tragen. Ich bin sogar Stadtführer und als Hundebesitzer immer auf den Beinen und nicht allein.
Die Freundschaft von Menschen, die gerne alleine sind, funktioniert am besten, wenn man sich nicht sieht. Das hätten wir hingekriegt und den manchmal notwendigen Kontakt hätten unsere Partnerinnen aufrecht gehalten. Zum Glück lebte er in Frankfurt und ich in Paderborn. Unterschiedlicher können Städte nicht sein. Das hätte seinen Reiz gehabt. Wir hätten uns vor allen Dingen unsere neuen Bücher geschickt, uns geliebt und bewundert. Ach was habe ich Genazino geliebt und bewundert und tue es immer noch.
In Kleinstädten wie Paderborn kann man auch unterwegs sein und einiges entdecken. Man trifft hier schneller ungewöhnliche Menschen und poetische Figuren, nur nicht so viele. Hier kann man Heidi treffen, die ganz bunt ist, gerne liest und besondere Geschichten anzieht wie ein Magnet. Hier gibt es auch den Mann, der so viele Gedichte auswendig aufsagen kann und einen Hund mit drei Beinen hat. Ich mag auch den Paderborner Extremschwimmer André Wiersig, der mit seinem Buch: „Nachts allein im Ozean. Mein Weg durch die Ocean's Seven“ einen Bestseller geschrieben hat und besser schwimmen kann als ich, obwohl ich einen Freischwimmerausweis habe.
Natürlich erscheint ein Extremschwimmer, der in Paderborn lebt, fehl am Platze, aber hier wohnen auch zwei Punks und ein Bergsteiger, der nicht die großen sondern die kleinen Berge bezwingen will, und alle fühlen sich gut aufgehoben. Die Punkbewegung hat es in Paderborn nie leicht gehabt, weil die Paderborner zufriedene Zeitgenossen sind und nichts auf ihre Punks kommen lassen. Wer Weltekel und Menschenhaß zur Erfüllung seines Alltags braucht, läuft hier oft ins Leere.
André Wiersig hat gerade in Paderborn viele Möglichkeiten, um sich für seine Schwimmabenteuer vorzubereiten. So wäscht er seine Augen immer mit dem Wasser der Augenquelle aus - ihre Heilkraft ist nachgewiesen - um bei Blicken unter Wasser das Treiben der Meeresungeheuer nicht verschwommen zu sehen. Natürlich ist die Pader nicht nur einer der kürzesten Flüsse Deutschlands, sondern auch bekannt für ihre tückischen Strömungen. Trotzdem dient sie Extremschwimmern eher dazu um sich abzukühlen und ihnen die Angst vor dem ungemütlichen Naß zu nehmen. Ich zum Beispiel trage ungern nasse Badehosen, und habe Angst meine Würde zu verlieren, wenn ich mit Badekappe gesehen werde.
 
Wenn man an den Ufern der Pader Abenteuer erleben will, muß man schon Angst vor Nutrias haben und dem Zusammenstoß mit einem Eisvogel eine gefährliche Bedeutung zumessen.
André Wiersig hat mir erzählt, daß er manchmal nachts durch das Paderquellgebiet wandelt, um sich an die Geräusche des Wassers zu gewöhnen. Das Paderquellgebiet wurde nach dem zweiten Weltkrieg neu gestaltet. „Die bewußte Inszenierung des Wassers in all seinen unterschiedlichen Daseinsformen war der zentrale Leitgedanke des Gartenarchitekten Rudolf Reuter.“ (Stadtpresseamt) So hört man an dieser Stelle fließendes Wasser, stehendes Wasser, stürzendes Wasser und auch quellendes Wasser. Wer hätte gedacht, daß 70 Jahre später ein Paderborner Extremschwimmer hier den Klang der Ozeane erforscht um so seine Ängste zu überwinden und bereit zu sein für ein Miteinander mit Robbe und Hai, Krake und Ölsardine. Wer hätte gedacht, daß mal in dieser Stadt ein Abenteurer den Umgang mit den Schwestern der Christlichen Liebe sucht - ihr Habit erinnert an das Aussehen von Pinguinen - um beim plötzlichen Auftauchen der Seevögel nicht aus der Bahn geworfen zu werden. André Wiersig schwamm als erster Mensch ohne Neoprenanzug vom Festland zur Insel Helgoland. Ich habe noch nichtmal einen Neoprenanzug und verfahre mich schon, wenn ich in der Paderstadt das Rolandsbad suche.
 
