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»Kampf ums Überleben«

Motor der Evolution

von Ernst Peter Fischer
»Kampf ums Überleben«
Ernst Peter Fischer

»Kampf ums Überleben«

Motor der Evolution

 Von Ernst Peter Fischer

Deshalb verschwand der (Lamarcksche) Gedanke auch wieder, bis er bei Darwin in neuer Form wieder auftauchte. Bei Darwin und bei seinem Konkurrenten Alfred Wallace ist das Wesentliche, daß beide gar nicht erst versuchen, einen Mechanismus anzugeben, sondern daß sie einfach nur konstatieren. Daß es so etwas wie eine Verwandlung, eine Anpassung der Arten gibt, und die kommt eben durch zufällige Änderungen zustande.
     Dann muß es natürlich eine Selektionskraft geben, eine natürliche Kraft, die dafür sorgt, daß nur solche Arten überleben, die sich überlebensfähig zeigen. Denn das war auch klar: Die Welt ändert sich. Wenn sich die Weltbedingungen ändern, müssen sich die Lebensformen, die auf dieser Welt existieren wollen, mit ändern.
Darwin und Wallace hatten das große Glück, anders als Lamarck, daß sie die Welt kennenlernen konnten. Darwin hat die berühmte Rei se mit dem Schiff »MS Beagle« gemacht, er war in Südamerika, auf vielen Inseln unterwegs. Vor allem hat ihn der Besuch der Galapagos-Inseln beeindruckt. Er sammelte sehr viele Spezies und hat auf dieser Reise in den 1850er Jahren allmählich Zweifel an der Konstanz der Arten bekommen.
     Das ist ihm dann erst zu Hause aufgefallen, als er die Vögel, die er von Galapagos mitgebracht hatte, von einem Ornithologen genau untersuchen ließ. Übrigens nicht die berühmten Darwinfinken, die man heute in jedem Lehrbuch findet, sondern Darwin hat das mit Spottdrosseln gemacht. Aber Sie können sich ruhig Finken vorstellen. Es ging dabei vor allem um die Schnabelform der Finken.
     Der Ornithologe John Gould, den Darwin zu Rate zog, hat ihn darauf hingewiesen, daß das eigentlich alles Varietäten, Veränderungen ein und derselben Art sind. Darwin hat gegrübelt und überlegt, wie so etwas passieren konnte. Dabei fiel ihm ein Buch von einem Herrn Malthus in die Hände. Dieser Thomas Robert Malthus hatte sich schon Ende des 18. Jahrhunderts überlegt, ob es nicht ein Problem mit den Menschen geben könnte. Die Menschen vermehrten sich damals nach Malthus´ Meinung zu stark und die Produktion der Nahrungsmittel würde nicht Schritt halten können. Malthus hatte gesagt, daß irgendwann einmal die vielen Menschen anfangen, um die wenigen Nahrungsmittel zu streiten. Dabei kommt es zu einem Kampf ums Überleben.
     Das war der Mechanismus, den Darwin brauchte, um den evolutionären Vorgang zu verstehen, wobei Darwin das niemals in dieser Schärfe meinte. Darwin war ein freundlicher Herr, ein ruhiger Beobachter der Natur. Ihm war aufgefallen - das fällt übrigens jedem schon bei sich selbst auf -, daß es tatsächlich täglich einen Kampf ums Überleben gibt. Darwin benutzte die schöne Formulierung »struggle for existence«.
     Auch Sie müssen sich jeden Tag bemühen um den Kaffee zum Frühstück, Sie müssen sich jeden Tag in die Bäckerei begeben, um ein Croissant zu kaufen. Sie können nicht einfach liegen bleiben und warten. Wenn Sie nichts tun, überleben Sie nicht. Sie müssen etwas tun, Sie müssen sich bemühen. Dabei müssen Sie nicht gegen jemanden kämpfen, Sie müssen nicht jemanden umbringen, um Kaffee zu bekommen. Sie müssen einfach nur zum Kaffeeautomaten gehen oder Ihre Frau fragen oder Ihren Chef.
     Mit anderen Worten: Sie müssen etwas tun, Sie müssen überleben wollen, Sie müssen bereit sein, Ihre Fühler, Ihre Wurzeln auszustrecken. Der Kampf ums Überleben ist das, was wir täglich machen. Wir sollten dahinter keine Ideologie sehen, wie sie uns später verabreicht worden ist.


2018 Komplett-Media © Ernst Peter Fischer
Veröffentlichung in den Musenblättern mit freundlicher Erlaubnis des Autors.