Mülheim
Mülheim
Ich hatte mal einen Auftritt in Mülheim, der nicht gut ankam. Unterstützerinnen des Mülheimer Museums hatten mich eingeladen und blickten mich ganz ratlos an. Als sie dann bemerkten, daß ich eigentlich was kann, war der Auftritt schon vorbei. Natürlich schrieben sie diesen Fauxpas mir zu, weil ich nicht im Vorfeld eindeutiger auf meine lustigen Seiten hingewiesen habe. Als ich im nächsten Jahr wieder in Mülheim auftrat, bereitete ich vorher alle darauf vor, daß ich diesmal zwei ernste Nummern und dann eine lustige Nummer spielen werde. Ich ging sogar so weit, daß ich, um den Stimmungswechsel zu unterstreichen, beim Einsetzen der lustigen Nummer eine Perücke aufsetzte. Das funktionierte am Anfang sehr gut, nur vergaß ich dann nach Spielen der lustigen Nummer die Perücke wieder abzusetzen und spielte als Zugabe eine ernste Nummer, aber hatte dabei die Perücke auf. Natürlich lachten alle ungehemmt, und irgendwann bemerkte ich, daß das nur an daran liegen konnte, weil ich noch die Perücke trug. Vielleicht wäre dieses Reagieren auf die ernste Nummer überhaupt nicht aufgefallen, wenn es sich nicht um den Panther von Rainer Maria Rilke gehandelt hätte. Sehr ernst, sehr dunkel.
„Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe/ so müd geworden, daß er nichts mehr hält./ Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe/ und hinter tausend Stäben keine Welt.//
Das ist doch nicht lustig. Jedes Lachen darüber wäre eine Mißachtung von Rilke und der Epoche der klassischen Moderne, speziell des Symbolismus, in der dieses Meisterwerk entstanden war.
„Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,/ der sich im allerkleinsten Kreise dreht,/ ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,/ in der betäubt ein großer Wille steht.//
Also ich finde das nicht lustig. Eher im Gegenteil. Aber die Mülheimerinnen bogen sich vor Lachen und wer will es ihnen verdenken, da ich die vermaledeite Lacherlaubnis-Perücke trug und quasi einlud sich gehen zu lassen.
„Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille/ sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,/ geht durch der Glieder angespannte Stille –/ und hört im Herzen auf zu sein.//“
Also wenn das zum Lachen ist, dann weiß ich es auch nicht. Obwohl, wenn ich heute an diesen Augenblick denke, wie wir in Mülheim zusammen in diesem Jugendheim saßen und fünfe gerade sein ließen und uns kaputt lachten, dann muß ich auch lachen. Es ist sogar so, daß ich nun, wenn ich an den Panther von Rilke denke, schon wieder lachen muß, lauthals lachen muß, obwohl niemand heute eine Perücke trägt, wenigstens nicht erkennbar. Claus Wilcke spricht Rilke.
© Erwin Grosche
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