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Die Natur produziert zu viel

von Ernst Peter Fischer
Die Natur produziert zu viel
Ernst Peter Fischer

Die Natur produziert zu viel

 Von Ernst Peter Fischer

Wie hat Darwin das Ganze verstanden? Was ist eigentlich der Grundgedanke der Evolution? Den kann man mit einigen Beobachtungen und ein paar Schlußfolgerungen ganz leicht darstellen. Ich verstehe überhaupt nicht, warum Menschen überhaupt auf die Idee kommen können, daß das eine Ideologie sei, bei der man zwingend kämpfen muß.
     Darwin ist ein guter Beobachter der Natur. Seine erste Beobachtung ist, daß die Natur - uns aber lassen wir uns einmal beiseite - Lebewesen, vor allem die Vögel, die er auf den Galapagos beobachtet hat, die Würmer, die Fische, so eingerichtet hat, daß sie eine Überproduktion von Nachkommen schaffen.
     Die Natur produziert zu viel. Es ist gar keine Frage, daß sie das tut. Die Nachkommenschaft ist, wie gesagt, dynamisch, gigantisch, aber die Anzahl der Tiere, die in einer bestimmten Gruppe leben, ist konstant. Darwin hatte die wunderbare Idee, nicht die ganze Art - die Art des Pferdes, die Art des Esels - zu betrachten, sondern nur jene Gruppe einer Art, die in einer ganz bestimmten Zone, einer Nische, einer Umgebung lebt. Diese Gruppe nannte er »Population«.
     Eine Population, stellt Darwin fest, kann mehr Nachkommen produzieren, als sie zum Schluß aufweist. Tatsächlich ist die Anzahl in einer Population konstant und auch die Ressourcen, die der Population zur Verfügung stehen, sind begrenzt. Daraus folgt die erste Beobachtung, daß es unter den geborenen Nachkommen in der Population einen Streit um die Ressourcen geben muß, eben einen »struggle for existence«, einen Kampf ums Überleben. Das ist die erste einfache Schlußfolgerung. Es muß in der Natur einen Wettstreit um die Ressourcen geben. Diesen Wettstreit in der Natur erleben wir täglich, auch im heutigen globalen Maßstab.
     Weiter ist Darwin aufgefallen - und das fällt auch jedem auf, der sich mit Pflanzen oder Tieren beschäftigt -, daß die Individuen, die geboren werden, nicht identisch sind. Menschen ohnehin nicht, aber auch Katzen bringen nicht immer identische Tiere zur Welt, Mäuse bringen nicht immer identische Mäuse zur Welt, sie bringen also Varietäten oder Varianten zur Welt. Das ist eine weitere Beobachtung.
     Einige dieser Variationen - das ist die nächste Beobachtung, die Darwin gemacht hat - sind erblich. Es wird eine Änderung an die nächste Generation weitergegeben. Die andere Beobachtung ist, daß das Überleben manchmal von dieser erblichen Variation abhängen kann. Dadurch kommt es mit Hilfe von zufälligen erblichen Mutationen zu einer Selektion, die zu einem Wandel der Art in Abhängigkeit von dem Wandel in der Umwelt, in der sie sich befindet, führt. Das ist der Gedanke der Evolution.
 

2018 Komplett-Media © Ernst Peter Fischer
Veröffentlichung in den Musenblättern mit freundlicher Erlaubnis des Autors.