200.000,- für diesen Scheiß?
Yasmina Rezas „Kunst“ in einer Inszenierung von Wuppertaler Bühnen und TiC-Theater
200.000,- für diesen Scheiß?
Yasmina Rezas Gesellschaftskomödie „Kunst“ in einer Inszenierung
von Wuppertaler Bühnen und TiC-Theater
Freundschaft ist der einzige Klebstoff, der die Welt zusammenhält.
Woodrow Wilson
„Zu dieser Veranstaltung bestehen keine Hinweise auf sensible Inhalte und sensorische Reize“ beruhigt die Publikumsinformation der Wuppertaler Bühnen auf ihrer Webseite Interessierte zu dieser Inszenierung. Ha! Dabei geht es hier doch explizit um genau diese sensorischen Reize und zudem höchst sensible!
Es ist nämlich so: Serge hat ein Bild gekauft. Einen Antrios aus dessen 70er Periode, monochrom in Weiß, 160 auf 120 Zentimeter … und wenn man es so möchte, dann sieht man darauf feine horizontal verlaufende weiße Streifen. Ein weißes Bild. Monochrom, wie gesagt. Mit weißen Streifen. Serge (Andreas Mucke), ein erfolgreicher Dermatologe, kann es sich leisten. Aber die dafür gezahlten 200.000,- (1994, als das Stück in Paris uraufgeführt wurde, waren es noch Franc) bringen seinen Freund Marc (Thomas Braus, der den Marc übrigens schon 2002 göttlich gespielt hatte) erst zum Lachen, dann nahezu um den Verstand und die beiden um ihre 15 Jahre währende Freundschaft. Mehr noch, der zunächst versteckte Versuch beider, den Dritten im Bunde, den auf Harmonie bedachten gemeinsamen Freund Yvan (Alexander Peiler) auf die jeweilige eigene Seite zu ziehen, geht so gründlich daneben, daß sämtlich Freundesbande vor dem Reißen stehen.
Yasmina Rezas lebenskluges und intelligentes Stück, ein Kammerspiel um die Freundschaft dreier gegensätzlicher Männer, die von unterschwellig längst gewachsener Entfremdung und gegenseitigen Vorurteilen angenagt ist, lebt von Wortwitz, der präzisen Zeichnung gewachsener Charaktere und brillanter Psychologie. Regisseur Ralf Budde hat für seine Inszenierung ein großartiges Trio von Erzkomödianten zusammengestellt, die im Mono-, Dia- und Trialog Rezas Intention nachgerade ideal umzusetzen verstanden und das Publikum im ausverkauften Haus vom ersten Aufblenden der Scheinwerfer an mitzureißen wußten. Der oft bittere Humor wurde nie zum Schenkelklopfer, blieb fein und kultiviert, der blanke Zorn, zu dem sich schließlich sogar der sanfte Yvan hinreißen ließ, wechselte aufkochend mit Hohn, Häme, Entspannung und wieder offenem Gelächter. Ein heiß-kaltes Wechselbad.
So wie Andreas Mucke den erst jovialen Stolz des Antrios-Besitzers, dann seine Gekränktheit und schließlich das Gift lange ungesagter Gemeinheiten auf die Bühne brachte und Thomas Braus die in Hohn und Spott umschlagende Erheiterung über „diesen Scheiß in Weiß“ (schärfer übrigens als 2002) und die körperliche Konfrontation mit Serge, glänzte auch Alexander Peiler. Seinen völlig zerrissenen Yvan, der an nächsten Tag heiraten soll, der unter dem Druck der Mütter, Stief- und Schwiegermütter leidet und dem die Freunde aus jeder Richtung zusetzen, ist (sein Verzweiflungs-Solo führte zu Zwischenapplaus) vielleicht sogar die stärkste Figur des Stücks, dessen Ausgang hier nicht verraten wird.
Das von der Komödie ummantelte Drama über die Halbwertzeit von Freundschaften wird seines hohen Ranges und der großen Anforderung an die Schauspieler seither immer wieder gerne in die Spielpläne aufgenommen. Die aktuelle Wuppertaler Inszenierung von Ralf Budde ist als Jubiläums-Schmankerl zum 40jährigen Bestehen des TiC-Theaters in einer Gemeinschaftsproduktion der Wuppertaler Bühnen und des TiC entstanden, wird bis Jahresende im Theater am Engelsgarten aufgeführt und ab Januar in der selben Besetzung im Cronenberger TiC.
Dieser Abend ist ein höchst amüsantes und gelungenes Theater-Ereignis von Rang. Von den Musenblättern sehr empfohlen.
Inszenierung: Ralf Budde – Bühne: Manfred Marczewski-Achilles – Kostüme: Noëlle-Magali Wörheide – Dramaturgie: Elisabeth Hummerich – Regieassistenz: Nelly Haller – Inspizienz: Ilja Betser
Mit: Andreas Mucke (Serge) - Thomas Braus (Marc) - Alexander Peiler (Yvan) |

