Richard Wagner ├╝ber die Hintertreppe (2)

Zu seinem 200. Geburtstag

von Johannes Vesper

Foto © Johannes Vesper
Richard Wagner (1813-1883)
über die Hintertreppe

Zu seinem 200. Geburtstag

von Johannes Vesper
 

Am Magdeburger Theater ist Richard Wagner als Dirigent inzwischen erfolgreich: er dirigiert Don Giovanni, Freischütz, Oberon, Barbier von Sevilla, Fidelio, Fra Diavolo und kann seinen modernen Dirigierstil entwickeln. Während zuvor der Dirigent als gewöhnlicher Taktschläger künstlerisch für die Interpretation kaum eine Rolle spielte, also mehr als menschliches Metronom fungierte, nimmt Richard Wagner als einer der ersten mit dem Rücken zum Publikum stehend, Blickkontakt mit den Musikern auf, übermittelt ihnen mit Körpersprache, Gestik und Mimik, mit Gesang seine musikalischen Vorstellungen. Richard Wagner ist der erste moderne Pultstar und der größte Schuldner Magdeburgs.
 
Theaterskandal in Magdeburg
 
Sein Schwager Brockhaus leiht im einen größeren Betrag. So kann der inzwischen 22jährige 1835 eine Reise zu etlichen Opernhäusern antreten, um seinen Gläubigern zu entfliehen und um eventuell eine bessere Stelle zu erreichen. Er reist über Karlsbad, Eger und Prag nach Bayreuth –zum ersten Mal in Bayreuth - und Nürnberg, wo er nachts einen Straßensänger hört und in eine Schlägerei verwickelt wird, die musikgeschichtlich bedeutsam werden wird: 30 Jahre später verarbeitet er sie künstlerisch in der Prügelszene des 2. Aktes der Meistersinger, die ihre Authentizität durch dieses Erlebnis in Nürnberg 1835 erhält. Zurück in Magdeburg, komponiert er weiter am „Liebesverbot“. Die Uraufführung am 29.03. 1836 wurde mal wieder ein Fiasko: Zur zweiten Aufführung kommen insgesamt drei Zuschauer und dann muß auch noch die Aufführung wegen einer Eifersuchtszene der Hauptdarsteller mit Ausweitung der Prügeleien auf das gesamte Ensemble unmittelbar vor Beginn der Oper abgesagt werden. Eine weitere Aufführung gibt es nicht. Richard Wagner hatte die zu erwartenden Einnahmen aus dieser Oper natürlich schon verplant bzw. ausgegeben. Seine finanzielle Situation wird eng und enger. Im Hinblick auf seine Gläubiger schreibt RW an seinen Freund Robert Schumann: „Lieber Schumann, hier gibt es nur Scheißkerle.“ In Schumanns einflußreicher „Neue Zeitschrift für Musik“ erscheint eine Rezension über das Liebesverbot, in welcher der anonyme Rezensent schreibt: „Es ist viel drin, und was mir gefällt, es klingt alles, es ist Musik und Melodie drin, was wir bei unseren deutschen Opern jetzt ziemlich suchen müssen.“ Wer ist der Rezensent? Es ist Richard Wagner selbst, der über sich schreibt. Sein Freund Robert Schumann hat das Spiel mitgemacht!
 
