10 Jahre TalTonTheater

R├╝ckblick und Ausblick

Red./Frank Becker

10 Jahre TalTonTheater
Rückblick und Ausblick
 
Das Wuppertaler TalTonTheater kann in diesen Tagen sein 10jähriges Jubiläum feiern - dazu gratulieren die Musenblätter herzlich. Da die Eröffnungsrede, die Jens Kalkhorst für Theater und Ensemble hielt, auch Schlaglichter auf die Kultur- und Theater-Situation der Stadt wirft, haben wir uns ausgebeten, diese Rede veröffentlichen zu dürfen. An der anschließenden angeregten Gesprächsrunde nahm auch Wuppertals Kulturdezernent Matthias Nocke teil, den die Musenblätter aus Gründen des Gleichgewichts der Meinungen um einen Kommentar zur Rede und zur Situation der Kultur in der Stadt gebeten haben. Beide Texte können wir Ihnen heute hier vorstellen.
 
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Taltontheater Freunde,
 
ich begrüße Sie im Namen des Ensembles des TalTonTheaters und danke Ihnen, daß Sie unserer Einladung gefolgt sind, um mit uns das 10-jährige Bestehen des Taltontheaters zu feiern!
 
Während den Vorbereitungen zu unserer Jubiläumsfeier mußte ich in den letzten Tagen immer wieder an meine Worte denke, die ich anläßlich der Proben zur ersten TTT Premiere zu meiner Mitstreiterin Angela del Vecchio sagte: „Hör mal, wir machen das alles ganz ohne Stress“. 10 Jahre weiter muß ich gestehen, ich habe nicht ganz Wort halten können.
41 Premieren hat es in dieser Zeit gegeben, eine Puppentheaterbühne, das Märchenfestival, eine Dracula-Produktion, die selbst in Bayern für Schauer sorgte und zu guter Letzt die Erschaffung einer eigenen Bühne in diesem Haus.
Es ist nicht so, daß David Meister, Maurice Kaeber, Angela del Vecchio und ich vom ersten Tag an dieses Ziel im Blick hatten, im Gegenteil, am Anfang stand der einfache Wunsch gutes Theater machen zu wollen. Rasch entstand die Zusammenstellung eines Spielplans, der noch heute das Bild jeder Saison prägt. Ein Spielplan, der immer auch die Auseinandersetzung mit den großen Texten der Theaterliteratur sucht, der aber auch keine Angst vor den „Niederungen“ der leichten Unterhaltung scheut.
Diese 10 Jahre waren gezeichnet durch ein beständiges Wachsen, geprägt durch immer neue Gesichter, die sich für diese Idee des Theatermachens begeistern konnten.
Und was mit Hilfe vereinter Kräfte verschiedenster Couleur, unter anderem der Wuppertaler Stadtwerke, der Stadtsparkasse Wuppertal, der Jackstädt-Stiftung, dem Kulturbüro sowie familiärer und fachlicher Unterstützung möglich ist, sehen wir hier. In weniger als 3 Monaten entstand aus einer leeren Tischler-Werkstatt diese Theater-Bühne, die sich seit der Eröffnung im Januar 2012 stetig wachsender Beliebtheit erfreut.
Das TalTonTheater wollte von Anbeginn immer etwas mehr sein, als eine reine Theaterbühne. Ein Teil unserer Arbeit besteht auch darin, junge Menschen mit der Kunstform Theater in Kontakt zu bringen. Das TTT kooperiert seit mehreren Jahren mit der Gesamtschule Else-Lasker-Schüler im Rahmen der Profilklasse Theater. Auch zahlreichen Schülervorstellungen gehören in jeder Spielzeit zum festen Tagesgeschäft. Darüber hinaus arbeiten wir seit 8 Jahren mit Schulen aus Wuppertal und Umgebung zusammen, um Schülern und Studenten ein individuelles Praktikum anzubieten. Aufgrund der kleinen Wege unseres Hauses haben wir die Möglichkeit, den Praktikanten in die verschiedensten Bereiche eines Theaters Einblicke zu gewähren und sie Erfahrungen sammeln zu lassen. Es freut uns besonders, daß viele der ehemaligen Praktikanten über das Ende des Praktikums hinaus dem Haus in verschiedenster Weise treu verbunden bleiben, was für den Team-Geist und das Zusammengehörigkeitsgefühl unseres Hauses spricht.
Mittlerweile ist die Wirkung des TalTonTheaters nicht nur auf Wuppertal beschränkt. Das Einzugsgebiet unseres Hauses bezieht sich nicht nur auf die umliegenden Städte. Auch Besucher aus Köln und Düsseldorf nehmen das TalTonTheater positiv wahr. Diese erfreulichen Akzente in der Außenwahrnehmung Wuppertal sollte einer Stadtverwaltung nicht gänzlich egal sein. Gerade in dieser Stadt, die bis jetzt gerne als Negativ-Beispiel für den Umgang mit öffentlicher Kultur aufgeführt wird.
Und so sollte hier bei allem Grund zur Freude über unseren 10. Geburtstag eine kritische Bemerkung erlaubt sein. Würden wir den rund 30 Menschen, die hier regelmäßig auf und hinter der Bühne tätig sind, irgendeine Form von Entgelt zahlen, wäre das TalTonTheater innerhalb der nächsten Monate finanziell am Ende, bzw. wir hätten nie 10 Jahre überlebt.
Fakt ist, daß zum momentanen Zeitpunkt alle Theater dieser Stadt vom Kinder- und Jugendtheater über Tic und Müllers Marionetten-Theaters bis zu den Wuppertaler Bühnen durch eine institutionelle Förderung städtisch subventioniert werden. Uns bleibt bisher trotz 10 Jahre Kulturarbeit in und für Wuppertal diese finanzielle Zuwendung verwehrt, obwohl die Förderung, wie der Name schon sagt, eine Grundsicherung der Institution darstellen soll. Auch wenn wir in den vergangenen Jahren bewiesen haben, daß wir die gesamte Bandbreite der Theaterliteratur mit hohem künstlerischem Niveau erfolgreich auf die Bühne bringen konnten, ist eine Fortsetzung der bestehenden Qualität oder gar eine Steigerung für uns nur mit externer finanzieller Förderung möglich.
Über eine Neuausrichtung der Verteilung zur Verfügung stehender Gelder mag sich bei der Stadtverwaltung anscheinend keiner Gedanken machen. Die Standard-Antwort: „Was sollen die aktuell Geförderten denn dazu sagen?!“ als fadenscheinige Plattitüde wird an dieser Stelle gerne vorgeschoben.
Es soll hier kein Mißverständnis entstehen. Wir wollen andere Institutionen und ihre künstlerische Arbeit nicht diskreditieren oder ihre Förderungswürdigkeit in Frage stellen. Uns geht es vielmehr um eine gerechte Verteilung der städtischen Mittel, die sich am tatsächlichen Bild des kulturellen Lebens unserer Stadt orientiert.
Aktuell leistet sich unsere Stadt eine Förderungspolitik, die so tut als ob sich an der kulturellen Entwicklung Wuppertals seit 1990 nichts getan hat. Wir hoffen fest darauf, daß die Entscheidungsträger dieser Stadt es wagen, diese festgefahrenen Strukturen aufzubrechen.
Denn es wußte schon Gustav Mahler: „Alles immer so zu belassen wie es immer war erscheint mir langweilig, denn wissen sie: Tradition ist nichts anderes als Schlamperei.“
Wir freuen uns, Ihnen nun einen Einblick in diese 10 Jahre zu präsentieren und in erster Linie freuen wir uns das wir so weit gekommen sind - und unser Dank gilt jenen Menschen, die mit uns bei jeder Premiere aufs Neue auf eine künstlerische Reise gehen, mit dem Willen ein einzigartiges Theatererlebnis zu erschaffen. Und den Personen und Institutionen, die uns dabei finanziell unterstützt haben. Wir sind ein gemeinnütziger Verein und es bieten sich verschiedene Möglichkeiten der Kooperation und Unterstützung an, die unsere Arbeit auch in Zukunft sichern. Wenn Sie Interesse haben, dann sprechen Sie uns an heute Abend oder in Zukunft. Wir freuen uns sehr darüber. Hier also nun 10 Jahre TTT, und im Anschluß möchten wir gerne mit Ihnen auf diese Zeit anzustoßen.
 
