Die geistige Situation der Zeit?

Der gro├če Mangel an Bildung! - Anmerkungen zu den 1968ern

von Ernst Peter Fischer

Ernst Peter Fischer
Die geistige Situation der Zeit?
Der große Mangel an Bildung!

Anmerkungen zu den 1968ern
 
Von Ernst Peter Fischer

In meiner Erinnerung beginnen die 1960er Jahre als eine Zeit voller Fortschrittsglauben – trotz der Mauer, die in Deutschland gebaut worden war und den östlichen Teil unseres Landes alleine ließ. Amerika war unter Präsident Kennedy aufgebrochen, um den Mond zu erreichen; die UdSSR war unter Generalsekretär Chruschtschow liberaler geworden – so wirkte es jedenfalls nach seiner Verurteilung von Stalins Verbrechen, in deren Folge er die Sowjetbürger zu wirtschaftlichen Initiativen ermutigte und ihnen ebenso eine Erleichterung ihrer Existenzbedingungen versprach, wie es das Zweite Vatikanische Konzil den Gläubigen gegenüber tat, als dort von Religionsfreiheit und Toleranz anderen Glaubensrichtungen gegenüber gesprochen wurde (was später unter einem deutschen Papst wieder einkassiert werden sollte). Die biologischen Wissenschaften waren in den 1960er Jahren zu den Genen vorgedrungen, und ihre Vertreter machten sich Gedanken, wie sie „Die Zukunft des Menschen“ entwerfen und den „Weg ins Jahr 2000“ finden könnten. So oder so ähnlich hießen Bücher, die sich gut verkauften – mit der Folge, daß nicht nur vielfach Zukunftsforschung betrieben, sondern eine brandneue Wissenschaft namens Futurologie in die Welt gesetzt wurde. In diesem Rahmen entwarfen populäre Autoren wie Robert Jungk unentwegt „Modelle für eine neue Welt“, und sie meinten dabei allen Ernstes, „Futurologie als exakte Wissenschaft“ betreiben zu können, wie einer der Vorträge von Robert Jungk im voll besetzten Auditorium Maximum der Freien Universität Berlin hieß.
                Ihm assistierte auf der anderen Seite des Atlantiks der als Militäranalytiker ausgebildete Herman Kahn, der als Direktor einer sogenannten „Denkfabrik“, des New Yorker Hudson Instituts, die Zukunft ins Visier nahm und dem sich deutsche Journalisten nur in tiefer Demutshaltung zu nähern wagten. Kahn galt als der große Weise seiner Zunft, der sich 1967 noch damit begnügte, „Die nächsten 33 Jahre“ ins Auge zu fassen, bevor er 1969 die Chuzpe besaß, ein „Modell für 1980“ vorzustellen. Und liberale Wochenzeitungen druckten das Zeug nicht nur, sie priesen es sogar an und goutierten den Kahnschen Stuß, der zum Beispiel das Ende „religiös motivierter Gewaltanwendung“ vorhersagte und selbstverständlich annahm, daß Berg- und Tunnelbau mit Kernkraft betrieben werden würde. In einem seiner weniger dummen Sätze traute Kahn Europa „nur wenig Irredentismus“ zu, was ich deshalb anführe, weil ich damals niemanden gefunden habe, der dieses Wort gekannt hätte, und weil ich auch heute niemanden kenne, der es freiwillig benutzt. Wenn ein Naturwissenschaftler sich erdreisten würde, ein Fachwort mit diesem Grad an Unbekanntheit ohne jeden Zusatz zur Lektüre anzubieten – etwa das zum Verständnis von Drogenwirkungen nötige Konzept eines Rezeptorantagonismus –, würde man ihm Unfähigkeit im Umgang mit der Öffentlichkeit attestieren. Aber beim Soziologenjargon war und ist das anders, der stand und steht nackt in den Blättern, die damals gar nicht schnell genug den „Abschied von den Eliten“ feiern konnten, den alten natürlich, denn als neue sah man sich selbst.
Ich vermute, daß die Leute, die damals solche Thesen unter das Volk brachten, gar nicht merkten, daß sie damit genau das verschwinden ließen, was wir heute dringend brauchen und ernsthaft suchen sollten, nämlich Bildung. Die 1960er Jahre erlebten vor dem Hintergrund vielfältigen wissenschaftlichen Fortschritts den oftmals so genannten Durchbruch des gesellschaftspolitischen Denkens, wobei darauf hinzuweisen ist, daß dieser militärische Ausdruck „Durchbruch“ – man durchbricht im Krieg feindliche Linien – 1963 auf- und in Mode gekommen ist und seitdem zu unserem Vokabular gehört (wo wir ihn auch als Magendurchbruch kennen). Wir meinen, dauernd irgendwo durchbrechen zu müssen, und registrieren kaum, daß wir stattdessen eher einbrechen – in der Bildung zum Beispiel.
