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Transformation im Alltag der Menschen in ländlichen Räumen

Professor Dr. John-Oliver Engler über das Hans Böckler Promotionskolleg

von der Universität Vechta
Transformation im Alltag der Menschen in ländlichen Räumen 
Professor Dr. John-Oliver Engler – neben Professorin Dr. Jana Zscheischler - Foto: Friedrich Schmidt © Universität Vechta

„Ein großartiger Erfolg!“
Sprecher Professor Dr. John-Oliver Engler über das Hans Böckler Promotionskolleg
 
Mit der öffentlichen Auftaktveranstaltung im Juli 2026 hat das Hans Böckler Promotionskolleg seine Arbeit aufgenommen. Doch was bedeutet gerechte Transformation im Alltag der Menschen in ländlichen Räumen? Professor Dr. John-Oliver Engler – neben Professorin Dr. Jana Zscheischler Sprecher des Kollegs – im Interview.

Transformation gilt oft als etwas Positives. Das Kolleg widmet sich jedoch explizit den „Transformationsschmerzen“ und Fragen der Gerechtigkeit. Warum?

Gesellschaftliche Transformationen sind komplexe Prozesse der Veränderung. Wir kennen das vielleicht auch aus unserem Alltag: Nicht jede Veränderung hat man selbst beschlossen, muß aber dann trotzdem damit zurechtkommen. Manchmal fällt das leicht und manchmal schwer. Dinge können sich eben auch so verändern, daß das nicht von allen Beteiligten als positiv, fair oder gerecht erlebt wird und ist. Die Frage nach „gerechter“ Transformation stellt sich dann automatisch.
 
Was genau meint das Kolleg, wenn es von „Gerechtigkeit“ spricht?

Wir haben hier bewußt keine einheitliche Definition, weil es diese gar nicht gibt. Was gerecht ist, hängt davon ab, welche Perspektive ich wähle: Zählt das Ergebnis, der Prozeß dahin oder vielleicht eine Mischung daraus? Als Paradebeispiel kann hier Robin Hood gelten, der von den Reichen nimmt, um es den Armen zu geben. Wenn wir dieses Handeln nur vom Ergebnis her betrachten, tut Robin Hood vielleicht das Richtige, weil er für mehr Verteilungsgerechtigkeit sorgt. Der Utilitarismus etwa argumentiert strikt vom Ergebnis her. Vom Prozeß her betrachtet, bricht Robin Hood aber Regeln und Gesetze. Kant würde sagen, daß das erzielte Ergebnis nicht richtig, also auch nicht gerecht sein kann, weil der Weg dorthin falsch war. Die Rechtsprechung erkennt diese verschiedenen Perspektiven an: Es macht einen Unterschied, wie und warum ein Ergebnis zustande gekommen ist. Wir wollten die verschiedenen Perspektiven anerkennen, das Kolleg aber perspektivisch und methodisch in diesem Sinne offenlassen.
 
Das Kolleg deckt sehr unterschiedliche Felder ab – von der Energiewende über Digitalisierung bis hin zu Naturschutz und Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse. Können Sie uns anhand von ein oder zwei konkreten Beispielen beschreiben, woran die Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler in Kombination mit der Postdoktorandin des Kollegs, Dr. Judith-Maria Maruschke, aktuell forschen?

Das ist richtig und auch zentral: „Die“ Transformation gibt es nicht, sondern sie manifestiert sich ganz unterschiedlich. Ein Beispiel ist in Deutschland die Automobilindustrie, die vor massiven Umwälzungen steht, wie man am Beispiel VW gerade eindrücklich sieht. Eines der Promotionsprojekte erforscht hier, warum die Transformation der Automobilindustrie für manche Beschäftigte als gestaltbarer Wandel und für andere als Kontrollverlust erscheint – und welche strukturellen Bedingungen dahinterstehen. Ein weiteres Projekt betrachtet die Digitalisierung ländlicher Räume und fragt, ob und wie Smart-City- und Smart-Region-Projekte zu gerechter Teilhabe in ländlichen Räumen beitragen. Dabei geht es sowohl darum, wer von Digitalisierung profitiert, als auch darum, wer ihre Gestaltung tatsächlich mitbestimmen kann. Bei Dr. Judith Maruschke laufen die Fäden der einzelnen Projekte in ihrer Habilitation wissenschaftlich zusammen. Eine ihrer Aufgaben ist es, die Ergebnisse der Teilprojekte in eine Synthese zu bringen. Eine zentrale Frage ist hier, ob wir übergeordnete Gelingensbedingungen für die Transformationen identifizieren können.
 
Während der Auftaktveranstaltung wurde betont, daß ländliche Räume als „Reallabor“ wirken. Inwiefern unterscheiden sich die Erkenntnisse, die Sie hier gewinnen, von Forschungsansätzen aus urbanen Zentren?

Die Forschungsansätze unterscheiden sich nicht, aber natürlich unterscheiden sich ländliche Regionen mitunter stark von Städten. Wir wissen im Vergleich recht wenig über die Transformation in ländlichen Räumen, weil sich Forschung doch noch häufiger auf Städte konzentriert. Wir wollen im Kolleg unseren Beitrag dazu leisten, diese Lücke zu schließen.
 
Wie profitiert die Region Oldenburger Münsterland konkret und ländliche Regionen im Allgemeinen von den Ergebnissen des Promotionskollegs?

