Die Klob├╝rste

von Erwin Grosche

     © André Poloczek
Die Klobürste
 
Wissen ist Macht, sagt man, aber ich weiß es nicht. Seitdem ich weiß, daß man alle 6 Monate die Klobürste auswechseln soll, hat sich mein Leben nicht unbedingt zum Besseren gewendet. Mein Einfluß in der Gesellschaft ist nicht gestiegen und meine Frau will immer noch, daß ich zweimal die Woche die Toilette sauber mache, als wäre „Klo saubermachen“ eine typisch männliche Domäne wie „Müll rausstellen“, „Mäuse einfangen“ und „nicht aufgegessene Kinderteller im Restaurant verputzen.“ Der Mann als Tatortreiniger. Ist er an erster Stelle zu nennen, wenn es um Umweltverschmutzungen im häuslichen Bereich geht? Ich weiß es nicht; früher hat man gesagt, eine Klobürste begleitet dich ein Leben lang, die nimmt man mit in die Ehe, die gehört zur Aussteuer; heute soll ich sie nach sechs Monaten zum Teufel schicken. Der macht die größten Haufen. Was denken die denn, wie es bei mir im Klo aussieht? Ich werfe doch nicht nach sechs Monaten die Klobürste in den Müll. Die habe ich doch gerade erst liebgewonnen, die kriegt bei mir ab 6 Monaten einen Namen, die gehört quasi zur Familie. Ich denke auch, daß die Bakterien, die dort an der Bürste entstehen, genau die sind, die den Bakterien im Klo gewachsen sind und ihnen den Kampf ansagen werden. Den Teufel mit Beelzebub austreiben. So müßte es sein in einer gerechten Welt. Sechs Monate. Da hat ja selbst meine Butter ein längeres Verfallsdatum. Was wird da auch für ein Verhalten gefördert. Ich lasse doch auch nicht meinen Partner fallen, nur weil er seine beste Zeit hinter sich hat. Wenn wir von einer Lebenserwartung von 80 Jahren ausgehen, verbringen wir rund anderthalb Jahre mit Putzen, also meine Frau. Das hört sich jetzt nicht viel an, aber in anderthalb Jahren, da können sie einige Klos so sauber kriegen, daß man daraus essen kann. Eigentlich müßten neue Putz-Erkenntnisse unsere Arbeit total erleichtert haben, aber unsere Ansprüche an Hygiene und Haushaltsführung sind so gestiegen, daß wir noch genauso viel Zeit mit Putzen verbringen wie im Jahr 1900, also 25 Stunden pro Woche. Wie sinnvoll ist das denn? Aber die meisten Handy-Gespräche werden auch bei einer Entfernung von unter 50 Metern geführt. Da hatten wir früher zwei Dosen, die mit einem Faden verbunden waren. Das hat es auch getan und wir mußten uns nicht für irgendeinen Anbieter entscheiden. Ich telefonierte immer mit Bonduelle. Einmal hat mich meine Frau wieder ermahnt nun doch endlich die Toilette sauber zu machen, da habe ich ihr gesagt, daß dafür unsere Klobürste schon zu alt ist. Man müßte sie doch immer nach sechs Monaten wechseln. Da hat sie mich angeschaut, als käme ich aus Villariba und nicht aus Villabajo. Da wußte ich auf einmal: Wissen ist Macht.
 


© Erwin Grosche
  Aus: Grosches Weltlexikon