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Der alte Mann und sein Hund (47)

Die Gesichter einer Stadt

von Erwin Grosche
Der alte Mann und sein Hund (47) 
Foto © Heinrich Linse / pixelio.de

Der alte Mann und sein Hund (47)

Die Gesichter einer Stadt 
 
Der alte Mann ging mit seinem Hund spazieren. Obwohl Paderborn eine Großstadt ist, sieht man auf allen Wegen bekannte Gesichter. Das was eine Stadt ausmacht, konnte man in Paderborn schnell kennenlernen. „Wie lange ich schon die Frau mit der dunkeln Brille kenne“, dachte der alte Mann. Sie machte bei „Mentor“, den Leselernhelfern mit und war auch vor dem Rathaus, wenn alle für den Frieden schwiegen. Der alte Mann grüßte die Menschen, die ihm entgegen kamen, und manche streichelten sogar seinen Hund. Man grüßte sich schnell in der kleinen Stadt und blieb kurz stehen, auch wenn man noch nie miteinander gesprochen hatte. Ein Fahrrad fuhr an ihm vorbei. Automatisch dachte er an Heidi, von der man nie wußte welche Farbe ihre Haare haben werden, weil sie sich immer veränderte und dankbar war, wenn man ihr einen Tip gab über ein Buch, das man unbedingt lesen sollte. Plötzlich vermißte er Brigitte, die immer so lebendig war, so schwärmen konnte und so lange Jahre dabei war, wenn bei UNICEF Weihnachtskarten verkauft wurden. Natürlich vermißte er auch Toto, weil er immer einen Hut trug und durch Paderborn gehen konnte, als wäre es Venedig. Der alte Mann stand nun vor der Schranke, die so lange unten bleibt und unterhielt sich mit einem ehemaligen Klassenkameraden, der nun durch die Welt fuhr, und trotzdem nur in Paderborn zur Ruhe kam. „Wo ist eigentlich Rolo der Künstler geblieben?“, fragte sein Freund. Der alte Mann nickte. Er kannte auch noch den Mann, der einen Hund mit drei Beinen hatte und Gedichte aufsagen konnte, wenn man ihn darum bat.. „Kanntest du auch Johann?“, fragte ihn sein Schulfreund. „Er hatte immer Tüten voller Zeitungen dabei, die er alle lesen wollte.“ Es gab in Paderborn Gesichter, die man immer wieder sah. Es waren Stadtgänger die zu Theaterpremieren kamen, bei Ausstellungen Sekt, Wasser und Orangensaft servierten und Flüchtlinge aufnahmen, wenn diese kein Bett zur Nacht hatten. Manche von ihnen fuhren Taxi, waren bei den Grünen oder spielten Akkordeon auf dem Domplatz. Plötzlich öffneten sich die Schranken und die Wartenden blieben trotzdem stehen, als könnten sie sich nicht voneinander trennen. In dieser kleinen Stadt hinterließ man sofort eine Lücke, wenn man weiter ging. Hier war jeder wichtig und wurde gebraucht. Der alte Mann erinnerte sich auch an Willi, der immer ein Kind auf dem Arm hatte und an Mechthild, die so ein großes Herz hatte. Es gab in Paderborn viele Menschen die der Stadt ein schönes Gesicht gaben. Manche standen auch vor dem Museum und paßten auf den Hund des alten Mannes auf, damit er sich die Ausstellung anschauen konnte. An diesen Tagen verstand man, warum man diese Stadt gern haben konnte, denn die Gesichter der Stadt waren gastfreundlich, geduldig und man ließ den anderen gerne vor.
 
© Erwin Grosche