Wir kennen die Ergebnisse jetzt natürlich noch nicht. Viele der Promotionsarbeiten vergleichen Regionen miteinander. Dazu kommt dann die Synthese, die maßgeblich von Dr. Judith Maruschke als Postdoktorandin kommt. Unsere Hoffnung ist, daß wir dadurch auch allgemeinere Schlüsse ziehen können, wie etwa die Frage danach, welche Faktoren es für erfolgreiche Transformation braucht. Neben der Forschung an sich und den Mitteln von der Hans-Böckler-Stiftung für die Universität Vechta wäre auch noch der Prestigegewinn für die Universität zu nennen. Die Stiftung gehört zu den 13 Begabtenförderungswerken in Deutschland. Damit ist sie etwa der „Studienstiftung des deutschen Volkes“ oder der „Stiftung der deutschen Wirtschaft“ von der Bedeutung her gleichgestellt. Mit dem Kolleg weisen wir damit die Universität als Standort für Spitzenforschung und Nachwuchsförderung zum Thema Transformation und Nachhaltigkeit aus. Das ist schon ein „Pfund“ für die gesamte Region.
 
Wie gelingt der Transfer? Wie stellt das Kolleg sicher, daß die gewonnenen Erkenntnisse am Ende auch den Kommunen oder politischen Entscheidungstragenden vor Ort bei ihren Handlungskonzepten helfen?

Einerseits werden die Ergebnisse und Zwischenstände regelmäßig mit einem Beirat besprochen, in dem explizit nichtwissenschaftliche Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Feedback und Hinweise für den Praxisbezug geben. Der Landrat von Vechta ist dabei, aber auch eine Unternehmerin und Vertretetende der Gewerkschaften. Es gibt also eine gewisse Ideendiffusion in beide Richtungen. Andererseits haben wir den Plan, am Ende eine Art „Weißbuch“ mit den Erkenntnissen zu publizieren.
 
Das Kolleg ist am Institut VISTRA angesiedelt. Wie fügt sich die Arbeit der Promovierenden und der Postdoktorandin sowie die breitere Strategie des Forschungsclusters „Nachhaltigkeitsorientierte Transformationsforschung in ländlichen Räumen“ (Infokasten) ein?

Das VISTRA hat sowieso einen Fokus auf die Nachwuchsförderung, da wir bereits vor dem Kolleg schon entsprechende Formate wie das mittlerweile fest etablierte „Nachwuchstreffen“ entwickelt hatten. Das Promotionskolleg paßt geradezu ideal dazu, da wir auch hier regelmäßige Fort- und Weiterbildungen haben, die sehr gut zum Gesamtkonzept passen. Das Cluster selbst war ja über die Stiftungsprofessuren als Anschub für Größeres gedacht. Man kann wohl behaupten, daß sich diese Strategie ausgezahlt hat. Jetzt geht es darum, diese gute Basis auf Dauer zu verstetigen.
 
Die Hans-Böckler-Stiftung fördert das Kolleg maßgeblich. Welche Rolle spielen das interdisziplinäre Betreuungskonzept und die Vernetzung z. B. mit Partnerinstituten für die Ausbildung der jungen Forschergeneration?

Das ist natürlich essenziell, wobei wir hier erst am Anfang stehen, da wir ja noch bis zu drei Stipendien vergeben können und von daher noch gar nicht vollzählig sind. Aber es stimmt: Durch die Partnerschaft mit anderen Universitäten und Einrichtungen wie dem KIT oder der Leuphana in Deutschland, sowie international mit den Universitäten in Utrecht, Lund oder Vermont haben wir ein hervorragendes Netzwerk an Expertise für das Kolleg gewonnen, von dem alle Beteiligten profitieren können. Richtig ist auch, daß wir interdisziplinär arbeiten. Man kann die Probleme im Bereich Nachhaltigkeit und Transformation ja gar nicht anders lösen. Da kann ich nicht sagen, „Der ist ja gar kein Ökonom oder Soziologe, mit dem rede ich nicht.“ Dafür wollen wir natürlich auch den Nachwuchs sensibilisieren.
 
Wenn Sie vorausblicken – was muß das Kolleg erreicht haben, damit Sie von einem vollen Erfolg sprechen?

Es ist schon ein großartiger Erfolg, daß wir an einer kleinen Uni im ländlichen Raum wie Vechta überhaupt den Zuschlag bekommen haben. Die Sichtbarkeit unserer Uni im Bereich der Transformationsforschung hat sich dadurch noch einmal sehr erhöht. Wenn dadurch dann auch intern der Stellenwert der Forschung insgesamt im Vergleich zur Lehre höher würde, wäre ich persönlich sehr zufrieden. Für das Kolleg freue ich mich, wenn die Promotions- und Habilitationsprojekte möglichst alle erfolgreich verlaufen. Dann haben wir gemeinsam wirklich viel erreicht.

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Forschungscluster

Im Forschungscluster „Nachhaltigkeitsorientierte Transformationsforschung in ländlichen Räumen“ wirken die geförderten Professuren Bioökonomie, Transformationsmanagement in ländlichen Räumen sowie Innovation und Entrepreneurship in ländlichen Räumen maßgeblich mit. Zu den stiftenden sowie unterstützenden Institutionen gehören die Oldenburgischen Industrie- und Handelskammer (IHK), die Landkreise Cloppenburg und Vechta, die Genossenschaften im Nordwesten Niedersachsens und der Raiffeisen-Stiftung, Berlin, sowie das Agrar- und Ernährungsforum Oldenburger Münsterland e.V. (AEF). Die Aufgaben des Clusters bestehen insbesondere in der Sicherstellung der Zusammenarbeit und der ganzheitlichen Diskussion des Forschungsfeldes sowie in der Förderung des Informationsflusses sowie des Austauschs zwischen den vertretenen Disziplinen. Unterstützt wird das Cluster durch einen Beirat, der sich aus Vertreterinnen und Vertretern der Universität sowie der Stifter zusammensetzt.
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