Das gro├če Buch der Indianer - aufgezeichnet von Thomas Jeier

...und mit Spannung gelesen

von Frank Becker
Die Geschichte der Entwicklung und Unterdrückung der eigentlichen Herren des amerikanischen Kontinents

Das Buch trägt den Untertitel "Die Ureinwohner Nordamerikas". Mehr ist im Grunde zu der bis heute andauernden und von der US-Regierung tunlichst unter den Teppich gekehrten Geschichte der eigentlichen Eigentümer des nordamerikanischen Kontinents nicht zu sagen. Im eigenen Land gejagt, bestohlen, entrechtet und ermordet - das Schicksal fast aller Urvölker von Australien bis Feuerland, von Sibirien bis Südafrika, von Papua bis eben in das Land, das europäische Kolonisten einst hochmütig und gewaltsam in Besitz nahmen: Nordamerika.

Als Jungen haben wir mit glühenden Herzen und Ohren die  Abenteuer-Romane von Karl May gelesen, der den "edlen Wilden" mehr gerecht wurde, als es die Okkupanten aller sogenannten europäischen Kulturen je geschafft und noch weniger gewollt haben. Mit dem vermeintlichen Recht der Landnahme wurden die Ureinwohner zu Untermenschen erklärt und jeglicher Rechte beraubt. Berechtigter Widerstand wurde mit blutigen Strafaktionen geahndet. Es gibt neben der Judenverfolgung im Dritten Reich, der belgischen Ausbeutung des Kongo, dem Genozid durch die Türken an den Armeniern und der britischen Gewaltherrschaft in Indien und Südafrika wohl kaum einen ähnlich brutalen Vorgang in der Weltgeschichte, wie die Unterdrückung und Vernichtung der Kultur der nordamerikanischen Völker durch die "Amerikaner".

Der Deutsche Amerika-Kenner, Schriftsteller und Journalist Thomas Jeier hat sich auf über 100 ausgedehnten Reisen durch alle US-Bundesstaaten und Kanada auf die Spuren der Völker begeben, denen von Rechts wegen der riesige und reiche Kontinent gehört, die aber
ihrer natürlichen Identität beraubt seit beinahe 150 Jahren  in schändlichen "Reservaten" ihr Leben fristen müssen. Bis auf den Tag existieren vor den Augen der Weltöffentlichkeit (übrigens analog zum Schicksal der australischen Aborigines) diese erbärmlichen Ghettos, während die Nachfahren der Kolonisten in Wohlstand leben und nach wie vor fremdes Land ausbeuten.

"Das große Buch der Indianer", die ja nur wegen des Irrtums Cristoforo Colombos so heißen, öffnet ein beeindruckendes Panorama der Stämme und Kulturen, die einst in grenzenloser Freiheit den nordamerikanischen Kontinent in Einklang mit der Natur bewohnten und aus ihm lebten. Wenn man Thomas Jeiers Buch liest, kommen einem angesichts des Unrechts, das den in der Tat edlen Völkern geschen ist, ernsthafte Zweifel an der Berechtigung der Nachfahren der Eindringlinge, sich "Amerikaner" zu nennen, solange weiter die verbrieften Menschenrechte der Ureinwohner mißachtet werden. Der Ehrentitel "Amerikaner" steht eigentlich nur den Apachen, Shawnee, Lakota, Sioux, Navajo, Seminolen, Cherokee, Creek, Chickasaw, Pueblos, Irokesen, Blackfoot, Cheyenne, Crow, Kiowa, Comanchen, Pawnee und Shoshonen zu - um nur einige berühmte der vielen Stämme und Völker beim Namen zu nennen.

Ohne Verklärung und mit großer Sachkenntnis rollt Thomas Jeier die letzten 300 Jahre der Geschichte der nordamerikanischen Urvölker und ihr Schicksal während der Kolonisierung auf - informativ, reich bebildert, bestens lesbar und spannender als jeder Indianerroman. Ein Blick in die ungewisse Zukunft, einige wenige Reisetips für Interessierte und ein leider nur sehr spärlicher Index runden das hervorragend recherchierte Buch ab. Ein Standardwerk, das in Fachbibliotheken ebenso seinen Platz verdient hat wie im Bücherschrank des Amerika-Freundes oder Karl May-Lesers (damit man endlich mal weiß, wovon der geniale Flunkerer eigentlich erzählt hat).

Beispielbild

Thomas Jeier
Das große Buch der Indianer

© 2008 Verlag Carl Ueberreuter

303 Seiten, geb. m. Schutzumschlag
Hunderte von Fotos, Illustrationen und Karten in Duotone, Index
24,95 €

Weitere Informationen unter:
www.ueberreuter.at
www.jeier.de