Erinnerungen an einige Stra├čenfeger Ost

DDR-TV-Kalender 2013

von Frank Becker

Helga Piur und Alfred Struwe in "Zahn um Zahn" 1985
© Deutsches Rundfunkarchiv Babelsberg/Zeise
Das kollektive Gedächtnis

Das Fernsehen als die populäre moderne Form der medialen Unterhaltung hat durch seine starke Präsenz etwas erzeugt, das man getrost als ein kollektives Gedächtnis bezeichnen kann. Ist es Ihnen nicht auch schon so gegangen, daß Sie beim Erinnern im Gespräch mit anderen bestimmte Ereignisse an zur gleichen Zeit im Fernsehen gezeigten Sendungen, Serien, Filmen festmachen? Zudem finden Menschen gleicher Generation immer wieder über dieses solidarische "weißt du noch/wissen Sie noch?" zusammen, welches das gemeinsame oder parallele Erleben bestimmter Fernsehsendungen als Boden hat.

Da unterscheiden sich Deutsche aus dem früheren Westdeutschland und solche aus dem ehemaligen Ostdeutschland nicht im geringsten, wenn auch eine quasi gesamtdeutsche kollektive Fernseherinnerung nicht besteht. Zwar haben viele DDR-Bürger gerne und viel Westfernsehen geschaut, sofern sie nicht ausgerechnet in Pirna oder einer anderen empfangstechnisch ungünstigen Ecke ihres Staates wohnten, und seit der Wiedervereinigung haben die früher vom Ostfernsehen ausgeschlossenen Westbürger manches der früheren Ost-Programme durch die Wiederholung alter DDR-Serien kennengelernt, doch sind die Erinnerungen, die sich aus 40 Jahren teils auch ideologisch gefärbter Programmgestaltung speisen, nicht vermischbar. Wo
im Westen "Die Familie Schölermann", "Die Firma Hesselbach", "Das Halstuch", "Stahlnetz", "Die fünfte Kolonne", "Die Unverbesserlichen", "Ein Herz und eine Seele" oder "Der Andere" am Abend für leere Straßen sorgten, waren im Osten "Archiv des Todes", "Das unsichtbare Visier", "Zur See", "Geschichten über den Gartenzaun", "Familie Neumann", "Einzug ins Paradies", "Schwester Agnes" "Polizeiruf 110" oder "Treffpunkt Flughafen" die Magneten, die das Publikum an die Bildschirme zogen.

Der Verlag Bild und Heimat, der sich u.a. um die Bewahrung der Erinnerung an die immerhin 40 Jahre einer eigenständigen DDR-Kultur, darunter deren künstlerisches Film- und Fernsehschaffen verdient macht, legt in diesen Tagen neben anderen ähnlichen Produkten seinen Kalender "DDR-TV-Kalender 2013" vor. Auf 12 großformatigen Monatsblättern zeigen ausgesuchte Szenenfotos, u.a. aus einigen der oben genannten Serien, was zwischen 1974 und 1986 die Familie vor dem Bildschirm von Sonja, Luxomat, Luxotron, Stella, Ines, Donja oder Robotron versammelte. Der Kalender zeigt natürlich nur ein kleines Spektrum aus dem DDR-Archiv, macht aber auch deutlich, auf wie vielen Hochzeiten manche beliebten DDR-Schauspieler tanzen mußten. Günter Naumann (1925-2009), Herbert Köfer, Jürgen Zartmann und die stets als "ältere resolute Dame" besetzte, beinahe unvermeidliche Helga Göring (1922-2010) gehörten zu den viel beschäftigten Darstellern. Erfreulich auch zu sehen, daß doch etliche Schauspieler wie u.a. Walter Plathe und Günter Schubert aus "Treffpunkt Flughafen" die Zeitenwende unbeschadet überstanden haben und neben vielen anderen heute so beliebt wie damals sind.
 
DDR-TV-Kalender 2013
© 2012 Verlag Bild und Heimat, 13 Seiten, Spiralbindung, 29,7 x 42,0 cm
ISBN 978-3-7310-0852-1
19,99 €
 
Weitere Informationen:  www.bild-und-heimat.de