Starke Frauen in der Musik
Raphaela Gromes, Susanne Wosnitzka – „Fortissima!"
Starke Frauen in der Musik
Komponieren Frauen anders? Die Cellistin Raphaela Gromes spielt nicht nur Kompositionen von Komponistinnen. Zusammen mit der Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka legt sie ein Buch vor zu komponierenden Frauen.
„Die Weiber im Ganzen genommen, haben durchaus kein Genie“ wird Arthur Schopenhauer zitiert; ein Irrtum, denn Männer „im Ganzen genommen“ aktuell natürlich erst recht nicht. Schopenhauer ist mit seinen frauenfeindlichen Äußerungen kein Einzelfall. Kant Nietzsche, Fichte u.a. gelten heute eher als misogyne Sexisten, denn als Philosophen. Wie die Frauen in ihrer musikalischen Wirkung und ihrem musikalischen Werk von Männern vor allem im 19. Jahrhundert diskriminiert und eingeschränkt wurden, wird in diesem Buch dargestellt. Daß Komponistinnen auch unter Musikfreunden kaum bekannt sind und in den klassischen Musikprogrammen nur selten erscheinen, scheint auszudrücken, daß ihre Werke weniger geschätzt werden. In ihrer Darstellung weiblicher künstlerischer Potenz holen die Autorinnen weit aus: Sappho die große Musikerin, Dichterin und Erfinderin wurde um 630 v. Chr. geboren. Überhaupt waren in der Antike die Frauen als Musen und hochgebildete Hetären für die Musik zuständig. Später bei den Christen war die Heilige Cäcilie die Schutzheilige der Musik, obwohl Paulus im 1. Korinther-Brief bestimmt hatte: „Das Weib schweige in der Gemeinde“. Trotzdem wurde Hildegard von Bingen im Mittelalter nicht nur als Heilkundlerin, Mystikerin, sondern vor allem auch als Musikerin hoch geschätzt, u.a. wegen ihrer „abendfüllenden Unterhaltungsmusik“.
In der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts konnte die Komponistin Maddalena Casulana wohl als erste Komponistin ihre Werke herausgeben. Von den rund 500 bekannten Komponistinnen (laut Wikipedia) werden im Buch mindestens dreißig vorgestellt, darunter bekannte (Fanny Hensel, Clara Schumann, Nadja und Lili Boulanger) und unbekanntere (Marie Jaëll, Germine Taileferre) oder gar doppelt marginalisierte (wie die schwarze Komponistin Florence Price). Im Buch geht es aber nicht nur um Komponistinnen sondern auch um Sängerinnen und Instrumentalistinnen, z.B. Guilhermina Suggia (1885-1950), die zeitweilige Lebensgefährtin von Pablo Casals, die vielleicht als erste Frau eine professionelle Karriere als Cellistin gemacht hat.
Instrumentalistinnen oder Sängerinnen wurden für ihre Konzertreisen zunächst noch in Postkutschen schon um 1820 Pistolen mit „doppelten Läufen“ empfohlen, um sexuelle Übergriffe abzuwehren. Im Buch geht es aber nicht ausschließlich um Musik als Feld der Unterdrückung von Frauen. Exkursen auch über frühe feministische Bewegungen wie z.B. die Löwinnen von Paris seit 1750, die schon Zigarren in Männerkleidung rauchten und später als Zeichen ihrer Wehrhaftigkeit einen Dolch sichtbar im Ausschnitt trugen, ist zu entnehmen, wie gefährlich schon damals Frauen für Männer sein können, die in Berlin und Wales um 1840 dann vorsichtshalber in Frauenkleidung auftraten.
Zusammenfassend ist das Buch unterhaltsam zu lesen, kämpferisch geschrieben und bietet nicht nur musikalisch-feministisch interessierten Leserinnen großes Lesevergnügen. Ein umfangreiches Personenregister, Anmerkungen, ein Literaturverzeichnis über 25 Seiten ergänzen die Darstellung und regen zu weiterer Beschäftigung an, wobei der QR-Code dazu nicht geöffnet werden konnte.
In der Musik äußern sich sowohl weibliche (Zartheit, Innigkeit?) als auch männliche (Selbstbewußtsein, Stärke, Kraft?) Charaktereigenschaften und Emotionen. Die Frage, ob es einen Unterschied in der Kunst, in der Musik zwischen den Geschlechtern gibt, wollen die Autorinnen erst nach einem Jahrhundert echter Gleichberechtigung beantworten, hoffend, daß dieses bald beginnt.
Raphaela Gromes, Susanne Wosnitzka – „Fortissima!"
Verdrängte Komponistinnen und wie sie meinen Blick auf die Welt verändern“
©️ 2025 Wilhelm Goldmann Verlag, 319 Seiten, gebunden, Schutzumschlag - ISBN: 978-3-442-31797-4
24,-€
Weitere Informationen: https://www.penguin.de
Siehe dazu auch die CD „Cello Sonatas“ von Raphaela Gromes.
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