Als Wilhelm Genazino im Dezember 2018 starb, war vieles plötzlich bedeutungslos. Ich aß viel Stollen und schrieb Mails an Sabine Fringes, in denen ich fragte was wir nun machen sollen. Sie wußte es auch nicht. Der einzige Mensch, dem man seine Geschichten glauben konnte war fort und auch das neue Buch von Terézia Mora „Muna oder Die Hälfte des Lebens (2023)“ enttäuschte mich und war keine Hilfe. Nun standen wir auf Parties in dunklen Ecken und lauschten der lausigen Musik von Coldplay. Im Jahre 2023 erschienen dann endlich Genazinos Aufzeichnungen: „Der Traum des Beobachters: 1972-2018“ und trösteten ein wenig, aber jetzt erst, drei Jahre später, bin ich wieder in der Lage seine Romane zu lesen und entdecke ihn ganz neu. Mir fiel aus meinem Bücherregal sein Buch „Wenn wir Tiere wären“ in die Hände. Ein wunderschönes Hanser-Buch mit einem ansprechenden Titel und einem passenden Coverfoto. Welch gelungene Einführung, wenn Hanser ein Buch gestaltet und lektoriert. Natürlich kann man es auch lesen.
Manchmal lese ich nun wieder zwei drei Seiten in dem Buch und bin erstaunt wie glücklich es mich macht. Genazinos Gedanken sind oft so genau, unschuldig und nachvollziehbar, daß ich ganze Abschnitte, ganze Seiten, ganze Bücher nochmal lese und laut vor mich hinspreche. Er tut einem gut. Plötzlich kommt nach einer exakten anrührenden Beschreibung eine alles auflösende Erkenntnis.
Wie schön, daß ihn der Aufenthalt in Paderborn so sehr verändert hat, daß er noch ratloser in die Welt schaute um neue Zweifel, und seien sie noch so klein, um neue Ängste, und seien sie noch so unbedeutend, mit uns zu teilen. Er war bereit, mit uns wieder zum Anfang zu gehen und alles mit uns zu teilen. Wir waren seine Begleiter und Sorgenkinder. Ich hörte jetzt, daß ihm die Idee für sein Buch: „Der Fleck, die Zimmer, die Jacke, der Schmerz“, welches 1989 erschien, bei seinem Aufenthalt in Paderborn gekommen sein soll. Schon 1984 notierte er in seinen Notizen: „Beim Betrachten tropfte ihm ein wenig Kaffeesahne auf den dunklen Mantel. Er betrachtete den Fleck und entfernte ihn nicht. Der Fleck betonte die Ungültigkeit alles dessen, was sich gerade ereignete.“ Vier Jahre später, als er sich zur Gastdozentur in Paderborn aufhielt, führte er diesen Gedanken beim Aufsuchen der Foto-Drogerie Trapp weiter. Trapp warb mit dem Slogan: „Flecken sind hier für die Katz - Trapp hat´s, Trapp hat´s. Trapp hat´s“. Trapp konnte aus 5000 Artikeln aussuchen welches Mittel einen Flecken entfernen würde. Laß es Rote-Beete-Saft auf einem Taufkleid sein, Feigenflecken auf einer Siegerurkunde oder Hundespeichel auf dem Wohnzimmer-Teppich. Trapp hat´s, weg ist der Fleck. Als die Fotodrogerie im Januar 2017 ihren Ausverkauf abgeschlossen hatte und der Laden dicht gemacht wurde, veränderte sich das Stadtbild. Überall tauchten plötzlich
Meine Lieblingsbücher (8)
Menschen mit fleckiger Kleidung auf, sah man Brombeerflecken auf dem Schlips des Bürgermeisters Dreier und Knutschabdrucke auf dem Kragen des damaligen SCP-Trainers Steffen Baumgart. So büßte Paderborn seinen Ruf als sauberste Kleinstadt Ostwestfalens ein. Genazinos Flecken-Buch handelt von einem Flaneur, der die Kleidung der Vorübergehenden mustert. Es wäre eine schöne Huldigung für die Drogerie Trapp, wenn Wilhelm Genazino bei seinem damaligen Aufenthalt bestärkt worden wäre diese Romanidee zu verwirklichen. Vielleicht stimmt diese Anekdote, vielleicht stimmt sie aber auch nicht. Eigentlich ist sie zu schön um wahr zu sein, wie so vieles in Genazinos Schaffen. Auf jeden Fall wäre diese Geschichte sympathischer als wenn ein Fuchs in einer Häschenschule sitzt weil er Veganer geworden ist.
Gestern fand ich bei Genazino in meinem Lieblingsbuch „Wenn wir Tiere wären“ einen schönen Gedanken: „Wenn mich in diesen Augenblicken jemand gefragt hätte, was man am besten nach Feierabend tun soll, hätte ich geantwortet: Suchen Sie sich ein kleines Tier und betrachten Sie es. Aber es kam niemand und fragte mich.“ Damit kann ich leben.
 
 
Anke Engelke „Die neue Häschenschule: Wie Fuchs und Hase Freunde wurden“
© 2024 Esslinger Verlag - ISBN-13: 978-3-480-23838-5
 
André Wiersig/ Erik Eggers „Nachts allein im Ozean. Mein Weg durch die Ocean’s Seven“
© 2019 Verlag Eriks Buchregal (Kellinghusen) 160 Seiten (Hardcover) ISBN: 978-3-9818798-2-7
 
Wilhelm Genazino - Der Traum des Beobachters: Aufzeichnungen 1972-2018
von Jan Bürger (Herausgeber, Nachwort)
© 2023 Carl Hanser Verlag GmbH
 
Wilhelm Genazino - Wenn wir Tiere wären
© 2011 Carl Hanser Verlag GmbH