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Das Schöne ist des Göttlichen Anfang

Pater Josef Schulte OFM – „Lasst uns gehen in Frieden /Predigten 2017 – 2022“

von Matthias Buth
Das Schöne ist des Göttlichen Anfang
Das Schöne ist des Göttlichen Anfang
 
Predigten der Berliner Paters Josef Schulte
 
Religion ist Rückbindung und Ausblick zugleich. Die drei monotheistische Welterklärungen von Judentum, Christentum und Islam wollen den ganzen Menschen erfassen und setzen auf die Sprache, die sie aus dem Göttlichen herleiten, ja aus von Gott geoffenbarte Lebensessens ins Dasein inkorporieren. Talmud, Bibel und Korn sind große Literatur. In allen diesen Texten ist die Dimension des Schönen eingewoben. Der in Siegen geborene Welterkunder, Philosoph und Erzähler hat es auf den Punkt gebracht mit der Formel „Gott ist schön“. Und so heißt sein umfangsreiches Buch von 2011, das den Koran ausmißt und als ästhetisches Phänomen erfaßt.
 
In Mitteleuropa ist die Verbindung von Musik und christlichen Texten selbstverständlich, quasi aus der Bibel erwachsen. Es war eine lange Reise, die auch in Italien begann, schon im 9. Jahrhundert, als sich polyphone Strukturen in die Vokalmusik einnisteten mit u.a. der Missa Papae Marcelli, die Giovanni Pierluigi da Palestrina 1562 wohl als Papst-Krönungsmesse komponierte, einen ersten Höhepunkt der Vielstimmigkeit erreichte. Der am 9.4.1555 zum Papst gewählte Marcellus II. starb schon 22 Tage später, war aber bereits zuvor ein Förderer des Komponisten, der seinem Gönner ein unsterbliches musikalisches Denkmal setzte; die sechsstimmige Messe wurde bis zum lächelnden Papst Johannes Paul I. regelmäßig im Vatikan gespielt, sei es als Krönung oder Gedächtnismusik.
 
Lange hatte man den Klängen misstraut, als wären die Gesänge angelegt, vom Mysterium der kirchlichen Handlungen und so vom Wort abzulenken, die Sinne also emotional zu vernebeln. Beim Judentum war es ähnlich. Jüdische Komponisten wie Louis Lewandowski (1821-1894), welche Klänge mit Orgel und Gesang in die Synagogen holten, blieben singulär und waren kulturpolitisch auf Emanzipation zur deutsche Musiksprache angelegt. Johann Sebastian Bach schuf Werke für das Christentum von solcher Schönheit, Grazie und Seelenruhe, daß sie Eingang ins liturgische Geschehen der Kirchen fanden, erst der evangelischen, dann der katholischen; neu war die Einbeziehung der Gläubigen in den Gemeindechoral. Er nahm die biblischen Schriften (wie später Brahms) als Gedichte auf und trug sie in eine Weltenweite, die immer wieder betört und tröstet. Wer den Zugang zu Gott verloren hat, kann ihn mit Bach wieder finden. Und auch mit den Großen der Musik, mit den Oratorien von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Johannes Brahms, den Messen von Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Franz Liszt, Franz Schubert, Robert Schumann und der Trauergesängen von Guiseppe Verdi oder Gabriel Fauré.
 
Der Islam hat sich nie zur Musik geöffnet. Wie im Vatikan bis zum 16. Jahrhundert sieht man im Singen, Musizieren, ja in der Welt der Musik, die Lehren des Koran gefährdet, sieht den Gläubigen auf falschen emotionalen Pfaden. Um dem zu begegnen, werden die Suren von Kindesbeinen auswendig gelernt, nicht hinterfragt, sondern sollen auf dem einzigen Gottesgleis Wort für Wort befahren werden von Geist und Gefühl. Die Rezitation der Verse hat Suggestion und führt zur Kontemplation, unterstützt durch einen Sprechgesang auf der sehr schmalen Skala gesungener Worte. Der Kermani-Dissertation ist zu verdanken, diesen Grundtext der Moslems als Sprachkunstwerk zu begreifen, die Relevanz seiner Verwurzelung im Arabischen (und so in dessen Klängen und Lauten) zu entdecken, eben in seiner Andersartigkeit, die aber den Blick auf die Sprache öffnet, die Schönheit mit Gott verbindet. Eine Erkenntnis, die uns erst recht den Zugang zu den Texten des Alten und neuen Testaments der Bibel erleichtert und so auch die Wahrnehmung, daß die Religionen der Juden und Christen Geschwister sind, in dessen Familienchronik auch der Islam verwoben ist.
 