Kabale in Königsberg
 
Schlechte Zeiten für den inzwischen vereinsamten Richard, denn seine Verlobte Minna hat ein Engagement in Königsberg erhalten und macht dort Karriere. Richard Wagner dagegen erhält gerichtliche Vorlagen. Sogar Schuldhaft wird ihm angedroht. Er flieht aus Magdeburg und reist seiner Minna nach Königsberg nach. Mit Hilfe und dank der Intrigen eines neuen Freundes, eines alteingesessenen Bürgers der Stadt Königsberg namens Möller („Freund Abraham“), bekommt er dort einige Dirigate, lebt von geliehenem Geld und will trotz schwieriger Beziehungsprobleme und Furcht vor der gemeinsamen Zukunft seine Minna heiraten. Das ist nicht so einfach, denn nach preußischem Gesetz ist er mit 23 Jahren noch nicht volljährig. Freund Abraham aber hilft mit Rat und Tat und so wird er durch Fälschung der Papiere um ein Jahr älter und Minna gleich um vier Jahre jünger gemacht. Unmittelbar nach der Hochzeit kommen per Post die Klageschriften wegen der zurückgelassenen Schulden aus Magdeburg nach und die Auslieferung wird verlangt. Nach sächsischem Recht war Richard Wagner aber faktisch noch minderjährig, nämlich 23 Jahre alt. Die Rechtslage ist dank der Hilfe des einflußreichen Abrahams dann aber eindeutig. Die geschlossene und natürlich auch vollzogene Hochzeit ist zwar gültig und kann nicht mehr annulliert werden. Dank des vorgelegten echten Taufscheins wird aber zur Verblüffung der Königsberger Behörden die Minderjährigkeit, die vor Auslieferung schützt, belegt. Richard Wagner kann aber nur vorübergehend aufatmen: Mitte 1837 ist das Königsberger Theater pleite und Richard findet eines Tages seine Wohnung leer vor: Minna ist mit Sack, Pack und einem jüdischen Liebhaber durchgebrannt. Wagner reist ohne jedes Geld hinter her und will mit dem Verkauf verbliebener Hochzeitsgeschenke seine Reise bezahlen. Für ein vergoldetes Kuchenkörbchen kommt er 60 km weit bis Elbing. Berlin ist immer noch mehr als 400 km entfernt und unerreichbar. Für ein silbernes Zuckerdöschen kann er wenigstens zurück nach Königsberg.
 
Champagner in Riga
 
Gerade rechtszeitig erhält er das Angebot, ab August 1837 für 1000 Rubel im Jahr (entsprechend 29.000 €) als Kapellmeister in Riga tätig zu werden. Schwein gehabt: neue Stelle und im russischen Riga nicht greifbar für alle sächsischen und preußischen Gläubiger. In Riga kommt es dank Richard Wagner zu einem blühenden Opern- und Musikleben Außerdem hat Minna inzwischen bereut und Richard verziehen. Und als in Riga die Position der 1. Sängerin frei wird, kommt Minna zu ihm zurück. Sie mieten mietet eine große Luxuswohnung, laden die Rigaer Szene zu Champagner, Lachs und Kaviar ein, was mit den Kapellmeistereinkünften auf Dauer nicht zu bezahlen ist. So hört man die Schulden förmlich wachsen. Er arbeitet an seiner Oper „Rienzi“ und liest Heinrich Heine „Aus den Memoiren des Herrn von Schnabelowski die Sage über den Fliegenden Holländer“.
 
Im Frühjahr 1839 wird Richard Wagner in Riga nach Wechsel der Intendanz hinausgeworfen. Er will jetzt in die Weltstadt der Kunst und Musik: nach Paris. So einfach ist das aber nicht. Aus Rußland konnte man erst ausreisen, nachdem man dreimal in Zeitungsinseraten die geplante Ausreise kundgetan hatte. Das hätte sämtliche Gläubiger aufmerksam gemacht. Abraham, sein schlitzohriger Freund aus alten Zeiten, rät zur Flucht über die russisch-preußische Grenze. Am 9. Juli 1839 soll die Flucht stattfinden. Wenige Tage zuvor läuft Richard Wagner ein riesiger Neufundländer zu, der auf den Namen Robber hört. Der Hund muß mit, Wagner besteht darauf. Also geht es mit Hund per Kutsche zur Grenze, die nachts bei unaufmerksamen Grenzern zu Fuß mit Hund und Frau passiert wird.      
 