Der oben angeführte „Durchbruch des gesellschaftspolitischen Denkens“ bestand in einer radikalen Abkehr von der klassischen Bildungstradition, wie der Altphilologe Manfred Fuhrmann einmal ausgeführt hat. Es ging vielen Menschen von da an nicht mehr um Geist, Idee und Kultur; es ging ihnen jetzt mehr um Gesellschaft, Einkommen und soziale Gerechtigkeit. Seitdem verfügen wir über keinen allgemeinverbindlichen Kanon mehr, mit dessen Hilfe früher eine Orientierung in dem vielfältigen Angebot der europäischen Kultur möglich war. Gymnasien und Universitäten begannen stattdessen, sich um individuelle Neigungen ihrer Klientel zu kümmern, und sie übernahmen die Aufgaben der Berufsvorbereitung. Studierende sollten vor allem ausgebildet werden, und sie konnten dabei ruhig ungebildet bleiben, auch wenn sie eingebildet durch die Gegend liefen.
                Falls mich jemand fragen sollte, was das Erbe der 68er Jahre sei, würde ich so antworten, wie eben dargestellt. Natürlich werde ich nicht gefragt, dafür aber Jürgen Habermas und Michael Naumann, der vieles war und sein wird, nicht zuletzt Chefredakteur der ZEIT zwischen 2001 und 2004, bevor er anschließend in den Kreis der Herausgeber aufstieg. In einem Interview mit seiner Zeitung hat Naumann einmal gesagt, daß die Einführung der Pille wahrscheinlich mehr gesellschaftliche Relevanz gehabt hat als alle Flugblätter linksradikaler Studentengruppen (ohne die Binnenmajuskel für Innen). Im Übrigen könne seine Generation – er ist Jahrgang 1941 – noch problemlos „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ auf der Autohupe drücken (lang, lang, kurz, kurz, kurz), obwohl die wenigsten noch wüßten, was dies bedeutet und wer Ho Chi Minh war. Und Habermas zufolge kann man die Folgen von 1968 mit dem Vornamen einer Frau benennen, nämlich mit Rita. Damit ist Frau Süssmuth gemeint, die Karriere als Professorin und CDU-Politikerin gemacht und es bis zum Amt der Bundestagspräsidentin gebracht hat.
                Die beiden Herren haben ja so recht. Es wäre nur an der Zeit, allmählich daraus die Konsequenzen zu ziehen. Eine offensichtliche Folge könnte darin bestehen, mehr über den Einfluß zu wissen und zu lehren, den wissenschaftlich-technische Entwicklungen für den Einzelnen – sein Leben und sein Denken – haben. Auf diese Idee müssen sie erst noch kommen. Noch weigern sich die Intellektuellen in unseren Breiten beharrlich die Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, daß eine Darstellung der „Geistigen Situation der Zeit“ ohne die Naturwissenschaft nur eine Farce werden und bleiben kann. Als am Ende der 1970er Jahre zwei von Habermas edierte Bücher mit diesem Titel erschienen, tauchte alles Mögliche – Nierentische, Couchecken und Geisteswissenschaften – in ihnen auf, nur die Naturforschung nicht. Und als zwei Jahrzehnten später – 1999 – ein Einzelband die „Bildung“ und „alles was man wissen muß“ beschrieb, blieben erneut die Naturwissenschaft auf der Strecke und außen vor. Mir scheint, daß diese Verachtung zu den sich am hartnäckigsten haltenden Ergebnissen der 68er-Jahre gehört, und wir werden für diese Dummheit noch sehr lange und sehr viel bezahlen müssen. Erst kürzlich ist ein weiterer Band bei Suhrkamp erschienen, der unter dem Titel „Die große Regression“ erneut vorgibt, „über die geistige Situation der Zeit“ Auskunft zu geben. Ein Menge links gesinnter Autoren murmelt mehr als dreihundert Seiten lang unverständliches oder abgelutschtes Zeug über Neoliberalismus, globalisiertes Lohndumping und manches mehr, ohne auch nur eine Silbe über Smartphones und die Digitalisierung zu verlieren, deren Nutznießer gerade linke Autoren sind, die zugleich dank ihrer Laptops mit ihrer Software bereit sind, die Aufgabe von Genen darin zu sehen, das Leben zu programmieren. Frei sein wollen die Linken nicht. Sie hängen lieber an finanziellen Leinen durch den Staat und goutieren genetische Leinen im Leben. Die geistige Situation der Zeit zeigt sich unter diesem theoretischen Blickwinkel wie die derzeitigen Koalitionsverhandlungen – nämlich erschütternd hilf- und ratlos. Was könnte schlimmer sein?