Lange Jahre hat der Franziskaner- Pater Josef Schulte in der Gemeinde Sankt Ludwig in Berlin-Charlottenburg gewirkt, die Predigten in der Zeit von 2017 bis 2022 sind sein Vermächtnis, denn am 25. November 2022 ist er verstorben. Zwei Frauen waren besonders von seiner Sprache erfüllt, eine Sprache, welche die Evangelien einmaß in die Gegenwart und in Texte großer Geister: die Verlegerin Catharine Nicely und die Kulturpolitikerin Monika Grütters; sie gingen sonntags gern zu einem Mann, der zurecht das Wort Seelsorger auf den Lippen trug. Im Nachwort schreibt die ehemalige Staatsministerin bei Bundeskanzlerin Merkel denn auch, er sei ein charismatischer Seelsorger gewesen, dessen menschenfreundliche, weltoffene und lebensbejahende Art ebenso beeindruckt habe wie seine warmherzige Heiterkeit.
 
Wer sich als Leser in die Texte begibt, wird fast lässig einfangen vom Sprachduktus dieses Geistlichen, da ist nichts aufgesetzt, mystifiziert oder ins theologische Hochgebirge verlagert, seine Predigten lesen sich zuweilen, als hätte Matthias Claudius sie geschrieben. Und immer der Sprache auf der Spur, jedes Wort gewichtend.
 
Unheilbare religiös sei der Mensch, meint Pater Joseph und nahm im Text „Die Verzauberung der Welt“ auf C. G. Jung Bezug, der dies so festgestellt hatte. „Das hört sich so an, als wenn Religiosität eine Krankheit war. Nein, unheilbar religiös meint: Die Religiosität ist so tief in uns Menschen drin, daß sie nicht stirbt. Im Gegenteil, daß sie sich immer neue Ausdrucksformen sucht. In der Verzauberung der Welt ist dieser Reichtum aber auch die Gefährdung des Christentums in immer neuen Seiten, Aspekten, Facetten dargestellt, und zwar von einer Tiefe, die wirklich beachtenswert ist. Das Religiöse ist gewissermaßen das Wasserzeichen im Pergament von Weltanschauung, und das Religiöse kann sich ausdrücken.“ Treffende Erkenntnisse. Die schöpferische Kraft und nicht selten aber auch die Gewalt der Religionen zu erkennen - in allen - ist ja fast aus dem Mode gekommen oder wird nur auf den Islam begrenzt.
 
Das Schöne ist des Schrecklichen Anfang, dichtete Rilke in seiner ersten Duineser Elegie. Das muß man so nicht stehen lassen, sondern den Vers so wenden, daß von Schönheit Wehmut ausgeht, die leise Ahnung, sie könne verwehen, untergehen, sich nicht erhalten. Wenn wir dem Schönen aber göttlichen Glanz zumessen, dann ist eher zu dichten: Das Schöne ist des Göttlichen Anfang. Und dieses äußert sich – zuerst – im Wort und so im Johannes Evangelium „Am Anfang war das Wort …. Und das Wort ist Fleisch geworden“, wodurch das Menschsein mit Sprache zum Leben erweckt wird.
 