Abenteuerliche Flucht nach Paris
 
Eine Kutschfahrt durch Preußen nach Paris kommt mit Hund und Schulden nicht in Frage. Die drei Reisenden werden von Freund Abraham in Pillau unter Umgehung der Zollkontrollen auf ein heruntergekommenes Schiff geschmuggelt: 25 m lang war der marode zweimastige Kahn namens Thetis. Man legt am 19. Juli ab, gerät zunächst in eine Flaute, dann aber kommt plötzlich Sturm bzw. Orkan auf, und man erreicht in höchster Angst nur mit größter Mühe eine geschützte Felsbuch in Südnorwegen. Aus dieser Sturmnacht im Skagerrak entstanden die Bühnenbilder seiner Oper „Der fliegende Holländer“: „Felsen im Vordergrund, finsteres Wetter, heftiger Sturm, der in offener See die Wogen peitscht, Das Schiff Dalands hat soeben dicht am Ufer Anker geworfen“ wird er in den Regieanweisungen später schreiben. Jetzt geht aber erstmal die Seefahrt weiter in Richtung London. Wieder kommt es zum Gewittersturm, der Kapitän verliert in der Nordsee die Orientierung. Richard und Minna binden sich zusammen, um nicht von Deck gespült zu werden. Robber heult vor Entsetzen in der Sturmnacht. Danach sind dem Komponisten auch Musik und Drama des „Fliegenden Holländer“ klar : Senta stürzt sich vom Felsen und der Holländer geht unter (kurz gefasst). Heinrich Heine wird später die Moral des Stückes zusammenzufassen: „Die Moral des Stückes ist für Frauen, daß sie sich in Acht nehmen müssen, keinen fliegenden Holländer zu heiraten und wir Männer ersehen aus diesem Stücke, daß wir durch die Weiber im günstigsten Fall zu Grunde gehen.“
Endlich wird am 12.08.1839 London erreicht. Für die Reise waren ursprünglich 8 Tage angesetzt. 24 Tage hat sie gedauert.
 
Schon am nächsten Tag geht es weiter nach Paris. Das Ehepaar Wagner, zwar mit Hund, aber ohne jedes Geld, bezieht ein kleines Pensionszimmer.
 
Freundschaft mit Meyerbeer und Heine
 
Die Eheringe und einige noch vorhandene Hochzeitsgeschenke werden versetzt, damit man überhaupt etwas zu beißen kaufen kann. Richard Wagner komponiert weiter an seiner Grand Opera „Rienzi“, mit deren Uraufführung in Paris er seine Geldnot schnell beenden zu können glaubt. Aber er bekommt als Musiker in Paris kein Bein auf die Bühne, obwohl Giacomo Meyerbeer, der erfolgreiche und berühmte Komponist, sich mehrfach für ihn verwendet. Die Geldnot wächst mal wieder. Richard hat einen, nur einen eleganten Anzug, trägt Stiefel tatsächlich ohne Sohlen, die sind durchgelaufen, und schreibt Zeitungsartikel auch für die Abendzeitung in Dresden, die dafür aber nicht bezahlt. Er vollendet am 4.12.1840 „Rienzi“, schickt die Partitur nach Dresden und beginnt mit der Arbeit am

Foto © Johannes Vesper
Fliegenden Holländer. Die schriftstellerischen Erfolge in der Pariser Zeit beruhen auf seiner Bekanntschaft zu Heinrich Heine, dessen leichten, lockeren Feuilleton-Stil er kopiert. Heinrich Heine ist sein Freund und Ideengeber. Schon die Geschichte des Fliegenden Holländer geht auf Heine zurück. Ihm verdankt er die Bekanntschaft der intellektuellen und musikalischen Kreise in Paris und ihn verteidigt er in der Dresdner Abendzeitung gegen die „deutsche Schmähgier“. Im Übrigen trifft er sich mit seinen armen Freunden, darunter dem Maler Ernst Benedikt Kietz in einer Boheme-Szenerie, wie sie später bei Puccini auf die Bühne kommt. Die finanziellen Verhältnisse entwickeln sich zunehmend katastrophal. Wagner schreibt einen Bittbrief an Giacomo Meyerbeer, der inzwischen Generalmusikdirektor in Berlin werden sollte:
„Ich muß mich an jemanden verkaufen, um Hilfe im substantiellsten Sinne zu erhalten. Ich muß Ihr Sklave mit Kopf und Leib werden. Kaufen Sie mich darum, mein Herr, Sie machen keinen ganz unwerten Kauf. Fünfundzwanzighundert Franken (15.000 Euro) werden mir in den nächsten Winter helfen, wollen Sie mir sie leihen? Hier bin ich, hier ist der Kopf, das Herz und hier die Hände Ihres Eigentums: Richard Wagner.“
Minna schreibt an Wagners Freund Richard Apel: „Heute früh hat mich RW verlassen müssen, um ins Schuldgefängnis zu ziehen! ...Hilfe, Hilfe.“
Das war geschwindelt, Minnas Brief ist von Richard selbst verfaßt worden! Richard Wagner ist wahrhaft ein Pump-Genie und im Hinblick auf unsere finanziellen Verhältnisse in Europa heute wirklich ein moderner Mensch.
 
