Beckfelds Briefe

An J├╝rgen von Manger

von Hermann Beckfeld

© Henselowsky Boschmann
Er brachte seine Schwiegermutter um und den Richter zum Verzweifeln. Jürgen von Manger aus Koblenz, der die Menschen aus dem Revier beobachtete und mit seinem selbst erfundenen Ruhrdeutsch eine Stimme gab. Er war unser aller Adolf Tegtmeier.
 
Lieber Jürgen von Manger,
also näh, aber mal ährlich: Ich habe lange überlegt, wem ich meinen 300. Brief schreibe. Es mußte ein richtiger, ein kantiger Typ sein, nicht einer von den Weicheiern, von denen mir schon zu viele über den Weg gelaufen sind. Ein Mensch, der wirklich Mensch geblieben ist, mit Kohlenstaub auf der Seele. Einer, der meine Heimat liebt und lebt und leidet, der unser Revier für keine Kohle der Welt verraten würde, nie und nimmer.
Und da war ich schnell bei Dir. Dem ersten wahren Kabarettisten aus dem Ruhrgebiet, der so herrlich tegtmeierte, daß es kaum zum Aushalten war. Dem Philosophen aus dem Pott, der in selbst erfundenem Ruhrdeutsch mit seiner queren Wortwahl direkt in unsere Herzen stolperte, alle Regeln des Satzbaus mißachtend. Dem Schwiegermuttermörder und Fahrschüler, dem Vereinsvorsitzenden und Landwirt, der beim adligen Heiratsvermittler eine Frau sucht: „Ich hätte gern eine Dame, wenn’s geht in blond und vielleicht mit so ein bißchen dickere Oberarme … na ja, wenn dat zuviel ist, könnten wir ja die Beine weglassen. Hauptsache, sie hat was an de Füße.“ Punkt. Verstanden. Mitgefühlt. Mitgelitten.
Ein wenig von Dir, von Adolf Tegtmeier, vom schlitzohrigen Kleinbürger und eingeschüchterten Tiefstapler, steckte auch in jedem von uns, der „nähe Essen“ als Heimat angab, weil ihm die Provinz anne Emscher zu popelig war. Wir buckelten uns durchs Leben, das in seiner Einfachheit kompliziert genug war. Endlich hatten wir im Fernsehen und auf der Bühne einen Vor- und Fürsprecher für unser Revier, für unsere Heimat, und ganz Deutschland konnte auf Deinen Schallplatten hören, wie wir in Wirklichkeit sind, nämlich witzig, schlagfertig und selbstironisch, manchmal unbeholfen, unsicher und zu bescheiden, aber immer ährlich, selbst vor Gericht:
Fragt der Richter: „Was haben Sie dann weiter gemacht mit der Leiche?“ Antwortet Adolf Tegtmeier: „… dann habe ich sie im Keller getragen, und dann hab ich sie gesägt.“ Die Begründung folgt auf Nachfrage: Weil die tote Schwiegermutter nicht in den Bollerwagen paßte, „… äh … also, ich hatte dann drei Fuhren … und hab ich sie im Rhein-Herne-Kanal … getan – – und da war sie weg!“
Du warst einmalig, unverwechselbar; du mit Deiner Schirmmütze und dem Oberlippenbart, mit den leuchtenden Augen und dem bestürzten Gesichtsausdruck, zuweilen eine traurige Gestalt mit Hundeblick; einer, dem wir so gern geholfen hätten, wenn er sich mit aufgeschnappten Phrasen, Fremdwörtern und verdrehten Sätzen den sogenannten besseren Kreisen sprachlich annähern wollte, was stets in die Hose ging.
Dabei warst Du, geboren in Koblenz, Sohn eines Staatsanwalts und einer adligen Mutter, nur ein Zugezogener, der eigentlich selbst Jurist werden wollte, sein Studium aber abbrach. Du warst der feine Beobachter, Komiker und Schauspieler, der literarische, durchaus politische Kabarettist; Du hast uns schmunzeln lassen als Reiseleiter Adolf Tegtmeier, der uns fremde Länder auf seine gewohnt einfache Art näherbrachte, und Co-Moderator Professor Tegtmeier durfte über Deine Weisheiten spotten. Eine Doppelrolle, acht Jahre lang ein Fernsehklassiker im ZDF.
 
Lieber Jürgen von Manger,
mit 71 Jahren, nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt, bist Du am 15. März 1994 gestorben. Wer könnte besser als Du sagen, wie ich mich gefühlt habe: Verdorrinomal! Da hatte ich doch ganz schön Druck auf die Augen, trotz der Brille. (17.02.2018)    
 
 
Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags Henselowsky Boschmann.
„Beckfelds Briefe“ erscheinen jeden Samstag im Wochenendmagazin der Ruhr Nachrichten.
„Beckfelds Briefe“ gibt es auch in Buchform 

Redaktion: Frank Becker