Wenn Predigten ausgehend von Texten der Bibel, zumal von jenen des Neuen Testaments, Äußerungen von Schriftstellern in Roman oder Dichtung einbringen, wirken sich eher heutig und so auch intellektuell mehr ansprechend. Pater Josef Schulte macht dies an vielen Stellen. Am 9.11.2022 sprach er über die „Schönheit des Glaubens“, wo es von der Heilung des Samariters durch Jesu von der Lukas (17, 11.19) berichtet und zitiert ausführlich Hanns-Josef Ortheil, wenn dieser sich von der bizarren Schönheit gregorianischer Choräle einfangen läßt. „Ich habe in Klöstern oft erlebt, daß sie von den Mönchen gleichsam in die Dunkelheit hinein geflüstert wurden. Die Choräle machen sich also sehr klein, sie betreiben keinerlei Aufwand, die Tonfolge schmiegt sich den Worten an und bringt sie gerade mal so eben zum Klingen. Umso mehr lebt in ihnen das große Ethos des Glaubens: aus der Bedürftigkeit heraus, den großen Gott anrufen, ihm danken, ihn bitten, dem Kosmos seiner Zuneigung zu erhalten“. Ja, es gibt diese Sehnsucht, aufzugehen in Zuneigung, im Kosmos unmittelbarer Schönheit, die Göttliches in der Kunst vermittelt: Seelennahrung. „Es gibt keine Institution, die Du höher zu achten hättest als Deine eigene Seele.“ Da zitiert der Ordensmann nicht Ortheil, sondern Friedrich Nietzsche, bleibt aber zu ehrfürchtig vor diesem Diktum stehen, denn der Philosoph vereinte Gott. Hier hätte der Prediger anfügen können, daß die Seele des Menschen die Membrane für die Stimme Gottes ist.
 
Pater Schulte horcht die Sprache der Evangelien ab und erkennt Worte, die wir oft als Füllworte abtun, so das unscheinbare Wort „Sofort“. In Matthäus 1,14-20 geht es um die Nachfolge Jesus und da steht es Satz: „Und sofort folgten sie Jesu.“ Alles stehen und liegen lassen, sich unmittelbar aufmachen. Das meint das Beiwort „Sofort“. Schulte erkennt das die „Kraft des ersten Augenblicks“ und verweist auf Theodor Fontane, der schrieb: „Gleich Ja oder Nein sagen, das können nur wenige.“ Wort ist Tat ließe sich folgern. Stauffenberg handelte 1944 nach dieser Losung, Jesus sagte es anders mit „Die Zeit ist erfüllt“, meint aber ähnliches, nämlich die befreiende Tat, die Nachfolge, welche die Zeit anhält. Das „Sofort“ ist das, was Andreas Gryphius in seinem berühmten Vierzeiler ausklingen läßt „… dann ist der mein der Zeit und Ewigkeit gemacht.“
 
Wenn in katholischen Kirchen das Evangelium verlesen worden ist, spricht der Priester oft (besonders bei den Paulus-Briefen) die erstaunlichen Worte „Wort des lebendigen Gottes“. Das, was erzählt wurde, ist also unmittelbares Gotteswort? Wie kann das sein? Sind doch die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes alle nicht Zeitzeugen vom Leben Jesu gewesen, haben sie doch das ihn Zugetragen und Erzählte nur aufgeschrieben. Sie sind also die Verfasser die Dichter, die Autoren der Evangelien. Der Evangelist der „ausgestreckte Arm“, auf dem die Erzählungen weitergetragen wurden? Durch dessen Augen, Ohren und Erfahrungen ging das Wahrgenommene. Also nicht authentisch, doch nur alles Poesie? Alle drei Wortreligionen basieren auf dem, was Menschen aufgeschrieben haben, aber sie haben sich stets des Göttlichen, des Außermenschlichen vergewissert und dadurch gebunden, Außen und Innen verwoben. Ein unsicherer Rest bleibt und kann nur durch von Sehnsucht getragenen Glauben geschlossen werden.
Wenn mehr in den Kirchen gepredigt würde, wie es Pater Josef in Berlin viele Jahre getan hat, wären sie nicht so leer, würden sich nicht so viele abwenden. Seelsorger brauchen keine selbstreferentiellen Kardinäle. Worte sind Welt. Die einzige, die tröstet und Zuversicht geben kann.
 
Pater Josef Schulte OFM – „Lasst uns gehen in Frieden /Predigten 2017 – 2022“
Herausgegeben von Ursula Hüffer, Jutta Kunert-Kirchhoff, Michael Pross, Karin Schellmann
© 2023 PalmArtPress, Berlin, 328 Seiten, - ISBN: 978-3-96258-159-6
20,- €
 
Weitere Informationen: https://www.palmartpress.com