Der Perlinger-Weg ins Gl├╝ck - Die Achtundsechziger

von Sissi Perlinger

© Sissi Perlinger
Die Achtundsechziger
 
Ich gehörte altersbedingt leider nur zur Nachhut der größten, spannendsten und nachhaltigsten Umwälzung unseres gesellschaftlichen Lebens, die die gesamte westliche Welt je erlebt hat. Eine wirklich friedliche Revolution, eine echte Jugendbewegung, keine künstlich erzeugte Modewelle, sondern eine großartige Idee, die sich in so vielen Köpfen und Herzen zu einer unglaublichen Kraft entwickelte. Die Achtundsechziger-Bewegung hatte unglaublich viele gute Ansätze, Schade finde ich, wie das dann später geendet hat.
Wir wollten Kriege stoppen, die Umwelt schützen, der Dritten Welt helfen, den Rassismus aufheben, die verklemmte Sexualität befreien, die Benachteiligung der Frau beenden, Kinder liberaler und liebevoller erziehen. Lauter große, wichtige Dinge, die echt nötig waren und von denen sich einige sogar verwirklicht haben, zumindest in den Großstädten der westlichen Welt. Wir waren politisch wach und unbequem. Wir sind nicht grölend mit der Burger-King-Pappkrone durch die Fußgängerzonen getorkelt, wir haben gegen Mißstände demonstriert! Wir alle haben damals die Welt in vielerlei Hinsicht nachhaltig zum Besseren verändert. Mein Gott, man stelle sich vor, was diese Bewegung alles erreicht hätte, wenn all diese guten Ansätze nicht gleich wieder vergessen worden wären  wegen der vielen Kifferei. Warum das alles so gelaufen ist und so viele junge Menschen damals an allerlei Drogencocktails gestorben sind, dafür gibt es mehrere verschiedene Erklärungsversuche.
 
Die Esoteriker sagen: Eine große Anzahl von Seelen wollte damals nur ganz kurz leben, weil sie vor der Schwelle zu einem höheren Bewußtsein standen. Durch die Drogen konnten sie schon mal einen kurzen Vorgeschmack darauf bekommen. Und aus Sehnsucht nach diesem Zustand haben sie sich wie Kerzen an beiden Seiten angezündet, damit sie schneller wieder geboren werden können.
Die Verschwörungstheoretiker sagen: Der CIA hat die Drogen in großem Umfang unter die Leute gebracht, weil der wusste, daß sich die revolutionäre Energie der Jugend so am schnellsten aufweichen läßt. Ich glaube, zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit hat die breite Masse versucht, den Umgang mit Drogen zu lernen. Und das hat natürlich dem Ansehen der ganzen Sache schwer geschadet. Deswegen herrschte auch bald ein sehr polemischer Tonfall in den Medien, und wenn ein Hippie überhaupt je auftauchte in irgendeinem Medium, wie TV oder Film, dann nur als zeitlupig bekiffter, schlabberhosiger Softie. Auch auf Kabarettbühnen verging kein Abend ohne eine HippieVerarsche-Nummer. Der wollsockige, Körner fressende, Kräutertee trinkende, Jesuslatschen tragende Frauenversteher war 20 Jahre lang dankbares Opfer und folglich leider auch das Letzte, was »Mann« sein wollte.
Okay Menschen, die Bäume umarmen, müssen sich nicht wundern, wenn man sie durch den Kakao zieht. Viele Männer haben zu Recht gesagt; »Was hab ich denn davon? Lauter Borkenkäfer in meinem Armani-Anzug.«
Aber warum waren die Achtundsechziger denn wirklich plötzlich so out, obwohl sie kurz vorher immerhin die Welt verändert hatten? Meiner Meinung nach, weil sie sich kommerziell nicht vermarkten ließen. Die Medien haben sie als Zielscheibe auserkoren, denn viele Freaks haben sich dem Markenwahn verweigert. Sie hören immer noch Bob Marley und nicht irgendwelche Boygroups, und ruinieren sich nicht ihre Gesundheit, um Papi zu beweisen, daß sie sich ’nen Porsche leisten können.
Die lassen sich auch nicht mit ’ner Abwrackprämie locken. Die fahren ihren VW-Bus weiter, bis er Moos ansetzt. Die stinkigsten, ältesten Dreckschleudern gehören paradoxerweise sehr oft irgendwelchen Freaks, die dann aber auf große Umweltaktivisten machen. Mir sagt mein gesunder Menschenverstand; Irgendwann ist einfach Ende mit dem Wirtschaftswachstum. Die meisten Menschen in Deutschland haben doch schon zwei Autos, Eines, das im Stau steht, und eines, das irgendwo verkehrsbehindernd parkt.
Aber in erster Linie war es natürlich der Drogenkonsum, der diese ganze Bewegung unglaubwürdig machte. Den Indianern hat man Feuerwasser gegeben und ihre wunderbare Kultur zerstört, die Hippies haben sich völlig ins Abseits gekifft. Und warum?? Weil ihnen die weise Führung von erfahrenen Medizinmännern oder Schamaninnen gefehlt hat.
 


(Textauszug aus "Auszeit! Der Perlinger-Weg ins Glück"
mit freundlicher Genehmigung des Südwest Verlages)
Weitere Informationen unter: www.sissi-perlinger.de
Redaktion: Frank Becker