Jens Kalkhorst
 

Matthias Nocke © Frank Becker
 
Liebe Freunde des TalTon Theaters,
lieber Jens Kalkhorst,
 
herzliche Glückwünsche zum 10jährigen Bestehen eines großartigen Theaterprojekts, welches von Esprit, Engagement und Liebe zur Theaterkunst getragen seit einem Jahrzehnt die Wuppertaler Kulturszene bereichert und eine stetig wachsende Publikumsresonanz zu verzeichnen hat.
Dank auch an die „Heroen der ersten Stunde“: Angela del Vecchio, David Meister, Maurice Kaeber sowie das ganze Ensemble für ihre großartigen Leistungen, die im „festen Haus“ in der Wiesenstraße seit Anfang 2012 in ansprechender Atmosphäre zur Geltung kommen. Ein Beispiel dafür, daß durch das Zusammenführen unterschiedlicher Akteure auch aus sehr wenig – viel - erfolgreich gemacht werden kann. Dieser Satz ist das tragende Geheimnis der Freien Kulturszene in Wuppertal.
Das schöne Gustav Mahler-Zitat von Jens Kalkhorst benennt eine Quelle der Tradition neben vielen anderen. Im Fall der institutionellen Förderung einzelner Kultureinrichtungen ist die Quelle die blanke Not, die zum Einfrieren des Vorhandenen geführt hat und Nachjustierungen nur auf Umwegen außerhalb des städtischen Haushalts im Einzelfall ermöglicht hat.
Die Geschichte unseres Klimas lehrt: Keine Eiszeit währt ewig und auch eine schockgefrostete Zuschuß-Systematik kann bei politischem Willen und finanzieller Deckung verändert werden.
Allerdings sind bisherige Versuche nicht erfolgreich gewesen.  
In der Sache selbst gibt es keinen Grund, einem freien Theater, das erfolgreich unter den geschilderten Bedingungen arbeitet und durch Praktika und Schulkooperationen auch der kulturellen Bildung verpflichtet ist, eine bescheidende institutionelle Förderung zu gewähren. Persönlich bin ich zuversichtlich, daß die Begrüßungsworte der künstlerischen Leitung des TalTon Theaters zum 12jährigen Jubiläum von der Kontinuität einzigartige Theatererlebnisse zu (er-)schaffen künden werden und sich die Bedingungen für den Betrieb des TalTon Theaters verbessert haben werden.
Für die nächsten zehn Spielzeiten Toi, Toi, Toi!
 
Mit freundlichen Grüßen
Matthias Nocke



v.l.: Maurice Kaeber, Angela del Vecchio, David Meister, Jens Kalkhorst - Foto: TTT