In Paris lernt Richard Wagner auch Franz Liszt kennen, der später für ihn ja sehr wichtig werden würde. Aus Dresden erhält er die Nachricht, daß „Rienzi“ im Oktober 1842 dort uraufgeführt werden wird. Daraufhin leiht er sich weiter Geld und verläßt Paris am 7. April 1842 per Postkutsche in Richtung Dresden.
 
Dresden 1842
 
Noch reist Richard Wagner per Post- oder Lohnkutsche. Mit der Lohnkutsche wurde damals so wie heute mit einer Spedition eigentlich Fracht transportiert und der Passagier nur mitgenommen, wenn Ziel und Zeit der geplanten Reise mit dem Transport der Fracht überein stimmten. Komfortabler war die Postkutsche. Seit 1835 aber, nach der ersten Fahrt einer Eisenbahn zwischen Nürnberg und Führt, entwickelt sich aber schnell das Eisenbahnnetz (1841 Düsseldorf-Elberfeld, 1846 Berlin-Hamburg, 1859 Eisenbahnbrücke in Köln) und Richard Wagner wird dieses moderne Verkehrsystem später für seine Reisen durch ganz Europa nutzen.
 
1842 geht es aber erstmal noch in der Kutsche bei strömendem Regen Richtung nach Osten und man erreicht schließlich Eisenach, Unter tiefen Wolken und Nebel erscheint rechts die Wachtburg und links der Hörselberg. Heute fährt man da auf der A 4. Wagner kennt natürlich die Geschichte des mittelalterlichen Sängers Tannhäuser, der fromme Lieder dichtet, Frauen besingt und liebt und dann 1267 plötzlich in die Höhlen des Hörselberges verschwindet, um dort etwas konkreter mit der Liebesgöttin Venus und all ihren Gespielinnen Liebe zu machen. So entsteht sozusagen auf dem Parkplatz der heutigen Autobahnraststätte Hörselberg in Wagners Kopf die Idee zum „Tannhäuser“.
 
In Dresden angekommen, reist Richard Wagner mit geliehenem Geld aus seiner Familie (Brockhaus) in die Ferien nach Teplitz im Böhmer Wald, wandert alleine zum Schreckenstein bei Aussig und geistert, in weiße Laken gehüllt, bei Vollmond durch die Burgruine, (Zitat) „um mir so selbst zu fehlenden Gespenstererscheinung zu werden. Hier setze ich denn nun in meinem Taschenbuch den ausführlichen Plan zu einer dreiaktigen Oper ´Der Venusberg` auf.“ Erste Notizen zum Tannhäuser.
Und am 20.Oktober 1842 dauert die Uraufführung von Rienzi 6 Stunden. Die große Primadonna Wilhelmine Schröder-Devrient, die er ja als Jugendlicher schon verehrt hat, singt, und das Publikum ist begeistert. Am Ende 15 Minuten tosender Applaus für diese Grand Opera im alten Stil mit Arien und Sprechtexten im Wechsel, Genuß und Konsum für reiche Bürger und alten Adel.
 

Lesen Sie am nächsten Montag hier, was danach geschah.
 Redaktion: Frank Becker