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„Liedertal“ mit Anna-Lena Elbert und Thomas Laske

Mahlers „Wunderhorn“-Lieder

von Johannes Vesper
„Liedertal“ mit Anna-Lena Elbert und Thomas Laske 
v.l.: Amadeus Wiesensee, Anna-Lena Elbert, Thomas Laske - Foto  Johannes Vesper

„Bald gras ich am Acker, bald gras ich am Rain“
 
Mahlers „Wunderhorn“-Lieder mit Anna-Lena Elbert und Thomas Laske
 
Die Wuppertaler Reihe „Liedertal“, inzwischen im 6. Jahr, bietet große Stimmen in kleinem Saal der Historischen Stadthalle zu Wuppertal. Diese Liederabende brauchen den Vergleich mit entsprechenden Konzertreihen in der Elbphilharmonie oder der Alten Oper Frankfurt nicht zu scheuen. Jetzt waren sechzehn von Gustav Mahlers „Wunderhorn“-Liedern zu hören. Die romantische Volksliedersammlung aus den Jahren 1805-1808 von Achim von Arnim und Clemens Brentano hat Gustav Mahler jahrelang beschäftigt. Ob damals tatsächlich alte Volkslieder buchstabengetreu gesammelt oder doch nachgedichtet worden sind? Ein berühmtes Beispiel für die dichterische Freiheit ist das „Rheinlegendchen“. „Bald gras ich am Acker, bald gras ich am Rain“ hieß es ursprünglich und beschreibt die Situation eines Hirten und seiner erst hier dann dort äsenden Schafe. Aus dem Acker machte Brentano in Heidelberg dann „Neckar“, aus dem Rain den Rhein und dichtete munter fort. Prof. Heinz Rölleke ist bei seiner Wunderhorn-Arbeit auf diese Umdichtung gestoßen. Jedenfalls hat auch Gustav Mahler die Texte teilweise umgedichtet, um sie seinen musikalischen Gedanken anzupassen. Dabei hatte, meinte Nietzsche, unter den deutschen Dichtern Brentano schon „am meisten Musik im Leibe“. Vierundzwanzig der 723 Lieder umfassenden Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ aus der Zeit vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert hatte Mahler zwischen 1887 und 1898 als Klavier- oder Orchesterlieder vertont.
 
Thematisch handeln die Liedtexte von Jugendliebe, Tragik, Trauer, Schmerz, Tod, Soldaten, Gefangenschaft und Freiheit. Offensichtlich haben sich die Zeiten geändert: Heute scheint es der Jugend eher um Smartphone, Social Media, Drogen, Konsum zu gehen. All das wird auch nicht mehr bedichtet und die Musik in lauten Massenkonzerten mit zigtausenden Zuhörern genossen. Insofern schien der Liederabend eher aus der Zeit gefallen. Aber für diesen kammermusikalischen, vokalen, intensiven Höhenflug in kleinem Saal fand sich zahlreiches Publikum ein, darunter auch viele junge Leute.
 
Das Zwiegespräch zwischen Schildwach und Geliebter gleich zu Beginn („Der Schildwache Nachtlied“) ging schon unter die Haut. Feurig, markant beklagt der Soldat (Thomas Laske) sein Schicksal, in den Tod geschickt zu werden, während das Mädchen (Anna-Lena Elbert) von Rosengarten mit grünem Klee singt und Gottes Segen erfleht.
Die „Verlorene Müh“ mit der das „närrische Dinterle“ (schwäbisch Mädle) versucht das Büberl zu vernaschen, es um Liebe anbettelt, ist Ausdruck „romantischer Ironie“, die einzige Waffe gegen Verzweiflung, Unglück und Tod.
Zu dieser Kategorie der Ironie gehört auch „Das himmlische Leben“, gehören die himmlischen Freuden „englischen Lebens“ mit gutem nicht vegetarischem Essen und elftausend Jungfrauen unter St. Ursula, der ja in Köln sogar eine Kirche gewidmet ist. Das durch Kolonialismus bedingte Luxusleben auf der Insel schien vorzeiten offensichtlich paradiesisch.
Liebe und Partnersuche, Fremdschämen in Zweierbeziehungen war immer schon Thema („Trost im Unglück“).
Nachtigall und Waldvögelein, schwarzbraune Äuglein, rosiger Mund des Wirts Töchterlein: Dieses Lied pfeifen drei Gänse überm Wasser. Das ist kaum noch Ironie, eher romantische Satire. Auch der Musikwettbewerb zwischen Kuckuck und Nachtigall mit dem Großohr-Esel als Richter gehört in diese Kategorie (Ist hier etwa der Rezensent gemeint: „Lob des hohen Verstandes“?
Ernst und tragisch wird es aber, wenn der allerliebste Schatz tief im Grab weder Sonne noch Mond sieht und auch die Rufe des Geliebten nicht hört. („Nicht wiedersehen!“), auch wenn in der hochdramatischen Szene der Gefangene „im Herzen stets lachen und scherzen“ kann und seinem trauernden Mädchen draußen zuruft: „Es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei“. Die düstere Stimmung bei bevorstehendem Krieg und Tod („Wo die schönen Trompeten blasen“) erinnert musikalisch gar an Schuberts „Leiermann“ in der „Winterreise“. Wie bei Gustav Mahler Tragik und Ironie musikalisch ausgedrückt werden, wäre eine eigene Untersuchung wert.
 
Anna-Lena Elbert, international bekannte Sopranistin aus München mit Leidenschaft für das Lied und seine Gestaltung, schlug mit ausdrucksstark geschmeidigem, im Fortissimo strahlendem oder im Pianissimo verhalten leuchtendem Sopran das Publikum in Bann und beglückte auch in den gestisch angedeuteten Zwiegesprächen mit Thomas Laske, der ja wie immer souverän, stimmstark und sensibel sein Publikum beeindruckte. Der Pianist Amadeus Wiesensee (*1993), seit Jahren auf den großen Musikfestivals zu Hause, Gewinner nationaler und internationaler Klavierwettbewerbe, erwies sich als hoch virtuoser, dabei stets klug und empfindsam gestaltender Begleiter am Flügel, dessen phasenweise orchestrale Wucht Gustav Mahler später wohl nicht mehr ausreichte und ihn bewogen hat, die Liedbegleitung dem Orchester zuzuweisen.
Lange Stille nach den Liedern zeugte von dem großartigen Eindruck, den dieser Liederabend hinterlassen hat. Für den starken Applaus mit Pfiffen und Bravi am Schluß bedankten man sich mit Mahlers Lied „Starke Einbildungskraft“
 
Mädchen
Hast gesagt, du willst mich nehmen, sobald der Sommer kommt! Der Sommer ist gekommen, ja kommen, Du hast mich nicht genommen, ja nommen! Geh, Büble, geh! Geh, nehm mich! Geh, ja? Gelt, ja du nimmst mich noch?
Büble
Wie soll ich dich denn nehmen, dieweil ich doch schon hab? Und wenn ich halt an dich gedenk, so mein ich alle Weile: ich wäre schon bei dir!