"But beautiful"

Matthias Brandt liest Geoff Dyers Buch ├╝ber den Jazz

von Frank Becker
Eine Perle der Jazz-Literatur
 
Lester Willis Young
*27.8.1909 Woodville, Mississippi,
† 15.3.1959 New York
Thelonious Sphere Monk
*10.10.1917 Rocky Mount, N.C.,
† 17.2.1982 Weehawken N.J.
Charles Mingus, *22.4.1922 Nogales, Arizona,
† 4.1.1979 Cuernavaca, Mexiko
Chesney Henry („Chet“) Baker,
*23.12.1929 Yale, Oklahoma,
† 13.5.1988 Amsterdam
 
Ein Tenor-Saxophonist, ein Pianist, ein Kontrabassist und ein Trompeter/Flügelhornist, Männer, deren Namen mit dem Jazz untrennbar verbunden sind, die alle vier die Geschichte des Modern Jazz intensiv und nachhaltig beeinflußt haben. Geoff Dyer hat sich diese vier Männer ausgesucht, jeder für sich eine Legende als Musiker und Mensch, um sich über ihr Leben, ihre Geschichte und Geschichten aus ihrem Leben dem Jazz zu nähern, ihn und seine Protagonisten dem jazzliebenden Leser näher zu bringen. Lester Young, der Sanfte, der chaotische Gemütsmensch Thelonious Monk, Charles Mingus, der cholerische Zerstörer und schließlich Chet Baker, der Verlorene, der zerbrechliche Träumer – Menschen und Musiker, die eine nie zu schließende Lücke hinterlassen haben.
 
Geoff Dyer hat sich in „But beautiful“ in seine Protagonisten hinein geschrieben, ihnen sozusagen am Küchentisch gegenüber gesessen, in den verräucherten Clubs mit ihnen Drinks genommen und ihnen in stundenlangen Sessions gelauscht; er stand bei Konzerten in den Kulissen und in guten und schlimmen Momenten ganz nah bei ihnen. Seine Sprache ist von ungeheurer Intensität und atmosphärischer Dichte. Matthias Brandt gibt diese Dichte, die Poesie, die Einsamkeit, das Leiden, die Ekstase und die Liebe hautnah, fast unterkühlt wieder. Sein leises, eindringliches Erzählen fesselt die Aufmerksamkeit, seine Stimme und sein Understatement geben Geoff Dyers Text die akustische Faszination - ein Hörspiel, dessen Kapitel und Szenen mit Auszügen von Originalaufnahmen eingeleitet und begleitet werden.
Als Gastsprecher wirken Susanne Betancor, Helge Schneider, Jimmy Woode und Till Brönner mit - sie geben der Lesung noch intensiver den Touch des Szenischen.
 
„But beautiful“ ist der Titel eines Standards von Johnny Burke & Jimmy Van Heusen, der wohl von jedem Jazz-Musiker gespielt worden sein dürfte und der sie irgendwie alle verbindet: Leute auf der Suche nach der Musik, nach dem Jazz, dem Glück, der Liebe. Und wie der Textauszug zeigt, liegt ein Teil des Geheimnisses vielleicht in der Beharrlichkeit, es immer wieder zu versuchen, in der gelassenen Hinnahme von Rückschlägen und in der Freude am Schönen:
„Love is funny or it´s sad,
Or it´s quiet or it´s mad;
It´s a good thing or it´s bad, but beautiful!
Beautiful to take a chance, and if you fall, you fall;
And I´m thinking that I wouldn´t mind at all.“
 
Ein schöneres über Jazz erzählendes Buch dürfte schwerlich zu finden sein. Deshalb stellen wir es Ihnen heute hier noch einmal vor. Die Musik, die Momente ihrer Entstehung, ihre Innerlichkeit sind so packend in bildhafte Worte gegossen, wie ein nächtlicher Blick aus einem New Yorker Fenster auf die 7th Avenue/52nd Street. - Spiegelbilder der Empfindungen von Leere, des Ausgeliefertsein an Drogen und Gewalt, von Unterdrückung, Streit, belebendem Erfolg und der inneren Isolation der großen Musiker. Tiefe Melancholie ist die große zentrale Empfindung, die über dem ganzen Buch steht, die erst die intensive Lyrik möglich macht, welche in all der wunderbaren Musik steckt, wie sie „Pres“, Monk, Charlie und Chet gemacht haben.
Die sensible Interpretation durch Matthias Brandt hat ihre eigene Faszination, fesselt an den Lautsprecher, bis das letzte Wort, der letzte zarte, ja zärtliche verzauberte Ton von Chet Bakers grandiosem Vermächtnis, der Aufnahme von „My Funny Valentine“ mit der NDR Big Band und dem Radio-Orchester Hannover aus dem Jahr 1987 verweht ist. Brandt und die Hörbuch-Inszenierung lassen die großartige Prosa Dyers zum delikaten Genuß für Ohr und Sentiment werden. Dafür unsere Auszeichnung: den Musenkuß.
 
Matthias Brandt liest - „But beautiful“ - Ein Buch über Jazz, von Geoff Dyer
3 CDs im Schuber
Gastsprecher: Susanne Betancor, Helge Schneider, Jimmy Woode und Till Brönner
 
© 2004 tacheles! - ROOF Music RD 2433215 - ISBN 3-936186-64-2 – Indigo Best.-Nr. 49332

Musik: Lester Young – „These Foolish Things“ 03:41 - Thelonious Monk - „Remember“ 02:43 - Charles Mingus - „I Can´t Get Started“ 06:10 - Chet Baker - „My Funny Valentine“ 09:34
Gesamtzeit: 3:14:44
 
Das Buch zur CD: Geoff Dyer, „But beautiful“, Argon Verlag, Berlin 2001, 253 Seiten, geb. 24,90 € (vergriffen) – auch als Fischer TB 15314, 12,95 €

Das Booklet enthält außer den Lebensdaten Fotos, Aussagen von Musikerkollegen und discographische Empfehlungen.

Weitere Informationen unter:  www.roofmusic.de